Ein KI-Maradona setzt vulgäre Sprüche ab und propagiert Glücksspiele – Argentinien reagiert entsetztJavier Milei will Argentinien zum KI-Mekka machen. Der digitale Klon des verstorbenen «Fussballgottes» löst jedoch eine gesellschaftliche Debatte aus, was die neue Technologie darf.20.06.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten
Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diego Armando Maradona ist wieder da, fünfeinhalb Jahre nach seinem Tod: Wann immer im argentinischen Fernsehen Partien der Fussball-WM zu sehen sind, wird auch ein Werbespot mit dem Nationalhelden ausgestrahlt. In der längeren Version ist seine Stimme fast eine Minute lang im Hintergrund zu hören. Am Schluss kommt ein junger Maradona ins Bild, im Trikot von 1986, als er auf dem sportlichen Höhepunkt war und Argentinien zum Weltmeistertitel führte.Natürlich ist Maradona nicht aus dem Grab gestiegen: Seine Aussagen und die Bewegtbilder sind KI-generiert. Das hat in Argentinien eine Debatte ausgelöst: Darf man so mit einer Ikone, der Verkörperung der argentinischen Seele, umspringen? Und dann auch noch für diesen Zweck?Die Familie ist damit einverstandenMit dem Spot macht das Unternehmen Bet Warrior Werbung für Sportwetten. Das finden manche Kommentatoren unpassend – gerade angesichts der Tatsache, dass die Online-Spielsucht unter jungen Argentiniern zunehmend zum Problem wird, wie das Uno-Kinderhilfswerk Unicef warnt. Aber auch, weil Maradona selbst mit einer Kokain- und Alkoholsucht zu kämpfen hatte. Niemals hätte er zu Lebzeiten Werbung für Sportwetten gemacht, so lautet der Tenor in den sozialen Netzwerken.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenEbenso sorgen die teilweise vulgären Aussagen, die Maradona in den Mund gelegt werden, für Kritik. Sein digitaler Klon sagt: «Si el mundo quiere venir a cortarnos las piernas, le vamos a demostrar que acá se juega con pelotas.» Der erste Teil lässt sich übersetzen mit: «Wenn die Welt uns ein Bein stellen will ...» Der zweite Teil ist, gerade im Fussballkontext, gewollt doppeldeutig. Man kann ihn so lesen: «...dann werden wir zeigen, dass man hier mit Bällen spielt». Aber «pelotas» kann auch auf männliche Geschlechtsorgane anspielen, deshalb ist eher gemeint: «... dass wir hier Eier in der Hose haben».Argentinische Medien werfen zudem die Frage auf, wie es mit den Rechten am Bild und an der Stimme verstorbener Personen aussieht. Fernando Burlando, der Anwalt der Maradona-Töchter Dalma und Gianinna, betonte gegenüber der Zeitung «Clarín», die Familie habe der Verwendung des persönlichen Materials von Diego Armando zugestimmt.Dies sei in einem «demokratischen Mehrheitsentscheid» geschehen – manche Kinder Maradonas waren offenbar dagegen. Man darf davon ausgehen, dass sich Bet Warrior die Rechte einiges hat kosten lassen. Entsprechend wurden Vorwürfe an die Nachfahren laut, das moralische Erbe ihres Vaters verhökert zu haben.Nicht irgendein Bürger: ein emotionales und kulturelles SymbolDer Jurist und KI-Spezialist Juan Gustavo Corvalán von der Universität Buenos Aires glaubt zudem nicht, dass die Sache so einfach ist, wie sie der Maradona-Anwalt darstellt. «Was ist, wenn die Erben zwar einer Nutzung zustimmen, ein ultrarealistischer digitaler Klon aber die Gefühle einer Gemeinschaft verletzt, das kollektive Gedächtnis verfälscht oder das Ansehen einer Person beschädigt, die sich nicht mehr wehren kann?», wird er in der Zeitung «El País» zitiert.Ein Anhänger trauert im November 2020 in Buenos Aires nach dem Tod seines Idols Diego Armando Maradona.ReutersMaradona sei nicht irgendein Bürger gewesen: «Er war für Millionen ein Vorbild, ein emotionales und kulturelles Symbol.» Die Anhänger des legendären Spielmachers verwenden für ihn auch heute noch den Übernamen «D10S», eine Kombination des Wortes «díos» für Gott und seiner Rückennummer 10. Angesichts dieser Dimensionen gehe es beim Maradona-Filmchen nicht mehr um eine blosse Frage des Eigentums, betont Corvalán. «Nicht jede legale Nutzung ist auch eine legitime Nutzung.»Die Kontroverse entbrennt wenige Wochen, nachdem Präsident Javier Milei in der «Financial Times» seine Vision eines KI-Mekkas in Argentinien vorgestellt hat. Der selbsternannte Anarcho-Kapitalist verspricht den Techfirmen in seinem Land völlig freie Hand: Die künstliche Intelligenz soll sich entwickeln können, ohne den «Würgegriff einer verfrühten Regulierung, die die Technologie nicht versteht».Die Argentinier seien «ready for business», erklärte der Präsident mit Blick in die Zukunft. Vor ihrem Fernseher bekommen Mileis Landsleute schon jetzt Anschauungsunterricht, was sich mit der KI-Technologie alles anstellen lässt.Passend zum Artikel









