PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungRentenkommissionSehr viele kleine VerliererStand: 12:35 UhrLesedauer: 3 MinutenWELT-Autor Tobias BlankenQuelle: Marlene Gawrisch/WELTMit den Vorschlägen der Rentenkommission dürfte fast jede Bevölkerungsgruppe gegenüber dem Status quo schlechtergestellt werden. Es gibt nicht einen großen Verlierer, sondern viele kleinere. Was für Friedrich Merz eine Chance sein kann.Stellen die jetzt durchgesickerten Kommissionsvorschläge den großen Wurf dar, der die deutsche Rentenfinanzierungsproblematik löst? Nein, denn dafür ist die über Jahrzehnte – vielen Dank auch, Herr Blüm! – aufgebaute Unwucht im deutschen Alterssicherungssystem zu massiv. Aber trotz kritikwürdiger Details gehen die Vorschläge summa summarum in die richtige Richtung.Auch, dass die Linkspartei jetzt schwer empört ist, wenig überraschend von „massiven Rentenkürzungen“ fabuliert, spricht nicht gegen die Vorschläge. Eher im Gegenteil, denn das Geschäftsmodell populistischer Parteien – hier geben sich Die Linke, AfD und BSW herzlich wenig – liegt darin, die Zumutungen der Wirklichkeit gekonnt zu verkennen, um den Leuten das Blaue vom Himmel zu versprechen. Und die Wirklichkeit besteht nun einmal aus einem demografischen Wandel, bei dem sich das Verhältnis von Beitragszahlern und -empfängern stetig verschlechtert.Lesen Sie auchUnd der Charme der Vorschläge liegt darin, die tatsächlich vorhandenen Zumutungen nicht einer Bevölkerungsgruppe – den Alten, den Jungen, den Armen, den Reichen – aufzuhalsen, sondern über diverse Stellschrauben breit zu streuen. Es gibt nicht den einen großen Verlierer (auch wenn sich in den nächsten Tagen einige Interessengruppen so stilisieren werden), sondern sehr viele kleine Verlierer. Gegenüber dem nicht mehr finanzierbarem Status quo wird fast jede Bevölkerungsgruppe bestimmte Einbußen erleiden. Etwa Rentner, bei denen die Rente langsamer als die Löhne steigen wird. Im Gegenzug gewinnen aber eben auch alle, denn eine Stabilisierung des Alterssicherungssystems dürfte im ureigensten Interesse eines jeden Deutschen sein.Die Gefahr wird jetzt darin bestehen, dass im kommenden Gesetzgebungsprozess jede Bevölkerungsgruppe versucht sein wird, die jeweils eigene Belastung zu reduzieren. Und das auch mit guten Argumenten. Etwa, wenn Beamte aufs Alimentationsprinzip verweisen. Oder Selbstständige darauf, dass sie aufs Danaergeschenk Rentenversicherungspflicht gut verzichten können. Oder Vorstände monieren, dass auf ihrem Rücken nackte Symbolpolitik betrieben wird. Und natürlich liegt es am Gesetzgeber, hier eine notwendige Feinjustierung vorzunehmen. Aber: Jedes Entgegenkommen wird Begehrlichkeiten bei anderen Gruppen wecken, wird als Ungerechtigkeit wahrgenommen werden. Und damit die Akzeptanz untergraben.Lesen Sie auchUnd hier liegt es an Friedrich Merz, ein möglichst unverwässertes Rentenreformpaket durch den Gesetzgebungsprozess zu bringen. Dafür zu sorgen, dass möglichst viele Stellschrauben greifen können, die Zumutungen am Ende tatsächlich breit gestreut werden.Lesen Sie auchAber Merz hat einen Vorteil, er kann die Betonfraktion beim Wort nehmen. Denn diese hat sich bisher hinter der Rentenkommission verschanzt. Hat immer wieder darauf bestanden, dass doch bitte die Vorschläge eben dieser Kommission abgewartet werden müssten. Jetzt liegen sie auf dem Tisch – und es wäre nur ein Ausdruck der Redlichkeit, würde die Betonfraktion jetzt auch für die Härten einstehen.