Auf dem Balkan sind Amerikaner und Europäer jetzt Gegner. Was heisst das für die Region?Washington fordert die EU mit seiner aggressiven Energiepolitik heraus. Die Europäer verlieren an Einfluss, wenn sie nicht schnell gegensteuern.20.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKaffeehaus im bosnischen Banja Luka. Die USA weiten in dem Land ihren Einfluss aus.Amel Emric / Reuters«Die europäische Unentschlossenheit zwingt die Vereinigten Staaten, ihre Rolle in Bosnien-Herzegowina zu überdenken.» Das Statement der amerikanischen Botschaft in Sarajevo vom 5. Juni signalisiert einen Politikwechsel. Und dies nicht nur in Bosnien-Herzegowina, sondern auf dem Westbalkan überhaupt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Die Rolle überdenken» trifft die Sache allerdings nicht: Die Entscheidung ist bereits gefallen. Die USA sind nicht mehr die Garantiemacht für jenen Frieden, den sie nach den jugoslawischen Zerfallskriegen der 1990er Jahre durchsetzten. Sie sind an der politischen Ordnung der Region nicht mehr interessiert, sondern an profitablen Deals mit den lokalen Regierungen. Dass sie dabei die von der EU aufgestellten Regulierungen gegen Korruption unterlaufen, stört sie nicht. Die Europäer werden als Konkurrenten betrachtet, deren Autoritätsverlust Washington recht ist.Jüngstes Beispiel ist der Vorstoss in den Energiemarkt in Bosnien. Eine Gruppe von Maga-Vertretern aus Staat und Geschäftswelt hat sich in kurzer Zeit die Konzession für den Bau einer Erdgasleitung gesichert. Das Projekt Southern Interconnection will das kroatische und das bosnische Gasnetz zusammenschliessen. Darüber hinaus soll es amerikanisches Flüssiggas vom LNG-Terminal der kroatischen Insel Krk über eine Pipeline von der kroatischen Grenze ins Land leiten.Der Deal mit DodikDas Projekt war ursprünglich eine gemeinsame Initiative Europas und der USA. Es soll die Abhängigkeit des Landes von russischem Gas beenden. Doch es verzögerte sich immer wieder, weil entweder die bosnischen Kroaten oder Milorad Dodik, damals Präsident des serbischen Landesteils, ihr Veto einlegten. Dodik, ein Verbündeter Putins, wollte nicht, dass das russische Gas konkurrenziert würde.Noch 2023 war Dodik mit amerikanischen Sanktionen belegt worden, mit der Begründung, seine separatistische Politik gefährde die Einheit des Staates. Dass Bosnien-Herzegowina nach dem Krieg weiter existierte, ist massgeblich den Amerikanern zu verdanken, die 1995 das Daytoner Friedensabkommen durchsetzten. Doch unter der Trump-Administration liegen die Prioritäten anders. Im Oktober 2025 hob Washington die Sanktionen ohne Begründung auf. Dodik hatte zuvor Maga-Exponenten wie Rudy Giuliani mit lukrativen Lobby-Mandaten beauftragt.«Giuliani und seine Kollegen erreichten die Aufhebung der Sanktionen dank ihren Maga-Kontakten im State Department», sagt Adnan Cerimagic. Der Jurist und Politikwissenschafter stammt aus Bosnien, ist Balkanspezialist und arbeitet für die Europäische Stabilitätsinitiative in Berlin. Darauf trat Dodik vom Präsidentenamt zurück und gab den Widerstand gegen die Pipeline auf. Dodik ist weiterhin die dominierende Figur der bosnischen Serben. «Und anstelle der EU sind jetzt die Amerikaner die strategischen Partner in diesem Landesteil.»Aber auch im anderen Landesteil, der bosniakisch-kroatischen Föderation, wurden sie aktiv. Gemäss Recherchen des britischen «Guardian» wurde 2021 die Firma AAFS Infrastructure and Energy registriert. Der Mutterfirma in Washington steht der Rechtsanwalt Jesse Binnall vor. Er gehört zum engeren Kreis um Trump und vertrat diesen im Streit um die angeblich gestohlene Präsidentenwahl 2020. Er verteidigte Trump auch gegen den Vorwurf, den Sturm auf das Capitol orchestriert zu haben.Ebenfalls zum Maga-Zirkel gehört ein zweiter Gesellschafter, Joseph Flynn. Er ist Unternehmer im Gesundheitsbereich. Vor allem aber ist er der Bruder von Michael Flynn, dem ehemaligen Sicherheitsberater von Trump. Ob diese Firma tatsächlich in der Lage sei, das 300-Millionen-Projekt zu stemmen, bezweifelten manche in Sarajevo, sagt der Balkanexperte Cerimagic. Einschlägige Erfahrungen jedenfalls fehlten. Die Finanzierung soll aus privaten Investmentfonds in den USA kommen.Erzwungener Rücktritt des Hohen RepräsentantenWeshalb gab die Föderationsregierung in Sarajevo dieser Firma den Zuschlag, ohne eine Ausschreibung zu machen? Die Behörde verstösst damit gegen EU-Regulierungen und wird Fördergelder aus Brüssel verlieren. Nach langen Jahren des Wartens, so Cerimagic, wollten die Politiker, dass es nun endlich vorangehe. Zudem hofften sie, mit dem Projekt die Amerikaner als Schutzmacht zu behalten. Washington, so glaubten sie, würde alles tun, um das Projekt abzusichern.Manche, so Cerimagic, hätten wohl auch Angst gehabt, die Amerikaner mit einer Absage zu brüskieren. «Einem Unternehmer aus Trumps Umfeld sagen auch Politiker in stärkeren Staaten nicht gern Nein.» Dazu kommt, dass Projekte ohne Ausschreibung immer teurer sind: Die Politiker könnten also daran mitverdienen.Dass Washington seine Geschäftsinteressen auch mit unkonventionellen Methoden verfolgt, zeigt das Vorgehen gegen den internationalen Hohen Repräsentanten. Das Amt war nach dem Krieg geschaffen worden, um die Umsetzung des Daytoner Friedensvertrags zu überwachen. Es ist mit Vollmachten ausgestattet, die das Pipeline-Projekt – zumindest theoretisch – verhindern könnten. Die Amerikaner setzten nun den deutschen Amtsinhaber Christian Schmidt so massiv unter Druck, dass er seinen Rücktritt angekündigt hat.Allerdings weigerten sich daraufhin die Europäer, dem von Washington vorgesehenen Nachfolger, einem Italiener, das Plazet zu geben. Das führte zu einer heftigen Konfrontation mit den Amerikanern und der zitierten Ankündigung der Botschaft in Sarajevo, künftig eigene Wege zu gehen.Eine neue Doktrin für den BalkanBosnien ist kein Einzelfall. Das Vorgehen dort entspricht der neuen Doktrin des amerikanischen Aussenministeriums. In einem Bericht an den Kongress im Mai heisst es, die Zeit des Nation-Building auf dem Balkan sei vorbei, es stünden nun wechselseitig vorteilhafte Partnerschaften im Vordergrund. Es ist der von Trump bevorzugte transaktionale Ansatz. Schon Ende 2025 hatte der Kongress die Western Balkans Prosperity Act verabschiedet, die den Infrastrukturbau und die Energiekooperation zur Priorität erklärt.Die amerikanische Firma Bechtel ist in Serbien (dank Spezialgesetz) und in Nordmazedonien am Autobahnbau für den Ost-West-Korridor VIII beteiligt, der die Adria und das Schwarze Meer verbindet. In Bosnien sollen zudem drei gasbetriebene Elektrizitätswerke gebaut werden, wofür sich die Firma AAFS interessiert.Dass die USA die EU als Ordnungsmacht auf dem Westbalkan offen herausfordern, bedeutet eine Kehrtwende: Washington hatte in den letzten zwanzig Jahren die Annäherung der Region an die EU tatkräftig unterstützt. Jetzt redet der amerikanische Energieminister Chris Wright sie als Hindernis für Prosperität und Selbstbestimmung schlecht.Ihre Vergabevorschriften, die Regulierung des Energiemarktes und die Umweltauflagen bremsten den Aufschwung der Region. Doch mit Trump, so der Minister, habe eine neue Ära begonnen: In diesen Teil Europas kehre nun die Vernunft zurück.Ob die Amerikaner mit ihren Projekten Erfolg haben, wird sich zeigen. Aber schon jetzt ist offensichtlich, dass die Europäer in der Region weiter an Ansehen verlieren. Das allerdings ist auch selbstverschuldet. Denn ihr Einfluss hängt davon ab, ob der EU-Beitritts-Prozess in den Ländern vorankommt. Doch davon ist mit Ausnahme von Montenegro kaum etwas zu sehen. Denn das bestehende Verfahren funktioniert seit vielen Jahren nicht. Dass stattdessen eine Teilmitgliedschaft für die Länder geschaffen werden müsste, dafür wirbt Cerimagic schon lange.Vor wenigen Wochen haben sich Deutschland und Frankreich nun erstmals dafür ausgesprochen. Das sei ein Zeichen der Hoffnung, so Cerimagic: «Vielleicht wirkt das brachiale Vorgehen Washingtons als Weckruf für die EU.» Nur eine Anbindung an die EU könne verhindern, dass neben den Russen und den Chinesen auch noch die Amerikaner die Region destabilisierten.Passend zum Artikel
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