Kein anderes Ereignis hat das politische Establishment Großbritanniens in den vergangenen Jahrzehnten so erschüttert wie das Brexit-Referendum. Seitdem hat das Land turbulente, unruhige Jahre durchgemacht. Möglicherweise kommt bald der siebte Premierminister in zehn Jahren in die Downing Street. Andy Burnham von der Labour-Partei hat gute Chancen, seinen Parteifreund Keir Starmer abzulösen.Über den Brexit möchte Burnham indes lieber nicht reden. Er wolle nicht alle Argumente und Streitereien noch einmal durchgehen, sagte er vor Kurzem. Im Wahlkampf um das Unterhausmandat in Makerfield nahe Manchester mied er das Thema. Der Wahlkreis war vor zehn Jahren eine Hochburg der Brexit-Wähler. Allseits ist jetzt aber Brexit-Erschöpfung zu spüren.Zum zehnten Jahrestag des Referendums vom 23. Juni 2016 sind auch die Anhänger des Austritts aus der Europäischen Union leise geworden. Ober-Brexiteer Nigel Farage, derzeit Chef der Partei Reform UK, spricht kaum noch über die Segnungen, die er einst mit dem EU-Austritt verband. Ein anderer Wortführer der „Vote Leave“-Kampagne war damals Daniel Hannan. Der langjährige Tory-Europaabgeordnete ist heute Mitglied des Oberhauses und Direktor des wirtschaftsliberalen Institute for Economic Affairs (IEA) in London. „Mein Ziel war es, unsere Souveränität wiederherzustellen, damit wir wieder ein vollständig selbst regiertes Land werden, in dem britisches Recht oberste Geltung hat“, sagt Hannan. „Dieses Ziel wurde 2020 erreicht. Ich bin zufrieden. Ich habe für den Austritt gestimmt, damit wir wieder eine Demokratie werden.“Schwierig, die Brexit-Effekte zu berechnenDoch die wirtschaftliche Bilanz des Brexits ist alles andere als gut. Zwar traten die Horrorprognosen eines unmittelbaren Wirtschaftseinbruchs nach dem Referendum nicht ein. Aber die Folgen waren gravierend. Premierminister David Cameron kündigte gleich am Tag nach dem Referendum seinen Rücktritt an, das Pfund wertete bis Jahresende um 15 Prozent ab. Es herrschte jahrelange Verunsicherung, wie hart der Bruch durch den Austritt aus der EU werde und wie die künftigen Handelsbeziehungen aussehen würden.„Das jahrelange hohe Maß an Unsicherheit hat die Investitionen nach Juni 2016 hart getroffen“, sagt Stephen Millard, Wirtschaftsprofessor und Vize-Chef des National Institute of Economic and Social Research (NIESR). Viele Unternehmen wurden zögerlich, ob sie noch auf der Insel investieren sollten. Nach mehr als drei Jahren zähen Verhandlungen mit Brüssel und Blockaden im Parlament von Westminster, an denen Premierministerin Theresa May scheiterte, handelte ihr Nachfolger Boris Johnson einen recht harten EU-Abschiedsvertrag aus. Nach 47 Jahren verließ das Königreich zum 31. Januar 2020 die EU, den Binnenmarkt und die Zollunion, wobei noch einige Übergangsfristen bis zur Einführung von Zollkontrollen galten.Ökonomen haben in vielen Studien versucht, die Höhe der wirtschaftlichen Schäden zu schätzen. Das ist schwierig, weil im EU-Austrittsjahr 2020 die Corona-Krise zuschlug, die zu einem heftigen Einbruch der Wirtschaft und des Handels führte, der alle Brexit-Effekte überlagerte. Zwei Jahre später kam der Ukrainekrieg mit dem Energiepreisschock. „Exakte Schätzungen der Brexiteffekte sind daher kaum möglich“, sagt NIESR-Ökonom Millard. Sein Institut berechnete Einbußen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von zwei bis drei Prozent durch schwächere Investitionen und neue Handelsbarrieren. Zudem entwickelt sich die Produktivität der britischen Wirtschaft schwächer, weil es weniger Konkurrenz und Wettbewerbsdruck durch Unternehmen aus der EU gibt. Das alles könnte sich bis 2035 auf fünf bis sechs Prozent weniger BIP-Wachstum addieren, heißt es in einer Berechnung des NIESR.Das Office for Budget Responsibility (OBR) schätzte in einem viel zitierten Bericht, dass Großbritannien wegen des Brexits über einen Zeitraum von 15 Jahren vier Prozentpunkte weniger Produktivitätswachstum erziele. Die meisten Ökonomen arbeiten in der Frage mit einem „Doppelgänger“-Ansatz: Dabei wird aus einer Gruppe anderer Länder – darunter sogar die Vereinigten Staaten – ein fiktives Vergleichsland konstruiert, um die wirtschaftlichen Folgen abzuschätzen. In einer Studie, die vom amerikanischen National Bureau of Economic Research veröffentlicht wurde, ermittelten Forscher BIP-Einbußen von sechs bis acht Prozent.An der Grenze sind nun Zollerklärungen fälligAndererseits ist die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs in den sechs Jahren seit dem EU-Austritt Anfang 2020 nach IWF-Daten um fünf Prozent gewachsen, mehr als Frankreich und so viel wie Italien. Der größte Negativausreißer unter den Industrieländern ist Deutschland, dessen Wirtschaft um 0,5 Prozent schrumpfte. Auch verglichen mit 2016, dem Jahr des Referendums, liegt das Vereinigte Königreich vor Frankreich, Italien und Deutschland. „Wenn man sich nur das BIP-Wachstum ansieht, hat Großbritannien sich gar nicht so schlecht geschlagen“, sagt Millard vom NIESR.Für viele Unternehmen sind negative Brexit-Folgen allerdings sehr real zu spüren. Sie müssen nun beim Handel mit der EU an der Grenze mehrseitige Zollerklärungen vorlegen. Einer, der davon berichten kann, ist Steffen Hoffmann, der Geschäftsführer von Bosch UK. „Der bürokratische Aufwand ist erheblich. Bei einer unserer Tochtergesellschaften stieg die Zahl der jährlichen Importtransaktionen von zuvor rund 40 auf 10.000 nach dem Brexit an“, sagt Hoffmann.Für jeden Import muss man nun Zollerklärungen und andere Papiere ausfüllen. „Zudem sind die Einreise- und Mobilitätsbestimmungen deutlich komplexer geworden“, klagt Hoffmann. „Die Beschaffung notwendiger Genehmigungen für Reisen unserer Ingenieure und Fachexperten zwischen Großbritannien und der EU erfordert nun mehr Zeit und Bürokratie.“Die Spuren des Brexits in der Handelsstatistik sind deutlich. War Großbritannien in den Jahren 2016 und 2017 der fünftwichtigste Handelspartner für Deutschland, rutschte es bis 2022 auf den elften Platz ab. Inzwischen ist es wieder auf den neunten Rang vorgerückt. „Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum hat das Vereinigte Königreich für den deutschen Außenhandel spürbar an Bedeutung verloren“, sagt Dirk Jandura, der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). Wo früher der Warenverkehr reibungslos ging, sind heute Zollanmeldungen, Ursprungsnachweise, Produktprüfungen und teilweise umfangreiche SPS-Dokumentationen für Nahrungsmittel, Tier- und Pflanzenprodukte zum Schutz vor Krankheiten oder Seuchen notwendig. „Das kostet Zeit, Geld und Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Jandura.In der Londoner City gab es keinen großen EinbruchPremierminister Keir Starmer hat ein SPS-Abkommen mit der EU angekündigt, das vom nächsten Jahr an den Agrar- und Nahrungsmittelhandel vereinfachen soll. BGA-Chef Jandura hofft, dass auf dem kommenden europäisch-britischen Gipfeltreffen im Juli weitere Erleichterungen vereinbart werden. Das sei „die Chance für einen wirtschaftspolitischen Neustart“.Unter den Befürwortern des Brexits befinden sich auch Freihandelsanhänger wie Hannan. Der IEA-Direktor verweist darauf, dass London seit 2020 einige neue Handelsverträge geschlossen hat, etwa mit dem transpazifischen Freihandelsblock CPTPP, mit Australien und Neuseeland, mit Japan, Indien und jüngst mit den Golfstaaten. Doch auch wenn der wirtschaftliche Austausch mit diesen Ländern kräftig wächst und der Außenhandel des Vereinigten Königreichs insgesamt zulegt, bleiben Einbußen im Handel mit der EU, dem nach wie vor größten Handelspartner.Einige Brexit-Fans träumten vom „Singapur an der Themse“, mit einem großen Abbau von Bürokratie und Regulierung. Das Königreich ist davon heute weit entfernt. Hannan sieht nur einzelne Schritte – etwa eine liberalere Regulierung der Künstlichen Intelligenz (KI) und der Biotechnologie im Königreich. „Diese sind spektakulär erfolgreich“, sagt er. Allerdings sind solche Erfolge rare Ausnahmen. „Der Brexit gab uns die Freiheit, mehr Freiraum für die Wirtschaft zu schaffen, aber wir haben diese Brexit-Freiheit nicht ausgeschöpft“, sagt er. Auch in der Finanzbranche habe kaum Deregulierung stattgefunden.Der von manchen beschworene große Knall in der City ist ausgeblieben. Vor dem Brexit-Referendum 2016 sagten Schwarzmaler einen schweren Einbruch in der Finanzbranche voraus. Der damalige Londoner Börsenchef Xavier Rolet behauptete sogar, mehr als 200.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr, wenn die Banken den Zugang zum EU-Markt verlören. Andere sprachen von 75.000 bis 100.000 Stellen. Nichts davon ist eingetreten. Heute herrscht in der City allgemein das Gefühl, dass es dem Finanz- und Bankenplatz gut geht. Zwar wurden ein paar Tausend Positionen für Banker nach Paris, Frankfurt, Mailand, Amsterdam oder Dublin verlegt. Doch die City hat ihre Stärken behalten. Im Königreich gibt es heute einige Zehntausend Finanzstellen mehr als vor zehn Jahren.Labour kämpft verzweifelt gegen Reform UKPolitisch ist allerdings viel in Bewegung. Die Labour-Partei von Keir Starmer, die seit Juli 2024 regiert, ist in Umfragen abgestürzt. Sie kämpft verzweifelt gegen die aufsteigende Partei Reform UK von Nigel Farage, der die allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung und besonders den Unmut über die Migrationspolitik geschickt bewirtschaftet. Starmer hat eine Wiederannäherung an die EU ausgerufen und erhofft sich davon wirtschaftliche Impulse. Sein „Neustart“ der Beziehungen hat aber Grenzen. Es gelten die roten Linien aus Labours Wahlprogramm 2024: keine Rückkehr zum EU-Binnenmarkt, zur Zollunion und zur Personenfreizügigkeit.Spekuliert wird nun in London, dass Labour unter einem neuen Vorsitzenden Andy Burnham diese roten Linien aufweichen könnte. Jüngst gab es Meldungen, dass London an einer Zollunion interessiert sei. Die Hürden für einen Wiedereintritt in die EU lägen hoch. Zwar sagt inzwischen eine Mehrheit von rund 60 Prozent der Briten, dass der Brexit die falsche Entscheidung gewesen sei. Das bedeutet aber nicht, dass „Rejoin“, der Wiederbeitritt, eine klare Mehrheit hätte, erklärt das Meinungsforschungsinstitut Ipsos.Eine neue EU-Bewerbung könnte zu sehr dornigen Verhandlungen führen. Die EU würde wohl kaum wieder einen Beitragsrabatt gewähren, wie ihn einst Premierministerin Margaret Thatcher ausgehandelt hatte, oder eine Opt-out-Möglichkeit für den Euro und den Schengenraum.Als vor ein paar Monaten über eine britische Beteiligung am Rüstungsbeschaffungsprogramm Safe verhandelt wurde, forderte Brüssel weitaus höhere Milliardenbeiträge, als London zu zahlen bereit war. Für die Teilnahme am Erasmus-Studentenaustausch von 2027 an muss London mehr als eine halbe Milliarde Pfund im Jahr zahlen. „Die EU sieht Großbritannien als ein Drittland. Sie wird für jede weitere Konzession ihr ‚Pfund Fleisch‘ verlangen“, sagt der Politologe Anand Menon, der Direktor des Thinktanks UK in a Changing Europe.Käme eine ernsthafte Debatte über eine neue EU-Bewerbung Großbritanniens auf, könnte die Stimmung im Königreich sich schnell wieder aufheizen. „Mein Bauchgefühl ist, dass das Thema zu sehr spaltet“, sagt Ökonom Millard. Farage würde jede neue Debatte ausschlachten. Auch Menon hält einen EU-Wiederbeitritt in den nächsten Jahren für unwahrscheinlich. „Die Politik des Brexits war sehr chaotisch, eine Wiedereintrittspolitik wäre ebenfalls sehr chaotisch – ein langer und sehr komplizierter Prozess“, sagt der Politologe. Er glaubt auch kaum, dass Brüssel große Lust auf neue Beitrittsverhandlungen mit London hätte.