«Wir in zehn Jahren»: Der Anti-Instagram-RomanWas machen die turbulente Weltlage und die Erwartungen ans Leben mit einer Patchworkfamilie? Das zeigt der neue Roman von Jessica Stanley ganz hervorragend.21.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenUngeschönte Art der Darstellung eines modernen Paars: Jessica Stanley, Autorin von «Wir in zehn Jahren».Sophie DavidsonEs ist fast zu schön, um wahr zu sein. London 2013, ein Wintertag. Ein Mädchen liegt mit dem Gesicht nach unten im Ententeich. «War das ein Notfall? Das war ein Notfall», sagt sich Coralie, neunundzwanzigeinhalb Jahre alte Werbetexterin, und springt in den eiskalten See. Sie rettet Zora, die vierjährige Tochter von Adam, Politikjournalist, Anfang 30 und frisch getrennt. So finden sich zwei durch einen Unfall. Bald enden ihre Nachrichten mit «Bdag» – Betrachte dich als geküsst. Und ein wenig später, nur ein paar Monate, haben sie ein gemeinsames Kind, Florence.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was im Roman «Wir in zehn Jahren» von Jessica Stanley so schön beginnt, weicht bald dem Alltag einer Patchworkfamilie. Coralie träumt vom literarischen Schreiben, ist aber gefangen in Arbeit, Mutterschaft, den Konflikten mit ihren schwierigen Eltern, die in Australien leben, wo Coralie aufgewachsen ist – und dem dringlichen Wunsch, ein zweites Kind zu bekommen. Mit einem Mann, der sich beruflich dem Wahnsinn der englischen Politik, die im Treibsand des herannahenden Brexits zu versinken droht, verschrieben hat: «Welche Stimmen da in der Politik auch immer zu Wort kamen, klar war schon mal, dass die Vernunft dort nichts zu melden hatte. Ein sicheres Leben sah anders aus.» Adam ist oft abwesend, physisch wie geistig, hört mehr den Nachrichten zu als seiner Frau. Er bemüht sich zwar, seiner zweifachen Vaterrolle gerecht zu werden, aber zu oft beschränkt er sich darauf, sich «um die Spülmaschine zu kümmern». Zu einer Heirat konnten sie sich noch nicht durchringen, vor allem aus Zeitgründen.Aber er schreibt. Politische Biografien zwar. Aber immerhin. Im Gegensatz zu ihr. Was sie eifersüchtig macht. Immer wieder bricht sie zusammen. Einmal fragt sie sich auf der Toilette, während vor der Tür ihre geliebte Tochter jammert: «Wie konnte es auf dieser Welt voller Ungerechtigkeiten je gerecht zugehen, wenn nicht einmal zwei Menschen, die einander liebten, ein gemeinsames Leben hinbekamen?» Bis zu diesem Leben dauert es zehn Jahre, hindurch durch etliche Regierungswechsel, eine Pandemie und den Besuch ihres unmöglichen Vaters, ein komödiantisches Glanzstück des Romans.Die Stärke des Buches von Jessica Stanley, deren eigene biografische Stationen sich stark im Text wiederfinden – ist sie doch Australierin und hat als Journalistin wie als Werbetexterin gearbeitet –, ist die ungeschönte Art der Darstellung eines modernen Paars, das durchgeschüttelt wird von den Anforderungen des Lebens und den eigenen, meist übersteigerten Erwartungen an dasselbe. Und das alles in einer Welt, die einen nicht mehr in Ruhe lässt, vor allem, wenn man Kinder hat und am öffentlichen Leben teilhaben will. Dieser Anti-Instagram-Roman gelingt Stanley durch eine zupackende Art des Erzählens, die sich vor allem durch glänzende Dialoge und eine detailgetreue Darstellung von Politik und Elternschaft äussert.Nur gegen den Schluss verliert Stanley ein wenig den Atem. Wie schnell Coralie und Adam wieder in den Armen des jeweils anderen versinken, das ist doch von erstaunlicher Geschwindigkeit. Aber vielleicht ist ja auch dies nicht von Dauer. Leider.★★★★✩ Jessica Stanley: Wir in zehn Jahren. Übersetzt von Claudia Voit. Dumont 2026, 368 Seiten.«Wir in zehn Jahren» von Jessica Stanley.Dumont-BuchverlagEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
«Wir in zehn Jahren»: Der Anti-Instagram-Roman
Was machen die turbulente Weltlage und die Erwartungen ans Leben mit einer Patchworkfamilie? Das zeigt der neue Roman von Jessica Stanley ganz hervorragend









