Ich war Anfang 20, als ich mein erstes graues Haar entdeckte – und ich schämte mich dafür. Dann fragte ich mich: Warum eigentlich?Über ein Problem, das keines sein sollte.20.06.2026, 05.12 Uhr7 LeseminutenSo sehen meine Haare jetzt aus. Ich bin 33 Jahre alt.Ich stand vor dem Badezimmerspiegel in meinem Elternhaus, als ich es entdeckte. Vielleicht putzte ich mir gerade die Zähne oder kämmte mein Haar. So genau weiss ich es nicht mehr. Aber ich weiss noch genau, wo auf meinem Kopf es war. Weit hinten rechts am Scheitel stach es kraus in die Höhe. Schon gut 2 Zentimeter lang. Mein erstes graues Haar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mein erster Gedanke: Wie in aller Welt konnte es 2 Zentimeter lang werden, ohne dass ich es vorher bemerkt hatte? Mein zweiter: Das muss eine gestörte Haarwurzel sein. Ich riss das Haar aus und vergass es wieder.Einige Wochen später war das graue Haar wieder da – an der exakt selben Stelle. Ich wandte mich an meine Mutter. «Wann hast du deine ersten grauen Haare bekommen?», fragte ich sie. «Mit Anfang 20», sagte sie.Mist.Am Anfang störte es mich kaum. Meine Haare färbte ich sowieso ständig. Von Hellblond zu Schwarz, zu Rot, zu Braun, wieder zu Blond. Ich war offen für alle Farben. Okay, fast alle. Grau sei für Pensionierte, dachte ich.Die grauen Haare, die am Ansatz nachwuchsen, zupfte ich aus. Ein kurzes Ziepen, und das Problem war weg. Erst waren es nur ein, zwei Härchen pro Monat, doch mit Ende 20 musste ich einsehen, dass ich auf eine Glatze zusteuerte, wenn ich so weitermachte.Also liess ich die grauen Haare stehen.Beim nächsten Coiffeurbesuch sass ich mit schwitzigen Händen im Stuhl und beobachtete die Friseurin, als sie mein Haar inspizierte. Sollte ich etwas sagen? Ich hatte das Gefühl, aussprechen zu müssen, was wir wohl beide dachten. Ich sagte nichts. Dann fragte sie: «Wie alt bist du denn?» «28», sagte ich.Und nach einer Pause: «Ich weiss, ich habe für mein Alter schon viele graue Haare.»Meiner Friseurin war das wahrscheinlich egal. Mir nicht. Keine andere Frau in meinem Alter hatte graue Haare. Jedes Mal, wenn ich mich im Badezimmerspiegel betrachtete, schämte ich mich. Für die grauen Haare und für die Scham selbst.Wieso störten mich die grauen Haare? War ich so oberflächlich?Die DoppelmoralFast 30 Jahre lang nahm ich es als gegeben hin, dass graue Haare Frauen alt machen und nicht gut aussehen. Bei Männern ist das anders. Sie mögen zwar mit Haarausfall zu kämpfen haben, aber graue Haare? Reif, sexy!Ein Blick auf die bisherigen Gewinner der «Sexiest Man Alive»-Wahl des amerikanischen Magazins «People» bestätigt das: Patrick Dempsey, Idris Elba, George Clooney. Alle haben graue Haare. 1989 erhielt sogar der damals 59-jährige Schauspieler Sean Connery den Titel. Das Magazin schrieb dazu: «Older, balder . . . and better!» – älter, mehr Glatze und besser!Und bei den Frauen? Keine der vergangenen «Sexiest Women Alive» hatte ansatzweise graue Haare. Im Fernsehen und in der Werbung bedienen graue Haare einzig das Klischee der alten Frau. Es ist die Grossmutter, die grau ist. Die 70-Jährige, die dank Voltaren wieder mit der Enkelin im Garten spielen kann. Die Frau auf der Inkontinenz-Webseite. Die Frau, die für ein Hörgerät wirbt.Halb ergraute junge Frauen wie mich sucht man im Fernsehen und in der Werbung vergebens. Entweder man ist grau und alt oder nichtgrau und jung. Ergraute Männer hingegen gibt es in allen Nuancen und Lebenslagen.Die Doppelmoral nervt mich. Und noch mehr nervt mich, dass ich sie selbst so verinnerlicht habe. Hätte ich bei den «Sexiest Men Alive» nicht auf die grauen Haare geachtet, hätte ich sie nicht einmal bemerkt.Bei einer Frau fallen sie mir immer auf, und es folgt der Gedanke: Wie alt ist sie wohl? Ob ich einfach eine Verbündete suche oder darüber urteilen will, ob sie «für ihr Alter» noch gut aussieht, weiss ich manchmal selbst nicht genau.Nebst der Farbe unterscheiden sich die grauen Haare auch in ihrer Struktur. Sie sind dicker, poröser und stehen deswegen oft vom restlichen Haar ab.Der schleichende ZerfallGraue Haare sind mit dem Älterwerden verknüpft, sie sind ein Symptom des schleichenden körperlichen Zerfalls. Die pigmentbildenden Zellen in der Haarwurzel sterben ab, es wird kein Farbstoff mehr produziert, das Haar wird weiss. Neben noch pigmentierten Haaren erscheint es grau.Dieser Prozess kann schon bei jungen Frauen einsetzen. In seltenen Fällen liegt es an einem Vitaminmangel, in den meisten Fällen ist der Zeitpunkt des Ergrauens genetisch bedingt und gehört zum Alterungsprozess. Graue Haare an 30- oder sogar 20-jährigen Frauen sind normal.In der Gesellschaft aber sind Anzeichen des Älterwerdens zu einem Problem geworden. Vor allem bei Frauen. Das zeigt der Gang durch jede Beauty-Abteilung eines Supermarkts. «Nivea Cellular Expert Filler Anti-Age Nachtpflege», «L’Oréal Paris Age Perfect Kollagen Experte Straffende Pflege», «Weleda Slow Aging Astaxanthin Serum Drops».Dann gibt es noch die Regale mit den Haarfarben. Auf den meisten Packungen steht so etwas wie 80 oder 100 Prozent Grau-Abdeckung. Und immer strahlt einem eine Frau entgegen.Im Juli 2023, mit 31 Jahren, färbte ich meine Haare zum letzten Mal.Eigentlich war danach alles wie immer. Die nachwachsenden grauen Haare am Ansatz störten mich. Aber ich schob den nächsten Friseurtermin ebenso vor mir her wie die Frage: Was, wenn ich einfach mit dem Färben aufhörte?In dieser Phase schlug mir Instagram ein Video vor. Eine Frau, Ende 30, mit komplett grau-weissem langen Haar. Meine verinnerlichten Vorurteile meldeten sich. Ich versuchte, dagegen anzukämpfen, versuchte, Gefallen an dem Look zu finden. Es sieht einzigartig aus. Das war das positivste Urteil, das ich mir abringen konnte. Dann öffnete ich die Kommentare zu dem Beitrag.«Schade, dass du dich gehen lässt.»«Mit diesen Haaren siehst du aus wie 70.»«Pflegst du dich auch sonst nicht mehr?»Ein Teil der Gesellschaft dachte offenbar noch negativer über graue Haare, als ich es tat. Wieso provozieren graue Haare von jungen Frauen so stark?Eine BefreiungIch frage nach bei Dominique Grisard, Dozentin für Gender Studies an der Universität Basel. Sie sagt: «Von Frauen wird erwartet, dass sie unentwegt am Äusserlichen arbeiten.» Als Frau solle man jung und weiblich aussehen – und das so lange wie möglich. Wer sich dieser Erwartung widersetzt, bekomme das zu spüren. «Man gehört zu den Alten, man ‹checkt’s› nicht mehr, die aktive Sexualität wird einem abgesprochen. Als Frau existiert man dann nicht mehr.»Dieses Phänomen ist schon länger bekannt. Die Soziologinnen Caroline Holland und Anthea Symonds schrieben 2008: «Graue Haare bei einer Frau produzieren eines der am wenigsten begehrten Bilder in der westlichen Gesellschaft – das einer alten Frau.»Ich vereinbare einen Video-Call mit Esra Ünlü. Sie ist eine deutsch-türkische Influencerin und dreht Videos, um graue Haare bei jungen Frauen zu normalisieren. Ursprünglich hatte Ünlü dunkelbraune Haare. Jetzt sitzt sie mir im Call gegenüber, ihre Haare hat sie zusammengebunden, dennoch sehe ich: Sie sind fast komplett weiss. Ünlü ist Mitte 30.«Die negativen Kommentare machen gar nichts mehr mit mir», sagt Ünlü. Früher war die Angst vor solchen Rückmeldungen der Grund, weshalb sie sich die Haare ab 20 färbte, zunächst alle vier bis fünf Wochen, später alle drei. Sie habe ihr erstes graues Haar bereits mit 16 entdeckt, sagt Ünlü. Aber als Teenager habe ihr das Selbstbewusstsein gefehlt, um dazu zu stehen. Sie wollte so sein wie andere in ihrem Alter.Je mehr graue Haare sie bekam, desto grösser wurde der Druck. Bereits eine Woche nach dem Färben waren sie wieder sichtbar. Esra Ünlü begann, ihr Leben um diesen Haaransatz herum zu planen. Sie buchte Friseurtermine vor wichtigen Ereignissen, vor Dates oder Ferien. Mit 30 beschloss sie, mit dem Färben aufzuhören. Ein erster Versuch scheiterte, den zweiten zog sie durch. «Es war ein Befreiungsschlag», sagt sie.Doch der Anfang war schwer. Das graue, nachwachsende Haar hob sich als deutlicher Balken von ihrem dunklen Resthaar ab. Sie habe fast keine Fotos von sich aus dieser Zeit, sagt Ünlü. Aber sie hielt die Blicke und die vereinzelten Kommentare («Du bist doch noch viel zu jung für graue Haare!») aus. «Erst durch diesen Prozess habe ich gemerkt, wie egal mir die Meinung anderer Menschen ist.»Heute liebt sie ihre Haare – und kann damit umgehen, dass Tausende von Menschen diese Haare in den sozialen Netzwerken kommentieren. Ihr meistgeschautes Video hat über 80 Millionen Aufrufe.Alles eine GewöhnungssacheNach meinem ersten Video einer grauhaarigen Frau in jenem Sommer 2023 hatte mich der Algorithmus auf Instagram schnell durchschaut. Ständig schlug er mir fortan weitere solche Videos vor. Und je öfter ich graue Haare an jungen Frauen sah, desto weniger störten sie mich. Meine Abneigung löste sich langsam auf. Ich liess meine grauen Haare weiter wachsen.Warum ist dieses Farbspiel in Haaren von Frauen so verpönt?Die Gender-Forscherin Dominique Grisard sagt, dass genau so neue Vorstellungen von Schönheit entstünden. «Was wir als schön empfinden, hängt stark davon ab, was wir sehen und was uns vorgelebt wird.» Die Abneigung gegen graue Haare sei erlernt und nicht biologisch in uns verankert. Sonst wäre sie in jeder Epoche gültig gewesen.Im 18. Jahrhundert beispielsweise trugen die Menschen weisse Perücken, um ihre Macht und ihren Wohlstand zu symbolisieren. Das Kaschieren von grauen Haaren wurde erst im 20. Jahrhundert zur Schönheitsnorm, als Haarfarben erschwinglich wurden. Vor allem Frauen begannen darauf zurückzugreifen, um sich selbst zu optimieren. «Attraktivität ist eine Macht, die manche Frauen einsetzen, weil ihnen andere Machtformen nicht zur Verfügung stehen», sagt Grisard. Und Vorstellungen von Attraktivität und Jugendlichkeit sind eng miteinander verwoben.Mit meinen grauen Haaren fühle ich mich weder jung noch attraktiv. Obwohl ich im Vergleich mit Esra Ünlü noch kaum graue Haare habe und sie unter meinen dunkelblonden Haaren weniger auffallen. Aber ich hätte lieber komplett weisse Haare anstatt nur vereinzelte graue Härchen, sage ich zu Ünlü. Ihre Haare sehen aus wie ein gewollter Look, meine nicht.Das höre sie oft, antwortet sie. Aber dieses Zwischendrin sei wichtig. «Wenn wir uns die grauen Haare immer auszupfen oder färben, kreieren wir das Bild, dass dreissigjährige Frauen keine grauen Haare haben. Das erzeugt Druck.» Genau deswegen versteht sie auch, wenn Frauen ihre Haare weiter färben wollen. Es ist verzwickt.Wenn ich meine grauen Haare mit einer einzigen Behandlung für immer loswerden könnte, würde ich es wahrscheinlich tun. Ich weiss aber auch, dass dieser Wunsch nicht wirklich meiner ist. Und doch sitzt er tief in mir drin, hartnäckig.Natürlich will ich nicht als ungepflegt und inkompetent wahrgenommen werden. Oder von jünger aussehenden Frauen in die Unsichtbarkeit gedrängt werden.Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, lasse ich meine grauen Haare wachsen. Damit graue Haare normal werden. Auch wenn sie mir selbst nicht gefallen.Noch nicht.Passend zum Artikel