BildstreckeDie kleine Karibikinsel erlebt an der Weltmeisterschaft ihr Sommermärchen. Die Begeisterung für das Nationalteam, die «Blue Wave», ist gewaltig. Doch nicht alle lassen sich von diesem Stolz mitreissen.Niels Bossert (Text), Mario Heller (Bilder)20.06.2026, 05.30 UhrEine Welle schäumt über, trägt einen Fussball mit sich. Im Hintergrund jubeln Fans, die Landesflagge weht im Wind. Alles leuchtet in Blau und Gelb. Überall steht: «Small island, big dreams.» Dieses Motiv schmückt als Graffiti die Häuser auf Curaçao. Dazwischen dribbeln Kinder in Nationaltrikots durch die Gassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es klingt wie ein Märchen. Und es ist eines. Eine karibische Insel mit knapp 160 000 Einwohnern misst sich an der Fussball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada mit den Grossen. Curaçao ist der kleinste WM-Teilnehmer der Geschichte.Arson Scherptong, der im Sicherheitsdienst eines Hotels in der Hauptstadt Willemstad arbeitet, hat für die WM Ferien genommen, um alle Spiele seiner Nation sehen zu können. Früher drückte er Deutschland die Daumen, nun ist Curaçao selbst dabei. Die Partien schaut er allein zu Hause vor dem Fernseher. Beim Fussball, sagt er, schreie er so laut, dass er das niemandem zumuten könne.Auch Stephany Seinpaal verpasst kein Spiel der Nationalmannschaft. Sie ist Mitglied im grössten Fanklub der Insel, ihr Sohn absolviert derzeit ein Probetraining in den Niederlanden. Monatelang habe sie gespart, sagt sie, Tausende Dollar, um beim ersten WM-Spiel Curaçaos gegen Deutschland in Houston dabei sein zu können.Der Schweizer Fotograf Mario Heller hat mit beiden gesprochen – und mit vielen anderen Bewohnern auf Curaçao. Er wollte das Märchen des kleinsten WM-Teilnehmers der Geschichte festhalten. Dabei traf er auch auf Menschen, die die Euphorie um die «Blue Wave» nicht mitreisst, sondern eher überrollt.Wer für Curaçao spielt, lebt woandersEiner von ihnen ist Bryan Anastatia. Der 33-Jährige spielt für die CRKSV Jong Holland und führt den amtierenden Meister der heimischen Liga als Captain aufs Feld. Gespielt wird in denselben vier oder fünf Stadien, oft mehrere Partien pro Tag. Es wirkt wie ein «Grümpelturnier». Die Spieler ziehen sich in Betonhütten am Spielfeldrand um. Auf den maroden Tribünen sitzen selten mehr als hundert Zuschauer.Bryan Anastatia spielt seit über fünfzehn Jahren für seinen Klub. Als Jugendlicher verzichtete er auf den Schritt nach Europa – das Risiko erschien ihm damals zu gross.Der amtierende Meister spielt gegen die Victory Boys – Profifussballer stehen dabei keine auf dem Rasen.Nur wenige Fans verirren sich an ein Spiel in der Promé Divishon, der obersten Fussballliga Curaçaos.Ganz anders sah es aus, als auf der Insel kürzlich ein Fussballturnier mit legendären Spielern verschiedener Nationen veranstaltet wurde. Unter anderem liefen die beiden Weltmeister Ronaldinho und Marco Materazzi auf. Da war die ganze Insel elektrisiert, die Tribünen voll. Der lokale Fussball kann da nicht mithalten.Vor der WM-Qualifikation des Nationalteams hielt sich die Begeisterung für Fussball ohnehin in Grenzen. Die Inselbewohner verfolgen lieber die Major League Baseball (MLB), die beste Liga ihres Nationalsports. Baseball ist tief in der Kultur verwurzelt. Lokale Talente können in den USA zu Superstars werden.In der heimischen Fussballliga gibt es dagegen keine Profis. Trotzdem brachte es Bryan Anastatia zu acht Länderspielen für seine Heimat. Aufgebote erhält er aber keine mehr: Seit niederländische Trainer vor einigen Jahren die Professionalisierung des Kaders vorantrieben, spielen fast nur noch in Europa ausgebildete Profis für das Nationalteam. Es reicht, wenn ihre Grosseltern einst auf Curaçao lebten, damit sie für die Nation auflaufen dürfen.Unter dem Trainer Dick Advocaat steht derzeit nur ein Spieler im WM-Kader, der auf der Insel geboren wurde: Tahith Chong. Auf Curaçao lebt keiner der Spieler. Das Nationalteam trainiert nicht auf der Insel – auch nicht in der WM-Vorbereitung. Nur die Heimspiele der Qualifikation musste es auf Curaçao austragen.Wer für Curaçao spielen will, muss die Insel verlassen. Und das möglichst früh. Am besten schon mit sechs oder sieben Jahren. Ziel: die Talentschmieden der Niederlande. Die von Feyenoord, Ajax Amsterdam oder PSV Eindhoven. Dort trainieren die Kinder täglich und reifen zu Nationalspielern der Karibikinsel.Die Nachwuchs-Nationalmannschaft trainiert in Curaçaos Hauptstadt Willemstad.Trainiert wird unter einfachen Bedingungen: Die Talente der Insel ziehen sich in Betonhütten um, ehe sie den Kunstrasen betreten.Wer auf der Insel genügend Talent zeigt, macht früher oder später den Sprung in die Niederlande.Die «Blue Wave» soll alle mitreissenAuch Anastatia hätte als Jugendlicher die Insel verlassen können. Doch was, wenn er es als Profi nicht geschafft hätte? Er ging auf Nummer sicher, studierte und wurde Sportlehrer. Heute blickt er mit gemischten Gefühlen zurück. Wenn er sieht, wer die Nation auf dem Platz vertritt, sagt er: «Auf dieses Team kann ich nicht ganz so stolz sein.» Er denkt an die lokalen Talente, die keine Chance bekommen – oder ihre Chance verpassten. So wie er.Auf Curaçao vertreten aber nur wenige diese Haltung. Selbst eine 1:7-Niederlage gegen Deutschland wird gefeiert, als hätte das Nationalteam die WM gewonnen. Die karibische Lebensfreude verbreitet sich an der WM weltweit über Bilder und Videos in den sozialen Netzwerken. Kaum in den USA gelandet, fordert ein Fan den Piloten auf, mit ihm um die Wette zu tanzen.Die meisten auf der Insel sind stolz, auch wenn das Team aus «Fremden» besteht. Die Spieler tragen Curaçaos Blau und Gelb – auf der grössten Fussballbühne der Welt. Das bringt die kleine Karibikinsel auf die Landkarte. Sichtbarkeit kann auch wirtschaftliche Vorteile bringen.Selbst eine 1:7-Niederlage gegen Deutschland tut der Begeisterung keinen Abbruch: Auf Curaçao wird bei jedem Spiel mitgefiebert.Auch in Boka Sint Michiel westlich von Willemstad kicken die Kinder – und träumen davon, einmal Fussballprofi zu werden.Die «Blue Wave» ist omnipräsent auf Curaçao. Als Wandgemälde ziert sie die Fassaden.Die Kolonialgeschichte mit den Niederlanden spielt kaum noch eine Rolle. «Es ist lange her», «Man kann es nicht ändern», «Es bringt nichts, zurückzuschauen», hörte Mario Heller in Gesprächen mit den Curaçaoënaars. Auch Neid auf jene, die in die Niederlande gehen, gibt es kaum. Dort leben etwa genauso viele Curaçaoënaars wie auf der Insel. Fast jeder hat Verwandte, die diesen Schritt gewagt haben. Nicht nur, um Fussballprofi zu werden.Die Weltmeisterschaft ist ein Versprechen. Auch für den hiesigen Fussball. Wenn mehr Geld in den Fussballverband der kleinen Nation fliesst, wie der Fifa-Präsident Gianni Infantino betont, gibt es vielleicht Investitionen in die heimische Liga, nachhaltige Strukturen, Talentförderung und den Aufbau einer Fankultur.Bei lokalen Fussballern wie Bryan Anastatia schwingt eine Hoffnung mit: dass junge Talente auf Curaçao künftig nicht mehr «Holland» antworten, wenn sie gefragt werden, für welches Land sie einmal spielen möchten. Und auch Talente der Insel sollen in den blau-gelben Trikots auf den grossen Bühnen des Fussballs auflaufen.So wird «Blue Wave» zu einem Symbol, das die ganze Insel mit Stolz erfüllt.Curaçao heisst auf Spanisch sinngemäss «Insel der Heilung». Die Teilnahme an der Fussball-WM soll mehr bringen als nur kurzfristige Euphorie.Passend zum Artikel
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