«Es wird nicht spurlos an allen vorbeigehen»: Vorschläge der Rentenkommission stossen auf viel Zustimmung, aber auch auf KritikAm Wochenende sind die Empfehlungen für eine Rentenreform bekannt geworden. Fast jede Interessengruppe findet sich darin wieder. Kritik kommt von der Linkspartei und den Gewerkschaften.22.06.2026, 12.56 Uhr4 LeseminutenBärbel Bas hat die Vorschläge der Rentenkommission am Sonntag in Berlin als «Gesamtkunstwerk» gelobt.IMAGO/Mike Schmidt / ImagoEigentlich sollen die Vorschläge der Rentenkommission erst am Dienstag Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas offiziell übergeben werden. Doch schon am Wochenende sind viele Empfehlungen bekannt geworden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon jetzt lässt sich sagen, dass die Vorschläge ungewöhnlich sind, weil sie fast allen Interessengruppen in einem gewissen Masse entgegenkommen. Die Kommission habe die Empfehlungen ausserdem im Konsens verabschiedet, heisst es. Das bedeutet: Sie werden auch von den Vertretern der Koalitionsparteien unterstützt, die ebenfalls mit im Gremium sitzen. Das erhöht die Chancen, dass die Vorschläge auch umgesetzt werden. Ihren endgültigen Bericht will die Kommission am Montag abschliessen.Die sozialdemokratische Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas lobte die 30 Empfehlungen. Bei einem Bürgerdialog am Sonntag in Berlin sagte sie: «Das ist natürlich auch so ein Gesamtkunstwerk, weil man halt über alle Generationen denken muss, wenn man ein neues System macht.»Vorzeitiger Renteneintritt soll erschwert werdenZu den wichtigsten Vorschlägen zählt die Abschaffung der abschlagsfreien Rente mit 63 Jahren für langjährig Versicherte. Sie wird vor allem von Personen mit mittleren bis höheren Einkommen genutzt, weniger von Menschen, die körperlich hart arbeiten. Stattdessen will die Kommission den vorzeitigen Renteneintritt erschweren. Für den Fall, dass Betroffene aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr bis zum Renteneintrittsalter arbeiten können, sind Ausnahmeregelungen vorgesehen.Bas kündigte an, dass die Koalition prüfen werde, «welche Jahrgänge jetzt betroffen sind, wenn wir das denn umsetzen». Zugleich versicherte sie, dass es einen Vertrauensschutz und Übergangsfristen geben werde.Bas: Rente soll vor allem auch für die Jungen sicher seinZiel einer Rentenreform ist es, die Rente langfristig finanziell zu stabilisieren. Eine besondere Herausforderung ist der demografische Wandel. Da die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland steigt, beziehen sie länger Rente. Weil gleichzeitig die Zahl der Geburten sinkt, stehen langfristig immer weniger Beitragszahler bereit, um diese Renten zu finanzieren.Wichtig sei es daher, Generationengerechtigkeit herzustellen, sagte Bas in Berlin: «Es wird nicht spurlos an allen vorbeigehen, weil wir wollen, dass die Rente auch in den nächsten Jahren gerade für die jungen Leute sicher ist.» Da in den kommenden Jahren vor allem die geburtenstarken Jahrgänge, die Babyboomer, in Rente gehen, würden die Rentenbeiträge ohne Reformen stark steigen.Auch Selbständige sollen in die staatliche Rentenkasse einzahlenZu den wichtigsten Vorschlägen der Kommission zählt weiterhin die Einführung einer Kapitalrente, die für alle Pflicht sein soll. Dadurch wird eine zusätzliche Finanzierungsquelle geschaffen, die das ganze System entlastet. Vorgesehen ist, dass künftig ein Teil der Rentenbeiträge am Kapitalmarkt investiert wird. Die Erträge sollen später zusätzlich zu der staatlichen Rente ausgezahlt werden.Zudem soll das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden. Dies kommt dem steigenden Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft entgegen. Eine pauschale Rente mit 70 Jahren ist offenbar nicht geplant.Auch der Kreis der Beitragszahler soll vergrössert werden: Künftig sollen Selbständige, Vorstände von Aktiengesellschaften, Abgeordnete und Mini-Jobber ebenfalls in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen. Beamte sind hiervon noch ausgenommen.Junge Union: «Eine grosse Chance für die Bundesregierung»Ebenfalls ändern soll sich die Berechnungsformel für Rentenerhöhungen. Zwar steht bereits fest, dass die sogenannte Haltelinie bis 2031 bestehen bleibt. Sie stabilisiert das Rentenniveau bei 48 Prozent des jeweils aktuellen Durchschnittseinkommens. Nach 2031 soll laut den Vorschlägen der Kommission allerdings der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor wieder eingeführt werden. Dies würde dazu führen, dass die Renten nicht mehr genauso stark steigen wie die Löhne. Dadurch würden die Rentner einen Teil der Folgen des demografischen Wandels mittragen; zugleich würden jüngere Menschen von zu hohen Sozialabgaben geschützt.Lob kam denn auch von der Jungen Union. «Ich glaube, es ist eine grosse Chance für die Bundesregierung», sagte Johannes Winkel, der Vorsitzende der Jugendorganisation von CDU und CSU, im ARD-Magazin «Bericht aus Berlin». Noch im vergangenen Jahr hatte die Junge Gruppe, ein Zusammenschluss konservativer Abgeordneter unter 35 Jahren, das Rentenpaket der schwarz-roten Regierung vehement kritisiert und vor einer zu starken Belastung jüngerer Generationen gewarnt. Nun sagte Winkel, es sei richtig, Anreize zur Frühverrentung ins Visier zu nehmen. Sie müssten abgeschafft werden.Linkspartei spricht von RentenkürzungenDie Jusos, die Jugendorganisation der SPD, kritisierten die Vorschläge dagegen als ungerecht. «Wer mit 18 oder 19 auf dem Bau anfängt oder in der Pflege schuftet, arbeitet somit länger, doch lebt statistisch deutlich kürzer», sagte der Juso-Vorsitzende Philipp Türmer den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Türmer plädierte stattdessen dafür, den Renteneintritt an die geleisteten Beitragsjahre zu koppeln.Kritik kam auch von der Linkspartei. «Mit der Anhebung des Renteneintrittsalters und der Abschaffung der Rente für langjährig Versicherte liefert die Rentenkommission die von der Merz-Regierung bestellten Ergebnisse: Rentenkürzungen», sagte Sören Pellmann, der Co-Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag, dem «Tagesspiegel».Gewerkschaften warfen der Kommission Realitätsferne vor. «In sehr vielen Berufen sind die körperlichen und psychischen Belastungen so hoch, dass schon ein Renteneintrittsalter mit 67 Jahren für viele Menschen unerreichbar ist», sagte Frank Werneke, der Chef der Gewerkschaft Verdi.Die Rentenkommission wurde von der Bundesregierung eingesetzt. Geleitet wird sie von der Rechtsprofessorin Constanze Janda und dem früheren Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise. Dem Gremium gehören zehn Experten an, die jeweils zur Hälfte von Union und SPD nominiert wurden. Zudem ist je ein Abgeordneter von CDU und CSU sowie der SPD vertreten.Mit Material der Deutschen Presse-AgenturPassend zum Artikel
Rentenkommission: Vorschläge stossen auf viel Zustimmung, aber auch auf Kritik
Am Wochenende sind die Empfehlungen für eine Rentenreform bekannt geworden. Fast jede Interessengruppe findet sich darin wieder. Kritik kommt von der Linkspartei und den Gewerkschaften.










