Für Angelique Kerber dürften sich die vergangenen Tage ein bisschen wie eine Zeitreise angefühlt haben. Eine Reise in eine Zeit, in der vor allem das Dasein als Tennisprofi ihr Leben bestimmt hat. Das Training, das Reisen, das Warten auf das nächste Match, das nächste Turnier. Zwei Jahre nach ihrem Karriereende greift die beste deutsche Tennisspielerin der vergangenen zwei Dekaden an diesem Sonntag noch einmal zum Schläger. Im Rahmen der Bad Homburg Open bestreitet sie ihr Abschiedsmatch gegen ihre Freundin Ana Ivanović. Um fit zu sein, hat Kerber sogar noch einmal eine richtige kleine Vorbereitung absolviert.Dabei hat die Wimbledonsiegerin von 2018 mit diesem Leben, das so erfüllend sein kann wie auslaugend, im Grunde abgeschlossen. Im vergangenen Jahr hat sie nach einer Tochter noch einen Sohn bekommen. Der Lebensmittelpunkt der Familie ist in Polen, der Alltag überwiegend geprägt von den Kindern. Kerber ist glücklich damit. „Ich vermisse den Wettkampf, nicht die Arbeit“, sagte sie der F.A.Z. bereits vor einigen Wochen im Interview. „Ich vermisse nicht das Training und nicht die Saisonvorbereitung. Das Leben ist jetzt unbeschwerter.“Tennis ist jetzt ihr HobbyTennis ist zwar noch ein wichtiger Teil ihres Lebens – aber eben keine Verpflichtung mehr. „Tennis ist immer noch mein Hobby. Ich spiele zwei-, dreimal die Woche“, erzählte sie kürzlich bei einem Medientermin in Bad Homburg. Anfang des Jahres schlug sie bei den Australian Open erstmals in den sogenannten „Legenden-Doppeln“ auf, mit denen ehemalige Tennis-Stars vor allem in der zweiten Turnierwoche das Grand-Slam-Publikum mit Showmatches unterhalten. Auch bei den French Open war sie dabei. Dazu wollte sie sich vor dem Abschiedsspiel mit Ivanović treffen und ein bisschen trainieren. „Die Schläge werden nicht das Problem sein, eher die Fitness“, kündigte sie an.Mit 38 Jahren setzt Kerber die Prioritäten in ihrem Leben inzwischen anders. Anders als beispielsweise Serena Williams, die mit 44 Jahren gerade ihr Comeback auf der Profitour gibt, anders als deren Schwester Venus, die mit 46 Jahren dank einer Wildcard in Bad Homburg antritt, anders als ihre Freundin Caroline Wozniacki, die als zweifache Mutter noch einmal zurückkehrte. „Ich plane mein Abschiedsmatch, nicht mein Comebackmatch“, sagt Kerber vor ihrem Auftritt in Bad Homburg. Sie findet: „Es ist einfacher, Abschied zu nehmen von meiner ersten Liebe, weil da nun etwas anderes ist, das man liebt.“Dass sie noch einmal ein großes Abschiedsmatch bestreitet, war dennoch schon lange geplant. Nur kam dann zunächst Kerbers zweite Schwangerschaft dazwischen. „Ich wollte wieder einigermaßen fit sein, wollte es genießen können“, sagt sie – und dass sie sich dafür von Anfang an Ivanović als Gegnerin gewünscht hatte. Die beiden verbindet eine lange und innige Freundschaft. Beide gewannen einst Grand-Slam-Titel, beide waren die Nummer eins der Welt, beide sind heute Mütter mehrerer Kinder. Das hat sie nach dem Karriereende nur noch mehr zusammengeschweißt. Nun wollte Kerber ihrer Freundin unbedingt noch einmal das Bad Homburger Tennisturnier zeigen.„Es ist ein besonderer Ort für mich“, sagt Kerber nämlich über den Center Court, auf dem an diesem Samstag das Match ausgetragen wird. Ein Ort, den es ohne sie so gar nicht geben würde. Denn dass auf der Anlage im malerischen Kurpark auch in diesem Jahr wieder ein imposantes, temporäres Tennisstadion aufgebaut wurde, dass hier auch in diesem Jahr wieder etliche der weltbesten Tennisspielerinnen antreten, dass hier auch in diesem Jahr echtes Wimbledon-Flair in Hessen entsteht, das alles ist auch Kerbers Werk. Gemeinsam mit ihrem Manager Aljoscha Thron, der der Turnierdirektor ist, und mit einem verhältnismäßig kleinen Team hat Kerber die Bad Homburg Open aufgebaut. „Boutique-Turnier“ hat sie das von Anfang an genannt. Klein, aber fein. Ein Turnier, bei dem sich Spielerinnen wohlfühlen – und die Fans davon dann profitieren.Kerbers Rolle hat sich dabei im Laufe der Jahre verändert. Anfangs war sie vor allem noch Spielerin, gewann sogar durchaus überraschend die erste Ausgabe des Turniers 2021. Sie war zwar hinter den Kulissen schon in vieles eingebunden, warb Spielerinnen an, trug den Titel der Turnierbotschafterin, aber noch nicht allzu viel Verantwortung. Im Laufe der Jahre wurde ihre Rolle immer größer. Inzwischen ist sie als Sportdirektorin des Turniers schwerpunktmäßig für die Betreuung der Spielerinnen zuständig. „Die Spielerinnen haben Wünsche, das ist verständlich, aber nicht alle kann man als Veranstalter erfüllen. Ich kann ihnen aber Alternativen aufzeigen“, beschreibt Kerber ihre Tätigkeit.Die über viele Jahre beste deutsche Tennisspielerin blickt inzwischen „mit anderen Augen“ auf das Turnier, wie sie selbst sagt. Weil sie die Perspektive des Profis noch gut und die Perspektive des Turnierveranstalters schon gut kennt, ist sie die ideale Vermittlerin zwischen diesen Welten. Kerber will die Erfahrungen, die sie selbst gesammelt hat, teilen und einbringen. Beim Deutschen Tennis-Bund (DTB) wird sie künftig als Beraterin und Mentorin für junge Tennisspielerinnen arbeiten. Vorher steht aber noch eine Zeitreise an. Eine Reise in eine Zeit, als sie selbst noch eine Tennisspielerin war.