Urbane Gärten - Vom grossen Glück in kleinen TöpfenBalkone und Dachterrassen werden an Hitzetagen zu grünen Refugien mitten in der Stadt. Wie es sich in drei urbanen Gärten über den Dächern von Basel und Zürich lebt - und was zu beachten ist.Karina Dinser-Nennstiel21.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWas ist das Mixed-Border-Prinzip? Welche Pflanze passt zum Geschlitztblättrigen Essigbaum?Alexander Spatari / Moment RFEin sommerlicher Dienstagnachmittag auf einer Dachterrasse in Zürich. «Evelyn sieht dieses Jahr gar nicht gut aus, dafür blüht Munstead Wood umso prächtiger. Guck dir diese Schönheit an, ist das Emma Bridgewater?» Michel zeigt auf eine pink blühende englische Rose. Sein Partner Sven schaut kurz herüber und schüttelt den Kopf: «Das ist Gertrude Jekyll.» Sven und Michel, zwei Hobbygärtner im Norden von Zürich, stehen inmitten ihrer Blütenfülle. Seit über zehn Jahren gärtnern sie vor ihrer Dachwohnung im dritten Stock. Sven wurde als Kind durch den Bauerngarten der Grosseltern geprägt. Was mit einigen Terrakottatöpfen und ein paar David-Austin-Rosen begann, ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen: 180 bepflanzte Töpfe stehen mittlerweile auf der Dachterrasse.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Üppig begrünte Balkone fallen in Städten zwischen Stein-, Beton- oder Glasfassaden auf und verraten: Hier kümmert sich eine oder einer. Leider entdeckt man diese urbanen, grünen Oasen noch zu selten. Dabei sind Balkone weit mehr als ein Ort, an dem man den Grill abstellt, die Wäsche trocknet oder eine Zigi raucht. Auch auf kleinem Raum kann ein vielfältiger Rückzugsort mitten in der Natur entstehen.Sven und Michel besitzen allein bei den englischen Rosen etwa achtzig verschiedene Sorten. Strauch-Pfingstrosen sammeln sie auch. Besonders die Lutea-Sorten gelten als Rarität, sie blühen in Gelb, Apricot und Orange. Fünf hat Sven direkt bei einem Züchter in Neuseeland bestellt. «Das war ein Riesenaufwand, und der Papierkram mit dem Zoll erst», erzählt Michel, der mittlerweile genauso begeistert von Pflanzen erzählt wie sein Partner.Die hundert Quadratmeter grosse Dachterrasse erstreckt sich über drei Seiten und rahmt die Wohnung nach Osten, Süden und Westen ein. Der Blick von drinnen durch die bodentiefen Fenster ist überwältigend: eine bezaubernde Cottage-Garten-Topflandschaft, ein bisschen wie bei Alice im Wunderland. Sven hat den Balkon dem englischen Mixed-Border-Prinzip nachempfunden. Er kombiniert dazu Ziergehölze, Rosen, Stauden und Sommerblumen miteinander. Am Geländer, in zweiter Reihe, sorgen Gehölze wie Fächerahorn, Geschlitztblättriger Essigbaum und Rosenhochstämmchen für Höhe, in erster Reihe befinden sich niedrigere Pflanzen wie Katzenminze, Afrikanische Schmucklilie und Akeleien. «Ich kann die Töpfe jederzeit so anordnen, wie ich will. Das liebe ich an unserem Garten. Auch das Unkraut bekomme ich leichter in den Griff», sagt Sven. Anfangs gab es im Sommer meist eine Blühpause, und alles war grün. «Es sah aus wie Salat», fügt Michel trocken hinzu. Daraufhin ergänzte Sven Blumenzwiebeln, Stauden, Dahlien, Königslilien und Wildblumen wie das Schmalblättrige Weidenröschen, so dass nun von Frühling bis Herbst durchgehend etwas blüht. «Ich mag auch Doldenblütler wie Roten Gewürzfenchel, Dill und Wilde Möhre und setze sie in die Lücken. Wie ein Gewebe verbinden sie mit ihren zarten Strukturen die Rosen und Stauden miteinander. Und sie sind wertvolle Futterpflanzen für Schmetterlinge wie den Schwalbenschwanz, den wir regelmässig zu Besuch haben», erklärt Sven.Was braucht es, um erfolgreich in Töpfen zu gärtnern? «Geduld und Leidenschaft», sagt Michel. «Viele sehen nur den Aufwand, dabei wird man belohnt. Dieser Ort ist für uns Lebensqualität, ein Ausgleich zum Job und ein Stück grüne Freiheit in der Stadt.» Michel hat den Regenradar auf seinem Handy im Blick. «Wenn es stürmt oder hagelt, möchte ich immer am liebsten alle Rosen in die Wohnung räumen», sagt er. Heute bleibt es heiter.Das Wetter spielt eine grosse Rolle beim Gärtnern in der Stadt. «Die Abendsonne ist im Sommer brutal. Wir halten es draussen kaum aus, weil es so heiss ist. Und die Pflanzen verbrennen regelrecht.» So erleben es Philipp und Kamil aus Zürich Wiedikon, deren knapp 3 Quadratmeter kleiner Balkon im vierten Stock, am Fusse des Üetlibergs, gegen Westen exponiert liegt. Das Paar hat schon viele Pflanzen ausprobiert, nur wenige haben überlebt. Wind zerfleddert die Blätter und trocknet die Erde aus. Ihr ganzer Stolz ist eine Sal-Weide, die sich im Blumentopf ausgesät hat und plötzlich da war: «Wir haben sie in einen grösseren Topf gesetzt, und sie entwickelt sich trotz widrigen Bedingungen prächtig.» Was gut funktioniere, seien offensichtlich heimische Pflanzen, die auch Pollen und Nektar für Bienen böten,stellt Philipp fest.Zu Besuch im Dachgarten von Maja Geitlinger in Basel.Samuel SchalchEin Mehrfamilienhaus in Basel, fünfter Stock. Hier, im Stadtteil Bachletten, gärtnert die 70-jährige Baslerin Maja Geitlinger seit 22 Jahren ohne Gestaltungskonzept in ihrem wilden, natürlichen Dachgarten. «Die Pflanzung ist dynamisch und wandelt sich mit jedem Jahr», erklärt sie. Arten wie Iris, Orientalischer Mohn, Natternkopf, Königskerze und Spanisches Gänseblümchen, Jungfer im Grünen wandern ständig und suchen sich ein passendes Plätzchen im Beet. Es geht ihr wie Philipp und Kamil: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Wildpflanzen überaus dankbar sind, die Ursprungsarten bewähren sich besser als die Sorten.» Auf 150 Quadratmetern Fläche und einem Substrat von 30 bis 60 Zentimetern Stärke ist eine aussergewöhnliche Oase mit enormer Artenvielfalt entstanden. Sogar Gehölze wie Apfel, Birne und Felsenbirne gedeihen hier. Ihre Wohnung liegt direkt darunter und wird im Sommer angenehm gekühlt. «Das Klima hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Heute ist es viel trockener und heisser. Auch die Bise mit ihrem kühlen Nordostwind erschwert das Gärtnern in der Höhe», stellt Maja Geitlinger fest.Wenn sie den Garten noch einmal neu anlegen würde, dann nur mit trockenheitsverträglichen, standortgerechten Arten wie der mediterranen Zistrose und dem Wechselblättrigen Sommerflieder, die sich gut bewährt haben. Ohne zusätzliches Bewässerungssystem würde sie an heissen Sommertagen nicht mit dem Giessen hinterher kommen. «Wenn die Stadt Basel das Wasser abstellt, dann habe ich ein Problem.» Seit Jahrzehnten ist Maja Geitlinger Mitglied in der Gesellschaft Schweizer Staudenfreunde und hat durch den Austausch mit Gleichgesinnten viel dazugelernt – so viel wie durch den Dachgarten selbst: «Ich bin ein strukturierter Mensch, aber der Garten hat mich gelehrt, Wildheit zu tolerieren und gelassener zu werden. Die Natur hat ihren eigenen Plan. Dennoch muss ich gelegentlich sanft eingreifen, um Pflanzen wie den Goldfelberich in Schach zu halten.»Eine brütende Ente in der Pfingstrose oder das Beobachten der Bienen, die an den Himbeerblüten naschen: Was alle drei Stadtgärten und ihre Besitzer eint, ist die Sehnsucht nach einem Stück Natur in der Stadt, um diese lebenswerter und lebendiger zu machen. Gärtnern in der Stadt ist Arbeit und bedeutet Disziplin. Doch trotz extremen Bedingungen lieben diese Menschen ihre grünen Refugien in der Höhe. In jedem Topf steckt die Möglichkeit, die Welt so zu gestalten, wie man sie gerne hätte.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel