PfadnavigationHomeRegionalesHamburgInklusion im UnterrichtHamburgs Sparkurs erreicht die SchulenStand: 10:51 UhrLesedauer: 4 MinutenHamburg plant Umbau bei Schulbegleitung für Inklusionskinder – das stößt auf KritikQuelle: Jonas Güttler/dpaDie Schulbehörde ordnet die Unterstützung für Kinder mit Förderbedarf neu. Pädagogische Fachkräfte verlieren an Bedeutung, Freiwilligendienstleistende übernehmen mehr Aufgaben – der Streit um den Kern der inklusiven Schule verschärft sich.Wenn der Hamburger Senat an diesem Montag im Kaisersaal des Rathauses die Weichen für den Doppelhaushalt 2027/2028 stellt, dürfte trotz erneut erwarteter Rekordzahlen ein deutlich anderer Ton herrschen als in den vergangenen Jahren. Zwar wird der Öffentlichkeit zwei Tage später voraussichtlich wieder ein Haushalt mit Milliardenvolumen präsentiert. Doch die Spielräume werden enger – und das bekommt nun offenbar auch der Schulbereich zu spüren.Lesen Sie auchDie schwierige gesamtwirtschaftliche Lage, über die WELT in der Vorwoche ausführlich berichtete, mache auch vor Hamburg nicht Halt, sagt Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). Nach der Mai-Steuerschätzung muss die Stadt bis 2030 mit Mindereinnahmen von insgesamt 1,4 Milliarden Euro rechnen. Allein im kommenden Jahr fehlen im Vergleich zu früheren Annahmen 290 Millionen Euro, 2028 weitere 293 Millionen. Hinzu kommen nach Angaben Dressels Belastungen durch Steueränderungen des Bundes, steigende Sozialausgaben sowie die Kosten des jüngsten Tarifabschlusses im öffentlichen Dienst. Bis 2028 summieren sich diese Mehrausgaben demnach auf mehr als 1,6 Milliarden Euro. Dressel macht deshalb klar, dass Hamburg „bei den laufenden Ausgaben viele Kostensteigerungen nicht auffangen können“ werde. Über alle Behörden hinweg müsse gespart werden, wo es gehe.Wie sich dieser Konsolidierungskurs konkret auswirken kann, zeigt sich nun in der Bildungspolitik. Die Hamburger Schulbehörde will die Schulbegleitung für inklusive Kinder im kommenden Schuljahr neu ordnen. Künftig soll pädagogisch oder sozialpädagogisch ausgebildetes Personal nur noch in Ausnahmefällen bewilligt werden. In einem Schreiben an Schulen heißt es, Schulbegleitung sei eine „nachrangige, helfende Unterstützung und keine Bildungs- und Erziehungstätigkeit“. Deshalb sollen stattdessen vor allem Teilnehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr flexibel und bedarfsgerecht eingesetzt werden, um Kinder auf dem Schulweg und während des Unterrichts zu begleiten.Lesen Sie auchUnbesetzte FSJ-Stellen sollen nach den neuen Vorgaben zudem nicht mehr in Stellenanteile für sozialpädagogische Fachkräfte umgewandelt werden können. Das soll für neue Fälle gelten, aber auch für Fälle aus dem Schuljahr 2025/26 sowie für Schülerinnen und Schüler mit langfristig unveränderten Bedarfen. Besonders weitreichend ist die geplante Änderung für Kinder mit den sonderpädagogischen Förderbedarfen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung: Sie sollen im ersten Jahr grundsätzlich keine Schulbegleitung mehr erhalten. Stattdessen sind individualisierte Bildungsangebote und mögliche außerschulische Unterstützungsmaßnahmen vorgesehen. Erst wenn nach einem Jahr mit diesen Maßnahmen keine angemessene Teilhabe gelungen ist, soll Schulbegleitung als nachrangige Hilfe überhaupt erörtert werden.Die Behörde trifft die finale EntscheidungDie Entscheidung über Fördermaßnahmen bleibt zwar formal bei den sogenannten Entscheidungskonferenzen der Regionalen Bildungs- und Beratungszentren und der jeweiligen Schulleitungen, das letzte Wort soll künftig aber die Schulbehörde haben. Hintergrund der Neuregelung ist ein deutlicher Anstieg von Fallzahlen und Kosten. Nach Behördenangaben wurden im Schuljahr 2011/2012 noch in rund 460 Fällen Schulbegleitungen bewilligt. Im vergangenen Schuljahr waren es bereits 3226 Fälle, im laufenden Schuljahr sogar 4011. Die Kosten stiegen demnach von 6,75 Millionen Euro im Jahr 2014 auf fast 32,6 Millionen Euro im Jahr 2024 und 42,15 Millionen Euro im vergangenen Jahr.Lesen Sie auchGleichzeitig wächst die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf insgesamt weiter. Laut Schuljahresstatistik haben im laufenden Schuljahr 15.606 Schülerinnen und Schüler in Hamburg einen entsprechenden Förderbedarf. Das entspricht 7,0 Prozent aller Schülerinnen und Schüler und sind rund 1100 mehr als im Vorjahr. Im Vergleich zum letzten Vor-Corona-Schuljahr 2019/20 beträgt der Zuwachs sogar knapp 3000 Kinder und Jugendliche.Kritik an den Plänen kommt von mehreren Seiten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft spricht von einem grundsätzlichen Angriff auf die inklusive Schule. „Inklusion ist ein Menschenrecht und keine freiwillige Leistung, die je nach Haushaltslage gekürzt werden kann“, sagte der Hamburger GEW-Vorsitzende Sven Quiring. Wer qualifizierte Schulbegleitung zurückfahre und Unterstützung erschwere, verschlechtere die Bildungs- und Teilhabechancen der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Zugleich würden Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Schulen mit zusätzlichen Herausforderungen allein gelassen. Gerade für Schülerinnen und Schüler mit Unterstützungsbedarf in der körperlich-motorischen Entwicklung, mit Autismus-Spektrum-Störungen oder psychosozialen Problemen sei eine verlässliche und fachlich qualifizierte Begleitung eine zentrale Voraussetzung für gelingende Inklusion.Verfahren sollen transparenter werdenAuch die Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft wirft der Schulbehörde massive Kürzungen vor – quantitativ wie qualitativ. Ihre schulpolitische Sprecherin Sabine Ritter erklärte, der Anspruch eines inklusiven Schulsystems werde damit grundsätzlich infrage gestellt. Dass fachlich ausgebildetes Personal künftig nur noch eine Ausnahme sein solle, sei „ein echter Skandal“. Nach Angaben der Fraktion machen diese Kräfte derzeit etwa 16 Prozent aller genehmigten Schulbegleitungen aus.Die Schulbehörde weist die Vorwürfe zurück. Die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Unterstützungsbedarf bleibe ein zentrales Anliegen der Hamburger Schul- und Familienpolitik, heißt es. Die Anpassungen dienten dazu, die Verfahren zur Bewilligung von Schulbegleitung zielgerichteter, transparenter und nachvollziehbarer zu gestalten. So solle sichergestellt werden, dass die vorhandenen Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich benötigt würden – im Sinne einer bestmöglichen Förderung aller Kinder und Jugendlichen.lno/jlau