Der Kolumbianer Andrés Escobar wird 1994 wegen eines Eigentors erschossen – was der Mord mit heute zu tun hatNirgends ist der Fussball auf so tragische Weise politisch wie in Kolumbien. Das zeigt sich auch bei den Präsidentenwahlen in diesen Tagen.21.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAm Anfang steht ein Eigentor: Andrés Escobar nach seiner unglücklichen Aktion gegen die USA 1994.Michael Kunkel / Bongarts / GettyIn Kolumbien wurde am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Der Wahlkampf zwischen dem linken Senator Iván Cepeda und dem rechtspopulistischen Anwalt Abelardo de la Espriella war so polarisiert, dass Gewaltausbrüche in seinem Nachgang befürchtet wurden. Sowieso ist die Lage angespannt: Kokain, Milizen, Paramilitärs – die unendliche Geschichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch auch der Fussball spielt eine zentrale Rolle. Von seinem brasilianischen Vorbild Jair Bolsonaro hat Espriella die Strategie abgekupfert, seine Anhänger im Nationaltrikot auflaufen zu lassen und Kickerlegenden wie die mythischen Carlos Valderrama und Faustino Asprilla als Unterstützer einzuspannen. Der Konkurrent Cepeda wollte nicht zurückstehen, liess sich von Ultras mit dem Trikot beschenken und brachte eine Kandidatur als WM-Ausrichter aufs Tableau.Zwischen den Fronten spielt Kolumbien die WM in mexikanischen Stadien. Eine ironische Fussnote, denn als Kolumbien 1986 schon einmal die Organisation übertragen bekam und sie dann zurückgab, sprang Mexiko ein.Eigentor als Auslöser für den MordKolumbien hat Erfahrung mit der gesellschaftlichen Dimension des Fussballs: sehr leidvolle. Wenn die «Cafeteros» nach Matches gegen Usbekistan in Mexiko-Stadt (3:1) und am Dienstag gegen die Demokratische Republik Kongo in Guadalajara zum dritten Gruppenspiel gegen Portugal in die USA reisen, kommt unweigerlich die Erinnerung an einen erschütternden Vorfall hoch.Nach der letzten WM in den USA, 1994, wurde in Medellín der Nationalverteidiger Andrés Escobar erschossen. Seine Mörder erwähnten vor der Hinrichtung das Eigentor, mit dem er zehn Tage zuvor Kolumbiens 1:2-Niederlage gegen die USA und damit das Ausscheiden eingeleitet hatte. Das Tor war wohl tatsächlich der Auslöser für den Mord. Und doch ist die Geschichte dahinter viel komplexer.Kolumbien, das war damals mehr denn je Kokain und Gewalt, besonders in Medellín, der Heimatstadt von Andrés. Dort regierte das Kartell von Pablo Escobar – dem berüchtigten Kriegsherrn des Rauschgifts. Es ist mehr als nur Spekulation, dass der Weltverband Fifa den Kolumbianern für 1986 auch deshalb kaum erfüllbare Bedingungen für die Infrastruktur auftrug, weil das Land immer gefährlicher wurde.Die Rückgabe der Austragung erleichterte alle Beteiligten. Für die Bewohner garantierte Pablo Escobar allerdings eine verlässliche Parallelwelt. Er war Volkstribun, geliebt von den Armen, die ihn bei seinen öffentlichen Auftritten mit Sprechchören feierten. Escobar baute Wohnungen, finanzierte Jobs und Gesundheitsbetreuung; er machte, was der Staat nicht tat. Gleichzeitig lebte er in obszönem Luxus und gerierte sich als Robin Hood.All das funktionierte prächtig, solange Kokain hohe Devisen eintrug und im Westen als Freizeitdroge der Besserverdiener galt. Doch als in den USA 1986 der Basketball-College-Star Len Bias an einer Überdosis starb, verschärfte Präsident Reagan den «war on drugs». Bereits zwei Jahre zuvor hatte die Ermordung des kolumbianischen Justizministers durch Escobar-Killer die Toleranz der heimischen Regierung aufgebraucht. 1989 erklärte das Medellín-Kartell dem Staat den vollkommenen Krieg. In den nächsten vier Jahren ermordete es allein 657 Polizisten. Dann erwischte es Escobar selbst. 1991 hatte er sich gestellt – im Gegenzug für ein Auslieferungsverbot und die gewohnte Opulenz in einem Privatgefängnis über der Stadt.Stellte sich gegen Gewalt: Andrés Escobar.Beate Müller / Bongarts / GettyAls die Behörden realisierten, dass er sein Business von dort unvermindert weitertrieb, wollten sie ihn verlegen. Escobar floh, 1993 wurde er von einer Spezialeinheit gestellt und erschossen. Es war ein halbes Jahr vor der WM in den USA, und Medellín versank mit dem Machtverlust des Paten zunächst noch tiefer in Anarchie, Chaos und Gewalt. Mit über sechstausend Morden pro Jahr war es die gefährlichste Stadt der Welt. Der Fussball und die Nationalelf bewegten sich innerhalb dieses Rahmens.Nationalspieler kicken heimlich auf Pablo Escobars PrivatplatzZur Sozialpolitik in Escobars Narkorepublik hatte auch der Bau vieler Fussballplätze gehört. Sein und andere Kartelle übernahmen ausserdem Vereine, das diente der Diversifizierung: Wetten, Transfers, Geldwäsche. Wo Kolumbiens Fussball nie eine grosse Rolle auf dem Kontinent gespielt hatte, gewann Atlético Nacional Medellín mit dem Captain Andrés Escobar plötzlich die Copa Libertadores. Ressourcen waren da, die Stars mussten nicht mehr ins Ausland wechseln, und der persönliche Kontakt liess sich kaum vermeiden.Bekannt ist etwa ein Spiel, für das Nationalspieler wie Andrés heimlich zu Pablo Escobars Privatfussballplatz auf dessen Landsitz gekarrt wurden. Zu weit ging René Higuita, der schillernde Torwart, der sich öffentlich als Freund Pablo Escobars bezeichnete und in einer undurchsichtigen Entführungsangelegenheit zu vermitteln versuchte, was damals nach kolumbianischem Gesetz verboten war. Higuita kam für mehrere Monate in ein Gefängnis von Bogotá und konnte nicht für die WM 1994 nominiert werden.Kolumbiens Regierung ersparte das eine Peinlichkeit, wo das Nationalteam im Westen sowieso schon als Koksertruppe verspottet wurde («Was passiert, wenn Kolumbien bei der WM gegen Jamaica spielt? Erst fehlen die Linien, dann das Gras.»). Für den Nationaltrainer Francisco Maturana war es ein herber Verlust, denn seinem Team wurde viel zugetraut. Nach einem historischen 5:0-Auswärtssieg in Buenos Aires wurde es sogar von den argentinischen Fans gefeiert. Pelé nannte es als einen der Topfavoriten auf den Titel. Mit Stars wie Valderrama oder Asprilla spielte Kolumbien freigeistig und heiter – in komplettem Kontrast zur Lage im Land.Bei der Endrunde in den USA wurde die Mannschaft schnell von der düsteren Realität eingeholt. Nach einer unerwarteten Auftaktniederlage gegen Rumänien war die Wettmafia ausser sich, die Spieler wurden mit Nachrichten auf ihren Hotelbildschirmen bedroht. Maturana kam verspätet und weinend zur Teambesprechung vor dem zweiten Match gegen die USA: Ein Klubeigner hatte ihn angerufen und ihm einen Spieler ins Team diktiert – anderenfalls würde er das ganze Nationalteam umbringen lassen. «In dieser Stimmung gingen wir auf den Platz», sagte Maturana vor Jahren in der ESPN-Dokumentation «The Two Escobars».Nach 35 Minuten und etlichen vergebenen Chancen grätschte Andrés am eigenen Strafraum in eine amerikanische Flanke. Der Torwart Óscar Córdoba war schon zu Boden gegangen, das fatale Eigentor. «In diesem Moment sagte mein neunjähriger Sohn zu mir: ‹Mama, sie werden Andrés töten›», erzählte Escobars Schwester in derselben Doku. Kolumbien verlor 1:2, ein abschliessendes 2:0 gegen die Schweiz half nicht mehr zum Weiterkommen.In Kolumbien nannten sie ihn «El Caballero», «den Gentleman»: Andrés Escobar.Mark Leech / OffsideSechs Schüsse treffen EscobarAls er wieder zu Hause in Kolumbien war, sagten Familie und Freunde zu Andrés, er solle das bloss bleiben lassen, als er am Samstagabend erklärte, er wolle ausgehen. «Ich muss mich zeigen», entgegnete Escobar, ein Profi, den sie «El Caballero» nannten, «den Gentleman», weil er als bedachter Leader galt. Kurz zuvor hatte er seine WM-Erfahrungen noch in einem Zeitungsartikel thematisiert, in dem er sich gegen Gewalt aussprach: «Das Leben endet nicht hier.»Doch nachts in der Bar «El Indio» liess er sich in Wortgefechte verwickeln, «Danke für das Tor» und «Glückwunsch zum Tor» hörten Zeugen die Leute sagen, vor der Tür ging es weiter. «Es war ein ehrlicher Fehler», soll Escobar gerufen haben, als er schon in seinem Auto sass, dann trafen ihn sechs Schüsse.Die Untersuchungen ergaben, dass seine Mörder in einem Auto flohen, das auf die Brüder Gallón zugelassen war – Drogendealer, die früher für das Medellín-Kartell gearbeitet hatten, sich dann aber einer rivalisierenden Faktion zuwandten und an der Ergreifung Pablo Escobars beteiligten. Über Bestechungszahlungen erreichten sie, dass nur einer ihrer Bodyguards verurteilt wurde. Ob es wirklich bloss um einen Streit ging oder ob noch andere Schulden beglichen wurden, ist bis heute nicht restlos klar.Andrés Escobar, der 27 Jahre alt war und vor einem Wechsel zur AC Milan stand, wurde unter grosser Anteilnahme des ganzen Landes beigesetzt. Der Fussball war auch in seiner Tragik immer eine einende Kraft zwischen Staat und Guerillas, Armen und Reichen. Wohl die einzige, deshalb finden viele Menschen die derzeitige Polarisierung um das Trikot im Wahlkampf so gefährlich.Auch die Nationalspieler wissen, in was für einem riskanten Umfeld sie sich bewegen: 2023 hatte die linke Guerillaorganisation ELN die Eltern von Kolumbiens Nationalspieler Luis Díaz verschleppt. Die Mutter des damaligen Liverpool-Profis konnte kurz nach der Entführung gerettet werden. Der Vater befand sich fast zwei Wochen in der Gewalt der Rebellen, bevor er schliesslich freigelassen wurde.Passend zum Artikel
WM 2026: Der Mord an Andrés Escobar 1994 und seine politischen Nachwirkungen
Nirgends ist der Fussball auf so tragische Weise politisch wie in Kolumbien. Das zeigt sich auch bei den Präsidentenwahlen in diesen Tagen.











