Kaum hatte Abelardo de la Espriella Anfang Juni etwas überraschend die erste Runde der Präsidentschaftswahlen gewonnen, trat er im nordkolumbianischen Küstenort Barranquilla vor seine Anhänger. Wie die jubelnde Masse trug auch der von US-Präsident Donald Trump unterstützte rechtslibertäre Politiker wie so oft in den Wochen zuvor das Trikot der kolumbianischen Nationalmannschaft.Der eigentlich als Favorit gehandelte Linkspolitiker Iván Cepeda wandte sich daraufhin direkt an den kolumbianischen Fußballverband: „Ihr Trikot ist ein nationales Symbol und unterliegt kommerziellen und politischen Beschränkungen“, schrieb Cepeda im Kurzmitteilungsdienst X. Die Verwendung des Trikots „für Wahl-, private und ideologische Zwecke ist ein eindeutig opportunistischer Akt, dessen rechtliche Auswirkungen geprüft werden müssen. Umso mehr, als wir nur noch wenige Tage vom Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft entfernt sind.“ Der angesprochene Verband sah sich allerdings außerstande, Regeln für das Tragen des Nationaltrikots aufzusetzen.Das gelbe Shirt als politisches InstrumentDamit aber war die Debatte in den sozialen Netzwerken eröffnet, und selbst vor der Stichwahl an diesem Sonntag ist das Trikot-Thema noch nicht aus der Welt. Cepeda stand als schlechter Verlierer da, der seinem politischen Rivalen gerne mit der Justiz droht. De la Espriella spottete, die Enttäuschung im linken Lager müsse wohl sehr groß gewesen sein. Zwischenzeitlich verbot ein Gericht kurzfristig die Nutzung des Trikots bei Wahlkampfauftritten, doch damit war das gelbe Hemd der „Cafeteros“ endgültig zu einem politischen Instrument geworden.„Ein Teil des Erfolgs der Kampagne von Abelardo de la Espriella besteht darin, Symbole rund um das Vaterland, die Familie, traditionelle Werte und den Glauben an Gott zu schaffen. Die Farben seiner Kampagne – das Gelb, das an den ‚Tigre‘ (Tiger) erinnert, wie er genannt wird, und das Gelb des Trikots der kolumbianischen Nationalmannschaft – haben eine kommunikative Bedeutung. Sie werden mit einer Reihe von Symbolen zusammengeführt, die die Wähler mobilisieren und ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln“, sagte Carlos Augusto Chacón vom Institut für Politikwissenschaft in Bogotá im Gespräch mit der F.A.Z.„Das kolumbianische Nationaltrikot ist weit mehr als Sportbekleidung. In einer tief gespaltenen Gesellschaft gehört es zu den wenigen Symbolen, die soziale, regionale und politische Grenzen überwinden“, sagte Kristin Wesemann, Leiterin des Kolumbien-Büros der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Bogotá, im Gespräch mit der F.A.Z. „Wenn die Nationalmannschaft spielt, steht das Land für einige Wochen geschlossen hinter seinem Team. Fußball ermöglicht vielen Kolumbianern eine Form kollektiver Selbstbehauptung: Man misst sich mit Ländern, die wirtschaftlich, politisch oder institutionell oft erfolgreicher sind. Das legendäre 5:0 gegen Argentinien in Buenos Aires 1993 ist bis heute fest im nationalen Gedächtnis verankert. Spieler wie James Rodríguez oder Lucho Díaz stehen für ein anderes Bild Kolumbiens als Gewalt, Guerilla und Drogenhandel.“„Das Trikot verbindet Arm und Reich, Stadt und Land.“Die paradoxe Folge: Je stärker über das Trikot gestritten werde, desto mehr würden die Grenzen zwischen nationalem Symbol und politischem Bekenntnis verschwinden. Ein gelbes Trikot werde nicht mehr nur als Unterstützung für die Nationalmannschaft gelesen, sondern auch als Sympathiebekundung für de la Espriella, sagte Wesemann. „Das Trikot ist kein Elitensymbol, sondern Alltag. Es verbindet Arm und Reich, Stadt und Land.“Nicht nur im Trikot-Streit gerät die kolumbianische Nationalmannschaft zwischen die politischen Fronten des Wahlkampfes. Für besonderes Aufsehen sorgte ein betont distanzierter Auftritt des Teams bei der offiziellen Verabschiedung durch den amtierenden linken Präsidenten Gustavo Petro in Richtung WM. Petro darf aufgrund einer Amtszeitbegrenzung nicht wieder antreten und steht deshalb hinter Cepeda.Doch bei dem Treffen verweigerte der frühere Bayern-Star James Rodríguez der Präsidententochter vermeintlich ein gemeinsames Foto, dann fingen Kameras ein eiskaltes Gesicht des aktuellen Bayern-Stürmers Luis Díaz bei der Petro-Rede ein. Genauso wie dessen unterkühlten Handschlag bei dem kurzen Zusammentreffen zwischen Präsident und Fußballstar. Prompt wurden die Gesten in den sozialen Netzwerken als Ablehnung des linken Regierungslagers interpretiert. Zumindest James entschuldigte sich später, er habe die Bitte der Präsidententochter nicht wahrgenommen.Senator Jota Hernández fragte hingegen provozierend: „Hat man wirklich erwartet, dass Luis Díaz lächelt, obwohl sein Vater während der Amtszeit der derzeitigen Regierung entführt wurde?“ Im Raum steht der Vorwurf, die Petro-Regierung habe während ihres gescheiterten Friedensprozesses die Guerillabanden wieder erstarken lassen. Im November 2023 wurde der Vater von Luis Díaz für zwei Wochen entführt, als dieser noch beim FC Liverpool spielte. Der Vorfall löste weltweites Entsetzen aus. Petro rechtfertigte sich nach dem kühlen Zusammentreffen mit dem Bayern-Star: „Ich habe mich direkt für die Befreiung von Lucho Díaz’ Vater eingesetzt.“ Eine Bande gewöhnlicher Krimineller habe damals den Vater entführt und dann den Entführten an die ELN-Guerilla in Cesar verkauft. Am Ende dieses denkwürdigen Zusammentreffens stand ein gemeinsames offizielles Bild von Mannschaft und Staatspräsident. Gelächelt hat nur einer: Präsident Gustavo Petro. In den Umfragen vor der Stichwahl am Sonntag liegt Abelardo de la Espriella vorne.
Vor Stichwahl und während der Fußball-WM 2026: Kolumbien streitet ums WM-Trikot
Der rechtsgerichtete Präsidentschaftskandidat de la Espriella zeigt sich im WM-Trikot und entzweit Kolumbien. Auch Bayern-Star Luis Díaz spielt eine Rolle.











