Es hatte nach allem möglichen ausgesehen, Mitte des dritten Viertels, aber wahrlich nicht nach diesem Ergebnis. Gerade hatte Isiaha Mike einen krachenden Dunk für den FC Bayern im Korb von Alba Berlin versenkt, der Titelverteidiger aus München führte in diesem vierten von maximal fünf Finalspielen um die deutsche Basketballmeisterschaft mit 52:42. Nichts klappte mehr bei den Berlinern, Pässe flogen über das halbe Spielfeld ins Aus oder trafen Mitspieler unvorbereitet an der Schulter, ganz so, als seien die Albatrosse in der subtropischen Hitze der Max-Schmeling-Halle plötzlich sämtlicher Sinne beraubt worden. „Wir waren mausetot“, sagte Alba-Forward Malte Delow nach dem Spiel, der achte Meistertitel der Münchener schien nur noch 15 Minuten entfernt zu sein.Als habe jemand eine Eisenstange mit voller Wucht ins Bayern-Getriebe gerammtDer Rest der Begegnung ist rasch erzählt: Den Bayern gelangen von diesem Moment an bis zum Ende des Spiels noch genau neun Punkte, den Berlinern hingegen 29. Endstand 71:61 für Berlin. Es war, als habe jemand urplötzlich eine Eisenstange mit voller Wucht ins bis dahin so geschmiert laufende Bayern-Getriebe gerammt, während zugleich die Berliner eine Wiederauferstehung erlebten, die beinahe biblische Züge trug. So jedenfalls fühlte sich die Reaktion der Fans an, die die ausverkaufte Halle völlig von Sinnen in ein Tollhaus verwandelten. Die Frage, wer denn nun Deutscher Meister 2025/26 wird, wurde also entgegen den Erwartungen nicht am Freitagabend in der Bundeshauptstadt entschieden, sondern auf Spiel fünf am Sonntag in München vertagt.Wie es zu diesem Wunder vom Prenzlauer Berg kommen konnte, vermochte anschließend nicht einmal der älteste und weiseste aller Basketballlehrer in Deutschland zu sagen. „Es passiert sehr selten, dass wir unseren Rhythmus verlieren. Heute ist es leider passiert“, sagte Bayern-Coach Svetislav Pesic, der das letzte Spiel seiner grandiosen, vier Jahrzehnte umspannenden Trainer-Karriere nun im heimischen SAP Garden erleben wird. Das sei natürlich immer so geplant gewesen, scherzte der 76-Jährige im Anschluss ein wenig müde.Was aber war nun tatsächlich passiert nach jenem Dunk von Mike gut 15 Minuten vor Schluss, der Alba-Trainer Pedro Calles umgehend dazu veranlasste, eine Auszeit zu nehmen? Vereinfacht gesagt, besannen sich die Berliner darauf, was Erfolg im Basketball ausmacht: aggressiv verteidigen und darauf hoffen, dass vorne die Bälle irgendwann wieder im Korb statt am Ring oder am Brett oder beim Gegner landen. Genau das gelang: „Wir steckten im Loch und haben uns wieder herausgearbeitet“, wie Calles anschließend konstatierte.Es waren dabei weniger die Künstler wie Jack Kayil und Martin Hermannsson, die die Mission Wiederauferstehung anführten, sondern die Arbeiter im Team, allen voran Justin Bean und Malte Delow. 17 Punkte und neun Rebounds standen am Ende auf dem Arbeitsnachweis des einen, elf und acht auf dem des anderen.Andreas Obst macht nach dem Spiel ein Gesicht wie Oliver KahnWas aber machten die Bayern? Sie hätten, so sagte Pesic später, das gleiche tun sollen wie die Berliner: hart verteidigen, intensiv fighten. Stattdessen habe man angefangen zu lavieren. „Wir gucken zum Schiedsrichter, wir suchen jemanden, der uns hilft. Aber da ist niemand, der hilft, wenn du dir nicht selbst helfen möchtest.“ Ergebnis war ein 26:2-Run der Berliner, den es so nicht oft gibt in einer Bundesliga-Saison, und dem die an und für sich bestbesetzte Mannschaft Deutschlands wie erstarrt zusah. Jetzt waren es die Bayern, die die Bälle neben statt in den Korb warfen, im Schlussviertel brauchten Pesics Mannen sagenhafte fünf Minuten, um überhaupt einen Punkt zu erzielen.Nationalspieler Andreas Obst, offiziell der wertvollste Akteur der regulären Bundesligasaison, wurde nun so hart verteidigt, wie er sich selbst im ersten Viertel den diesmal weitgehend wirkungslosen Berliner Dirigenten Hermannsson zur Brust genommen hatte. Kurz vor Schluss, nach für ihn bescheidenen neun Punkten und drei Ballverlusten, stapfte er mit wütender Miene zur Auswechselbank, und als ein Fernsehreporter ihn wenig später fragte, ob er etwas zu diesem verrückten Spiel sagen möchte, da machte Obst ein Gesicht wie ein waschechter Oliver-Kahn-Doppelgänger, der sein Gegenüber gleich bei lebendigem Leib verspeist.Bayern-Trainer Pesic nun vor letzten großem Finale seiner LaufbahnWas den Bayern zu denken geben muss, ist, dass es ihnen nicht einmal auf dem Höhepunkt der Berliner Schwächephase gelang, spielentscheidend davonzuziehen. Statt die Situation zu nutzen, agierten auch die Münchener oft unkonzentriert, schlossen überhastet ab oder liefen sich in der Verteidigung der erbittert kämpfenden Berliner fest.Wer nun am Sonntag in München den Meister-Pokal aus versilbertem Messing in Empfang nehmen darf, wird nicht zuletzt davon abhängen, wer den Saunagang in der Max-Schmeling-Halle psychisch und physisch besser wegsteckt. Pesic, der alte Trainerfuchs, machte den Münchener Fans zumindest Mut, dass er für das letzte große Finale seiner Laufbahn gerüstet ist. „Ich weiß jetzt, was wir besser machen müssen“, sagte er nach der Partie in Berlin. „Es wäre besser gewesen, ich hätte es schon während des Spiels gewusst, aber jetzt weiß ich’s.“