Mein Freund, der Skorpion: Charlie ist ein ChillerUnser Autor hat ein neues Haustier. Mit seiner Körperlänge von rund zehn Millimetern ist er fast noch ein Baby und harmlos. Zumindest grösstenteils. Die Kolumne «Wild und wundersam».Atlant Bieri21.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenItalienischer Skorpion: Sein Gift hat etwa die Stärke von Bienen- oder Wespengift.Vividapho / Dreamstime / ImagoOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Neulich habe ich mir im Glattzentrum über Mittag ein Sandwich, eine Flasche Orangensaft und einen Skorpion gekauft. Das war überfällig. Jahrelang habe ich Trockensteinmauern vom Tessin bis auf die Balearen nach Skorpionen abgesucht. Fündig geworden bin ich nur ein einziges Mal auf der italienischen Seite des Lago Maggiore. Im Schein der Handylampe schaute er mich aus einer Mauerritze an. Unerreichbar für eine genauere Inspektion und etwaige Liebkosungen.Aber in der Tierhandlung im Glatt stapeln sich die Skorpione fein abgepackt in handlichen Plastikdosen. Die Haltung ist simpel. In eine Frischhaltebox wird etwas Walderde gefüllt, in den Deckel bohrt man mit dem Taschenmesser ein paar Luftlöcher – fertig ist der Skorpionkäfig.Wild und wundersamIn dieser Kolumne schreibt der Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern Atlant Bieri regelmässig über die Wunder der Natur.Ich taufe mein neues Haustier Charlie. Mit seiner Körperlänge von rund zehn Millimetern ist Charlie fast noch ein Baby. Er ist grösstenteils harmlos. Selbst wenn er mich stechen wollte, so könnte er mit seinem winzigen Stachel kaum meine Haut durchdringen. Er ist ein Italienischer Skorpion, und sein Gift besitzt nur etwa die Stärke von Bienen- oder Wespengift.Charlie ist ein Chiller. Tagsüber verkriecht er sich meist unter einem Stück Rinde, oder er gräbt sich in die Erde ein. In der Nacht kommt er raus und hält nach Beute Ausschau. Zu fressen bekommt er Baby-Asseln, die ich in einer separaten Frischhaltebox züchte.Charlie hat allerdings ein medizinisches Problem. An seinem Popo hat sich eine Milbe festgekrallt. Diese blutsaugenden Parasiten sind bei Skorpionen recht häufig. Ich habe versucht, die Milbe mit einer spitzen Pinzette rauszuziehen, aber die Milbe ist so klein, dass sie sich nicht greifen lässt. Seither spiele ich mit dem Gedanken, Charlie ins Dorf zum Tierarzt zu bringen. Nur um sein Gesicht zu sehen, wenn ich ihn bitte, die Milbe meines Skorpions zu entfernen.Überhaupt eignet sich Charlie vortrefflich für nerdige Pranks. Hier meine Lieblingsnummer: Ich halte meinen Zuschauern die Box unter die Nase und drehe mit blossen Fingern die Rindenstücke um. Plötzlich schreie ich laut: «Aua!» Die athletischen Höchstleistungen der Zuschauer sind immer wieder bemerkenswert. Ich habe Fünfzigjährige beobachtet, die aus dem Stand einen Meter rückwärts gesprungen sind.Charlie ist von nun an auch immer mit von der Partie, wenn ich vor Schulklassen über Insekten referiere. Mit seinen acht Beinen gehört Charlie zwar zu den Spinnentieren, aber als «Fressfeind der Insekten» hat er einen festen Platz in der Show gefunden.Unter dem Mikroskop kommt seine ganze Pracht zum Vorschein. Sogar die feinen Sinneshaare auf den Scheren, mit deren Hilfe er seine Beute aufspürt. Am Ende tue ich so, als sei mir Charlie versehentlich auf den Boden gefallen, und krieche dann, «Charlie! Wo bist du? Nicht da lang!» rufend, auf die Kinder zu. Auch Sechstklässler sind zu athletischen Höchstleistungen fähig.Atlant Bieri ist Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern. Die meiste Zeit lebt er in Pfäffikon (ZH).Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Charlie der Chiller: Ein Skorpion ist das perfekte Haustier
Unser Autor hat ein neues Haustier. Mit seiner Körperlänge von rund zehn Millimetern ist er fast noch ein Baby und harmlos. Zumindest grösstenteils. Die Kolumne «Wild und wundersam».







