Alon Meyer ist Präsident von Makkabi Deutschland. Bei der Frage, ob Olympische Spiele im Jahr 2036 in Deutschland stattfinden sollten, empfiehlt er die Haltung von Albert Speer junior. Sorge bereiten ihm vielmehr der zunehmende Islamismus und die Haltung der Linken.Momentan weiß Alon Meyer kaum, wo ihm der Kopf steht. Ein besonderer Termin jagt den anderen – der Einweihung der Sportstätte von Makkabi Frankfurt am vergangenen Sonntag folgt am Dienstag die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, ehe es am 30. Juni nach Israel gehen soll zur Maccabiah, der drittgrößten Sportveranstaltung weltweit. Für den 52-Jährigen werden es die rekordverdächtigen siebten Spiele der jüdischen Sportler. Der Präsident von Makkabi Deutschland erlebte sie als Fußballspieler, Trainer und Funktionär. Die Vorfreude auf das Großereignis ist Meyer beim Gespräch in seinem Frankfurter Büro anzumerken.WELT AM SONNTAG: Herr Meyer, die 22. Maccabiah wurde aus Sicherheitsgründen um ein Jahr verschoben. Wie wird gewährleistet, dass es jetzt sicherer ist?Alon Meyer: Eine Garantie gibt es nirgendwo und schon gar nicht, wenn man heutzutage nach Israel reist. Die Wahrscheinlichkeit, dass dort etwas passieren könnte, ist auf jeden Fall größer als bei einem Urlaub im Schwarzwald. Das muss jedem bewusst sein, der sich für die Reise entscheidet. Wir aber sind fest davon überzeugt, dass die israelische Regierung und allen voran die Organisatoren dieser Spiele alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Spiele so sicher wie nur möglich zu gestalten.WamS: Dennoch wird gemunkelt, dass das Event wieder kurzfristig abgesagt werden könnte.Meyer: Dieser Gedanke schwirrt nicht nur in meinem Kopf täglich, ja stündlich umher. Nach dem gerade geschlossenen Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran gehen wir jedoch aktuell davon aus, dass sie definitiv stattfinden.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.Lesen Sie auchWamS: Wäre es angesichts des Sicherheitsrisikos nicht sinnvoller, die seit 1932 ausgetragenen Games, die seit 1953 im Vierjahresrhythmus stattfinden, in einem anderen Land zu veranstalten?Meyer: Auf keinen Fall. In einem Camp fragten mich einst Sportler, die am Freitag trainieren wollten, warum man den Schabbat, den wir jeden Freitag feiern, nicht an einem anderen Tag nachfeiern könne? Nein. Es gibt Dinge, die gehen nicht. Der Heiligabend wird auch nur am 24. Dezember gefeiert. Die Maccabiah gehört zu Israel, ansonsten ist es nicht die Maccabiah. Warum gibt es denn die Maccabiah überhaupt? Weil Juden aus nichtjüdischen Vereinen ausgeschlossen wurden, sie nicht an Olympischen Spielen teilnehmen durften. Daraufhin organisierten sie sich selbst in Sportvereinen und initiierten die Maccabiah, ihre eigenen Olympischen Spiele, und das mit dem gleichzeitigen Ansinnen, durch die Kraft und die Stärke, die man aus dem Sporttreiben und der Gemeinschaft zieht, irgendwann einen jüdischen Staat aufzubauen. Und noch etwas möchte ich sagen.WamS: Bitte.Meyer: Die Maccabiah ist keine rein jüdische Veranstaltung. Mit einem israelischen Pass dürfen auch Muslime mitmachen. Die Teilnehmer kommen in einem Safe Space zusammen, in dem jeder seine jüdische Identität so zeigen kann, wie er es möchte. Keiner braucht Angst zu haben, wenn er ein Trikot mit jüdischen Initialen oder eine Kette mit Davidstern trägt, wenn er mit Kippa Sport treibt. Zugleich ist die Maccabiah weltweit die größte Plattform, auf der sich Juden aus aller Welt vernetzen.WamS: Wie viele Sportler wird die deutsche Mannschaft umfassen, die am 1. Juli in Jerusalem zur Eröffnungsfeier ins Teddy-Kollek-Stadion einlaufen soll?Meyer: Geplant waren 230. Angesichts der aktuellen Lage werden wir nur mit etwa 170 fahren. Dennoch werden wir die größte europäische Delegation stellen, da andere Länder aus Sicherheitsbedenken noch viel mehr Aktive streichen, teils ganz ohne Juniors anreisen. Von den ursprünglich insgesamt 11.000 Teilnehmern werden nur etwa 5000 an den Wettkämpfen in 29 Sportarten teilnehmen.WamS: Um an der Maccabiah teilnehmen zu können, müssen die Aktiven einen Eigenanteil leisten, was bei Sportveranstaltungen derartiger Größe unüblich ist. Wird das nicht kritisch gesehen?Meyer: Israel zählt zu den teuersten Ländern der Welt. Wenn wir dorthin zwei Wochen all inclusive reisen, ist klar, dass der Weltverband Maccabi World Union einen Eigenbeitrag von den Teilnehmern fordert. Jeder Sportler kostet uns ungefähr 6000 Euro, doch natürlich versuchen wir als Dachverband, unsere Athleten dort, wo es nötig ist, bestmöglich zu subventionieren. Denn auch hier gilt, wie bei Makkabi üblich, das Solidarprinzip, denn keiner wird aus finanziellen Gründen ausgeschlossen!WamS: Sie wurden im Vorjahr als Präsident von Makkabi Deutschland wiedergewählt. Was motiviert Sie dazu in diesen schwierigen Zeiten?Meyer: Ich möchte noch mehr bewegen, nicht vor den großen Herausforderungen kapitulieren. Als ich 2013 Präsident wurde, hat sich Makkabi Deutschland auf die Organisation der deutschen Delegation zur Maccabiah und den European Maccabi Games konzentriert. Heute agiert eine junge Generation mit einem neuen deutsch-jüdischen Selbstverständnis. Nicht nur, dass wir inzwischen mindestens mit der doppelten Anzahl an Sportlern zur Maccabiah reisen und viel mehr Medaillen nach Hause bringen. Wir haben 2015 die European Maccabi Games gar selbst in Berlin ausgerichtet, organisieren zwischen den Europa- und Weltspielen auch nationale Meisterschaften. Und das nicht nur für Juden und Israelis. In unseren Ortsvereinen sind weit über 100 Nationalitäten vertreten.WamS: In der neuen Sportstätte von Makkabi Frankfurt, dem mit 6000 Mitgliedern größten jüdischen Verein Deutschlands, können 30 Sportarten ausgeübt werden. Die Anlage kostete 21 Millionen Euro und sucht in Europa ihresgleichen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Architekturbüro „Albert Speer + Partner“, also dem Büro des 2017 verstorbenen Albert Speer junior, dessen Vater der Architekt der Nationalsozialisten war. Hatten Sie keine Gewissensbisse?Meyer: Als mich Friedbert Greif, Geschäftsführer des Büros, vor über zehn Jahren ansprach und meinte, sie würden gern für Makkabi etwas bauen, habe ich erst einmal kräftig geschluckt. Herr Greif empfahl mir daraufhin, den Vorstandsvorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Dr. Salomon Korn, der selbst Architekt ist und Albert Speer junior kannte, zu befragen. Dr. Korn bestätigte mir dann, dass der Sohn eine komplett andere Sichtweise auf die Grausamkeiten der Nazizeit hatte, woraufhin wir zusammenarbeiteten. Das ist Versöhnung pur – der Sohn kann nichts für die Gesinnung und das Verhalten seines Vaters. Das ist mein Credo, und es ist meine Überzeugung: Nur so ist ein friedvolles Miteinander überhaupt möglich.WamS: Hätten Sie etwas dagegen, wenn Deutschland die Sommerspiele 2036 austragen dürfte? Sie sind Mitglied im Kuratorium für die Bewerbung von Berlin. Meyer: Ich fände das richtig gut. Das ist genau die Ebene Albert Speer junior. Ich bin überzeugt, dass kein anderes Land außer Deutschland sich diesem speziellen Datum auch entsprechend annehmen würde. Deshalb dürfen wir uns das nicht nehmen lassen. Oft werde ich gefragt: Wer garantiert dir, dass die Spiele nicht missbraucht werden? Meine Antwort lautet: Das kann keiner. Auch die Spiele 2040 oder 2044, jederzeit können Spiele missbraucht werden. Aus Angst dürfen wir uns davor aber nicht verschließen. Vielmehr müssen doch die Chancen anstelle der Risiken gesehen werden.WamS: Als Makkabi Deutschland bekundeten Sie trotz der kriegerischen Auseinandersetzungen, bedingungslos hinter Israel zu stehen. Wie vereinbart sich diese Position mit dem Anspruch, ein pluralistischer Sportverband für alle Juden in Deutschland zu sein, auch für diejenigen, die die Politik der israelischen Regierung verurteilen?Meyer: Das eine ist vollkommen unabhängig vom anderen. Sie unterstützen doch sicher auch nicht jede Entscheidung der deutschen Regierung und stehen dennoch hinter ihrem Land. Nicht anders ist es bei mir. Wahrscheinlich gibt es bei mir sogar durchaus noch mehr Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung, die ich keineswegs gutheiße. Trotzdem stehe ich hinter dem Staat Israel. Ich bin ein glühender Zionist. Einen jüdischen Staat muss es geben, ohne Wenn und Aber. Das haben wir, vor allem Deutsche, doch wohl verstanden?!WamS: Es gibt Boykottaufrufe gegen israelische Sportler auch bei Wettkämpfen in Deutschland. Sie bezeichnen das als „absolute Kapitulation des Sports vor dem Terror“. Wobei Kritiker entgegenhalten, dass bei Russland nach ähnlichen Maßstäben gehandelt wurde. Wo ziehen Sie da die Grenze?Meyer: Wie kann man israelische Sportler ausgrenzen? Wenn man die Reaktion Israels auf das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 mit der Aktion Russlands auf die Ukraine, den Angriffskrieg dieses in meinen Augen überaus aggressiven und absolut unberechenbaren Putins, zu vergleichen versucht, ist das schon allein völlig absurd. Die Ukraine ist kein Terrorstaat. Und wie kann man Israel Genozid vorwerfen? Seitdem sich Israel aus dem Gazastreifen zurückgezogen hatte, baute die Hamas dort Tunnel, größer als das U-Bahn-Netz in London. Seitdem gab es dort keine Wahlen mehr, es herrschte Sodom und Gomorrha. Wer Free Palestine ruft, muss gleichzeitig auch Free from Hamas rufen und nicht von den Juden. Das ist das Übel im Nahen Osten! Gelänge es, der palästinensischen Bevölkerung, die selbstverständlich ein Existenzrecht hat und auch einen eigenen Staat bekommen sollte, die Hand zu reichen, ihr zu helfen, ohne dabei gleichzeitig die Terroristen zu unterstützen, ließe sich ganz sicher viel Positives für die Zukunft aufbauen.WamS: Es reicht oft aus, als jüdisch wahrgenommen zu werden, um für die generelle Politik Israels herhalten zu müssen. Tragen öffentliche Institutionen wie Schulen und Sportverbände genug dazu bei, diese Gleichsetzung aktiv zu bekämpfen?Meyer: Nein, wir müssen noch viel mehr machen. Auch wenn die Situation bei uns erheblich besser ist als in Frankreich, Spanien oder England, dürfen wir uns kein Stück weit ausruhen. Wenn wir nicht tagtäglich die Kräfte, die gegen uns arbeiten, bekämpfen und den Extremen das Feld überlassen, wird es hierzulande binnen kürzester Zeit anders aussehen.WamS: Woher nehmen Sie Ihren Kampfesmut?Meyer: Er entspringt meiner Familiengeschichte. Mein Großvater, der in Berlin lebte, packte 1934 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten über Nacht die Koffer, nachdem sie die Einreisepapiere nach Tel Aviv bekommen hatten. Zugleich versuchte er, seine drei Brüder zu überzeugen, Deutschland ebenfalls zu verlassen. Einer reiste mit ihm, die anderen beiden blieben, weil sie Ehrenkreuzträger des Ersten Weltkrieges waren und glaubten, ihnen könne nichts passieren. Beide kamen in den Gaskammern um. Ich weiß, das Bundesverdienstkreuz, das ich jetzt bekomme, wird mich nicht schützen, wenn die Falschen an die Macht kommen. Dann wird es mir an den Kragen gehen. Deswegen kämpfe ich dafür, dass das nicht passiert. Ich liebe Deutschland, weil ich hier so viel Gutes bekommen habe. Das, was ich bin, verdanke ich diesem Land, dieser freiheitlich-demokratischen Werteordnung, die gerade heftig attackiert wird.WamS: Seit 2000 wurden hierzulande noch nie so viele antisemitische Straftaten registriert wie 2025. Schon vor der Eröffnung Ihres neuen Sportzentrums hat es antisemitische Schmierereien gegeben. Warum nimmt der Judenhass zu?Meyer: Mit dem Zustrom der Muslime, die von ihren Regierungen den Hass auf Israel und die Juden eingeimpft bekommen haben, wuchs auch der Zustrom radikaler Islamisten. Hinzu kamen nach dem 7. Oktober die radikalen Linken, die sich mit Sprüchen wie „Gays for Gaza“ mit den gesellschaftlich Schwächeren zusammentun und Synergien schaffen wollen. Das macht uns sehr zu schaffen, ungeachtet des zunehmenden Antisemitismus innerhalb der deutschen Bevölkerung gerade während Corona und mit dem Erstarken der AfD. Wir müssen unseren Schulunterricht überdenken, in die richtige Bildung und die Kultur investieren, den Sport stärker nutzen, an den Universitäten wieder Recht und Ordnung walten lassen und nicht alles als vermeintliche Demonstrationen, als Versammlungsfreiheit legitimieren. Es gilt, klare Grenzen aufzuzeigen und nicht immer Schlupflöcher für Menschen zu schaffen, die es nicht gut mit uns meinen.WamS: Fühlen Sie sich sicher in Deutschland?Meyer: Noch ja. Ich habe allerdings mir und meiner Familie vor anderthalb Jahren eine Exit-Strategie zurechtgelegt und in Israel eine Wohnung gekauft, da ich nicht zu diesen Optimisten gehöre wie die zwei Brüder meines Großvaters, sondern so wie er zu den Realisten, die rechtzeitig die Reißleine ziehen können. Ich bete und kämpfe dafür, dass dieser Fall nicht eintritt.WamS: Als passionierter Fußballspieler verfolgen Sie die WM. Wer wird den Titel gewinnen?Meyer: Ich wünsche mir Deutschland, glaube aber Frankreich.
Makkabi-Chef Meyer: „Keine Schlupflöcher für Menschen schaffen, die es nicht gut mit uns meinen“ - WELT
Alon Meyer ist Präsident von Makkabi Deutschland. Bei der Frage, ob Olympische Spiele im Jahr 2036 in Deutschland stattfinden sollten, empfiehlt er die Haltung von Albert Speer junior. Sorge bereiten ihm vielmehr der zunehmende Islamismus und die Haltung der Linken.








