Interview«Wenn Putin stirbt, krank wird oder ihm etwas zustösst, kommen wir ins Spiel» – Ein rechtsextremer Russe kämpft auf der Seite der Ukrainer und träumt vom Marsch auf MoskauDenis Kapustin führt das russische Freiwilligenkorps in der Ukraine an. Wie das mit seiner rechtsextremen Vita zusammenpasst, erklärt er im Interview.Guillaume Ptak, Odessa21.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDenis Kapustin, Chef des russischen Freiwilligenkorps in der Ukraine, hat den Kampfnamen «White Rex» behalten. So hiess auch seine Modemarke für Kampfsportartikel in der rechtsextremen Szene in Europa.Thomas Peter / ReutersDer Russe, der Krieg führt gegen Wladimir Putin, wartet in einer Hotellobby in Odessa, von seinen Leibwächtern umgeben. Vor einem halben Jahr, Ende Dezember 2025, waren ihm Putins Häscher schon ganz nah. Aber Denis Kapustin zog noch einmal seinen Kopf aus der Schlinge. Der ukrainische Militärgeheimdienst täuschte den Tod des russischen Milizenführers vor, kassierte angeblich die halbe Million Dollar Kopfgeld, die der Kreml auf Kapustin ausgesetzt hatte – und präsentierte ihn dann, Scherze machend, in einem Videogespräch mit dem damaligen Geheimdienstchef Kiril Budanow. Eine Räuberpistole, ganz nach dem Geschmack der beiden Männer.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kapustin, Führer des russischen Freiwilligenkorps (RDK), das auf der Seite der Ukraine kämpft und dem Geheimdienst unterstellt ist, ist bereit zu reden. Es ist schon spät am Abend, aber der durchtrainierte 42-Jährige, ganz in Schwarz gekleidet und die Haare zu einer Bürste gestutzt, geniesst die neue Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird. Am Black Security Forum in Odessa trat er als Diskussionsteilnehmer auf. Dabei ist Denis Kapustin eine problematische Figur: ein russischer Rechtsextremer mit Einreiseverbot für die EU und die Schweiz; einer, der Putins Propaganda über Faschisten in der Ukraine auf den ersten Blick ein Körnchen Wahrheit zu geben scheint; ein Russe wiederum, der mit wenigen hundert Gefolgsleuten gegen die Diktatur in der Heimat kämpft.NZZ am Sonntag: Wer sind die Männer, die sich Ihnen anschliessen?Denis Kapustin: Das russische Freiwilligenkorps ist zu einer Art Leuchtturm für Anti-Putin-Kräfte geworden, für junge Männer, die etwas unternehmen wollen. Ein 18-Jähriger, der sich uns anschliesst, versteht vielleicht noch nicht ganz, was Krieg bedeutet. Aber er weiss, dass er Russe bleiben will, ohne mit Vergewaltigern, Plünderern und Mördern in Verbindung gebracht zu werden.Es gibt Russen, die ihr Land verlassen haben, weil sie sich nicht unterwerfen wollten. Das ist schon eine Entscheidung. Aber meine Männer gehen noch einen Schritt weiter: Sie gehen nicht einfach weg, sie greifen zu den Waffen. Diejenigen, die Russland verlassen haben, kann man als die «guten Russen» bezeichnen. Meine Männer hingegen sind russische Helden.In der Schweiz und in der Europäischen Union gelten Sie als Rechtsextremer, als Organisator der Hooligan-Szene. 2019 wurde gegen Sie ein Einreiseverbot verhängt. Wie würden Sie sich heute politisch bezeichnen?Ich bin ein russischer Nationalist. Nur hat das, was man heute als russischen Nationalismus bezeichnet, eine verrückte Wendung genommen. Meiner Ansicht nach besteht der russische Nationalismus weder darin, alle um sich herum zu töten, noch darin, Russland als belagerte Festung zu betrachten. Die Russen müssen sich von ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihrer Musik, ihrer Kunst und ihrer Militärgeschichte inspirieren lassen. Wir haben grosse Errungenschaften vorzuweisen, die es zu bewahren gilt. Aber mein russischer Nationalismus richtet sich an das russische Volk als kulturelle Gemeinschaft. Es geht nicht darum, zu beweisen, dass wir anderen überlegen sind, und sie dann zu töten, wenn sie nicht unserer Meinung sind.Welche Gestalt hätte das Russland, das Sie sich wünschen? Wenn meine Männer russische Gefangene machen, frage ich diese manchmal, was der Sinn dieses Krieges sei. Diejenigen, die antworten, sagen oft: ‹Ich glaube, es geht um das Territorium.› Aber wir haben doch bereits das grösste Land der Welt. Wozu brauchen wir noch mehr?Wenn sich ‹Russland den Russen› auf den europäischen Teil Russlands, auf Moskau und seine Regionen, beschränken muss und dies der Preis für Wohlstand und Freiheit ist, dann soll es so sein. Wenn ich ein Visum brauche, um nach Kamtschatka oder Burjatien zu reisen, die Menschen dort aber in Wohlstand leben, warum denn nicht?Kapustin und sein Freiwilligenkorps gelten als rechtsgerichtete Bewegung, die keine imperialistischen Ziele verfolgt wie Putin, aber ethnonationalistisch denkt – ein russischer Staat auf russischem Boden, bevölkert allein von ethnischen Russen. Kapustin, in Moskau geboren, aber in Köln in Deutschland in einer Familie jüdisch-russischer Aussiedler aufgewachsen, machte sich als «Denis Nikitin» einen Namen in der rechtsextremen Szene, pendelte zwischen Deutschland und Moskau. Muslimische Einwanderer und alle Linken waren seine Feinde. Unter seinem Modelabel White Rex vertrieb er auch in der Schweiz Kampfsportartikel, trainierte Mitglieder der mittlerweile aufgelösten Partei national orientierter Schweizer (Pnos).Denis Kapustin (links) rekrutiert junge Männer in Russland, aber auch russische Kriegsgefangene für sein Freiwilligenkorps in der Ukraine.Viacheslav Ratynsky / ReutersWo ziehen Sie die Grenze zwischen Ihrem Nationalismus und der vom Kreml vertretenen Ideologie der «russischen Welt»?Ich unterscheide zwischen der russischen Kultur und der russischsprachigen Kultur. Nehmen Sie Gogol: Er ist ein ukrainischer Autor, der über das Leben der ukrainischen Bauern, über Dörfer, Glaubensvorstellungen und Traditionen schrieb. Aber er schrieb auf Russisch. Das ist Teil einer russischsprachigen ukrainischen Kultur. Dostojewski, Tolstoi oder Puschkin – das ist dagegen die russische Kultur. Man kann niemanden zwingen, eine Kultur zu lieben. Ganz gleich, welche Sprache er spricht. Wenn sich jemand nicht als Teil einer Kultur versteht, warum sollte man ihn dann mit Gewalt dorthin ziehen? Wladimir Putin versucht, die Ukraine dazu zu zwingen, ihn zu lieben. Aber man kann niemanden zwingen, einen zu lieben. Je mehr man es versucht, desto mehr entfernt sich der andere.Sie rekrutieren Freiwillige aus Russland, Sie haben gute Kontakte. Was hören Sie über den Zustand von Putins Regime?In Moskau reden die Leute immer öfter über den «Alten». Sie sagen, er habe die Zügel nicht mehr so fest in der Hand, er habe den Überblick über die Lage verloren, sei nicht mehr fähig. Solche Äusserungen wären noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen. Es ist etwas im Gange. Aber niemand weiss genau, was.Welche Rolle könnte das russische Freiwilligenkorps für die Zukunft Russlands spielen?Mein Ziel ist es, das Korps zu vergrössern, weiterzuentwickeln, dem Zeitpunkt näherzubringen, an dem in Russland eine Phase politischer Turbulenzen beginnt. Diese wird unweigerlich eintreten, wenn Putin stirbt, krank wird oder ihm etwas zustösst. Das wird ein Machtvakuum schaffen. Das wird der Moment sein, in dem wir ins Spiel kommen. Der Marsch der Wagner-Gruppe von Jewgeni Prigoschin 2023 hat gezeigt, dass es in Russland, wenn eine bewaffnete Truppe vorrückt, fast niemanden gibt, der sie aufhalten kann. Die Erfahrungen der Ukraine beim Einmarsch in die Region Kursk haben noch etwas anderes gezeigt: Es gab keinen organisierten Widerstand der Bevölkerung gegen die ukrainische Armee. Das bedeutet: Wenn unsere Kolonnen auf dem Weg nach Moskau ein Dorf durchqueren, werden die Einwohner nicht mit Heugabeln herauskommen, um uns aufzuhalten.Im Mai 2023 und nochmals vor den russischen Präsidentschaftswahlen im März 2024 fiel Kapustin mit seinen Männern in den an die Ukraine grenzenden russischen Oblast Belgorod ein. Für den Kreml war das peinlich. Heute ist Kapustins Truppe an der Front in Saporischja im Süden der Ukraine stationiert. Sie schlägt russische Angreifer zurück oder erledigt Aufträge des Geheimdienstes hinter der Frontlinie auf russisch besetztem Gebiet. Für seine Verdienste erhielt er im März einen ukrainischen Militärorden.Mai 2023: Denis Kapustin spricht im ukrainischen Grenzgebiet mit Medienleuten über den Einmarsch seiner Truppe in die russische Oblast Belgorod.IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyy / www.imago-images.deIn Westeuropa sieht man die Zeit für Verhandlungen mit Putin gekommen. Wie denken Sie darüber?Man muss begreifen, dass Putins Krieg gegen die Ukraine ein Krieg gegen Europa und den Westen ist. Die Europäer fühlen sich in Bern, Barcelona oder Berlin sicher. Sie sagen sich, die russischen Panzer können nicht einmal den Donbass einnehmen, daher werden sie niemals bis zu ihnen vordringen. Doch ihr Krieg wird nicht so aussehen wie der in der Ukraine. Der hybride Krieg hat bereits begonnen: Sabotageakte, Brände, Explosionen in Munitionsfabriken, Drohnen über Flughäfen. Um Chaos in Europa auszulösen, braucht es keine massive Invasion. Russland bereitet sich auf einen dauerhaften Krieg vor.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel