PfadnavigationHomeICONISTTrendsArtikeltyp:Meinung„Granny Hair“Wie ich lernte, meine grauen Haare zu liebenStand: 11.05.2026Lesedauer: 7 Minuten„Granny Hair“, wie es in der Trend-Sprache heißt. Das Bild zeigt übrigens NICHT die AutorinQuelle: Andreas Kuehn/Image Bank/Getty ImagesAls unsere Autorin die ersten grauen Haare auf ihrem Kopf entdeckte, ging es ihr wie vielen anderen: Sie empfand sie als einen Makel, den es zu verbergen galt. Das ist heute anders – auch wegen einiger Tipps eines Star-Koloristen.Vor bald 20 Jahren kam das Grauen über mich. Eines Morgens entdeckte ich zwischen meinen dunklen Haaren erste graue. Mit dem Pathos einer 24-Jährigen, die auch noch unter Liebeskummer litt, dachte ich gleich an Marie Antoinette, die der Legende nach in der Nacht vor ihrer Hinrichtung ergraute. Sofort kam ich mir noch ein wenig bemitleidenswerter vor.Die Lethargie währte nicht lange, kurz darauf saß ich beim Friseur. Seitdem habe ich meine Haare gefärbt, gebleicht und geschunden. Mal überließ ich die Arbeit Profis, oft legte ich selbst Hand an. Auf dunkle Farbe folgten helle Strähnchen und schließlich blond. Um 2016 begann der Trend zum „Granny Hair“. Junge Frauen färbten ihre Haare grau (Nicole Richie und Lady Gaga waren die bekanntesten Beispiele), doch das änderte nichts daran, dass ich mein Grau weiterhin versteckte. Genauso wenig wie meine Bewunderung für Birgit Schrowange, die ihr Haar seit 2017 hellgrau-weiß trägt, für Alexandra Grant, die seit 2019 als weißhaarige Frau an der Seite von Keanu Reeves bekannt ist, oder für Andie MacDowell, die im Frühjahr 2021 mit ihrer grauen Lockenmähne einen hinreißenden Auftritt beim Filmfest in Cannes hinlegte. Im vergangenen Spätsommer aber änderte sich etwas. Erst auf, dann in meinem Kopf: Wegen akuten Haarbruchs verordnete ich mir einen Blondierungs-Stopp. Seitdem bahnen sich vom Ansatz her langsam graue Strähnen ihren Weg durch den dunklen Ursprungston. Die Angst, alt auszusehen, weicht mit jedem Tag mehr dem Wunsch, ich selbst zu sein, auch optisch. Das mag wieder nach Pathos klingen, aber diesen Wunsch teilen offenbar viele: Auf Instagram dokumentieren Frauen aller Altersklassen unter Hashtags wie „#greyhairtransition“, wie ihre grauen Haare zum Vorschein kommen, auch im echten Leben sind immer mehr von ihnen zu sehen. Grau ist kein Nischenphänomen mehr oder mutigen Ausnahmen vorbehalten. Es ist eine Haarfarbe von vielen. Eine, die ich nun auch tragen möchte.Der natürliche Weg dahin wird dauern: „Pro Monat wachsen Haare – auch graue – um einen bis drei Zentimeter“, sagt Josh Wood. Der Star-Kolorist, dem schon David Bowie, Bella Hadid, Nicole Richie und Kylie Minogue ihr Haar anvertrauten, führt ein Haarstudio in London, kümmert sich um die Frisuren der Fashion-Week-Models und bietet auch eigene Färbe- und Pflegeprodukte an. Wood, jüngst zu Besuch bei einem Berliner Branchenevent, gilt als Experte für graues Haar. 2010 verhalf er Kristen McMenamy, einem Topmodel der 90er (und von Lässigkeits-Königin Kate Moss als „die Coolste“ geadelt), zu einem weißgrauen Schopf. Damals war sie Mitte 40. „Graue Haare sind weder altmodisch noch langweilig, sie können chic und sehr modern sein“, erklärt Wood voller Überzeugung. Die graue Revolution begann während der Corona-Pandemie, als die Türen der Friseursalons verschlossen blieben. Auch Andie MacDowell gab zu Protokoll, in dieser Phase mit dem Färben aufgehört zu haben. Jetzt trägt diese Revolution ihre Früchte: Ergraute und umschwärmte Männer von George Clooney bis Joshua Jackson bekommen weibliche Gesellschaft.Lesen Sie auchDie Modewelt, ein zuverlässiger Gradmesser für Schönheitsideale, liebe jetzt ältere Frauen, hieß es kürzlich in „The New York Times“ mit Verweis auf Beispiele wie das Model Stephanie Cavalli, die im März mit grauem Haaransatz über den Chanel-Laufsteg lief – oder Meryl Streep, die mit weißer Haarpracht neben Anna Wintour das aktuelle „Vogue“-Cover ziert. Beim Supermodel Christy Turlington, mit 57 Jahren Markenbotschafterin des Kosmetikriesen Lancôme, sind hauchdünne graue Strähnen zu sehen, ihre drei Jahre ältere Kollegin Paulina Porizkova modelt für Estée Lauder mit langem Haar in silbrigem Grau. „Die Wahrnehmung von grauem Haar ändert sich gerade massiv“, erklärt Wood. Während sich noch vor 20 Jahren kaum eine Frau bewusst für Grau entschieden habe, hätten inzwischen immer weniger seiner Kundinnen das Bedürfnis, den vermeintlichen Makel zu verstecken. Dieser Wandel sei auch dem Granny-Hair-Trend der Zehnerjahre zu verdanken, er habe gezeigt, „wie cool und jugendlich graues Haar sein kann“. Die aktuelle Instagram-Bewegung rund um die #greyhairtransition setzt diesen Trend fort: Hier geht es vor allem um den Verzicht auf Farbe.Aber: Oft sei es nicht damit getan, Farbe oder Blondierungen einfach herauswachsen zu lassen, so Wood. „Die Entscheidung für graue Haare ist nicht automatisch eine Entscheidung gegen Farbe. Es geht darum, einen Weg zu finden, mit dem Grau umzugehen und es optimal zur Geltung zu bringen.“ Die Sorge, alt auszusehen, entkräftet er: „Mit grauem Haar kann man sogar jünger wirken. Stark gefärbtes Haar kann dagegen unnatürlich erscheinen oder in einem allzu harten Kontrast zum Gesicht stehen.“ Und tatsächlich: Wer hat sich beim Anblick von Frauen und Männern über 60 mit glänzend-dunklem oder strahlend-blondem Haar nicht schon mal gefragt, welche natürliche Farbe sich wohl darunter verbirgt? Dann lieber so souverän wie Königin Letizia von Spanien oder Salma Hayek auftreten, durch deren Haare sich schon in ihren 50ern feine silberne Strähnen ziehen. Lesen Sie auchFür alle, die wie ich aktuell drei Haarfarben haben – den Naturton, graue Strähnen und Blond, je nach Lichtverhältnissen und Frisur mal mehr, mal weniger sichtbar – bringt Wood eine naheliegende Option ins Spiel: die Haare abschneiden, damit alles gleichmäßig nachwachsen kann. Farbe und Länge zu verändern, ist mir aber dann doch zu viel auf einmal. Ein anderer Vorschlag: den Übergang zwischen den Farben, den ich bisweilen unter breiten Haarbändern verstecke, zu zelebrieren und etwa mit pink gefärbten Spitzen noch zu betonen. „Statt zu denken: Oh nein, ich habe drei Haarfarben und sehe nicht gut aus, kann man genau das in einen Vorteil und einen edgy Look verwandeln“. Edgy war ich leider noch nie, auch diese Option fällt also für mich aus; für Mutigere ist das aber eine Überlegung wert.Sanfter erscheint die Methode des „Grey Blending“, das in meinem Instagram-Feed mittlerweile allgegenwärtig ist. Dabei werden weiße oder graue Haare nicht komplett überfärbt, sondern mit dem natürlichen oder einem gefärbten Ton in Einklang gebracht. Diese Technik ist laut Wood noch keine fünf Jahre alt – ein weiterer Beleg, dass sich der Blick auf Grau wandelt. Der Farbprofi unterscheidet mehrere Kategorien: Grey Blending, das durch Highlights den Übergang erleichtert, wenn man eine Farbe oder Blondierung herauswachsen lässt. Bereits ergrautes Haar kann mit dieser Technik gleichmäßiger wirken; bei den meisten Menschen entsteht laut Wood auf natürlichem Wege nämlich kein homogenes Grau. Bei einer anderen Variante wird graues Haar „modelliert“, hier kommen ebenfalls Highlights oder auch Microlights, also hauchdünne Strähnchen, zum Einsatz.Und wie findet man unter all diesen Möglichkeiten die richtige für das eigene Haar? Mit der Hilfe eines Profis, der einen wirklich versteht, wie Wood es formuliert. Der Kolorist, der bei seinen Einsätzen rund um die Welt auch Haare von Menschen färbt, deren Sprache er nicht spricht, hat dazu einen Tipp: „Man kann ein Moodboard erstellen mit Looks, die man sich an sich selbst vorstellen kann. Das kann auch als Vorbereitung auf das Beratungsgespräch sehr hilfreich sein.“Hat sich das Grau dann auf dem Kopf durchgesetzt, können einst glanzvolle Zeiten vorbei sein, denn graue Haare sehen oft stumpf und trocken aus. Über die Gesundheit des Haares und seiner Trägerin sage das aber nichts aus, sagt Wood, es liege schlicht an der Struktur und fehlenden Pigmentierung. „Einmal in der Woche eine Haarmaske und Glanzsprays können helfen.“ Auch blaue oder violette Spülungen und Shampoos könnten graues und weißes Haar strahlen lassen. Nahrungsergänzungsmittel seien ebenfalls hilfreich, vor allem wenn sie das Vitamin B7 enthalten: „Sie können das Wachstum der Haare fördern und sie kräftiger wirken lassen.“ Mit diesen Informationen fühle ich mich gerüstet für meine Reise zum Grau. Bevor sie dank Grey Blending weiter an Fahrt aufnimmt, muss ich aber noch einen letzten Funken Mut sammeln. Denn – und jetzt wird es leider sehr unfeministisch – die Frage, ob sich auch die männliche Wahrnehmung grauhaariger Frauen wandelt, beschäftigt mich als Single mehr, als mir lieb ist. Finden Männer eine Frau (die leider nicht so aussieht wie Christy Turlington) mit ergrautem Haar überhaupt attraktiv? Eine nicht repräsentative Umfrage im Bekannten- und Kollegenkreis ergibt ein zögerliches „Ja, aber“: Blonde, braune oder schwarze Haare würden nun einmal eher als Schlüsselreiz wirken als graue. Vielleicht braucht der männliche Blick auf graues Haar ja einfach nur etwas länger, um sich an die veränderten Gegebenheiten anzupassen – das verstehe ich gut; schließlich brauchte meiner fast 20 Jahre dafür. Ich habe Geduld. Und bald vielleicht nur noch eine Haarfarbe: Grau.
Wie ich lernte, meine grauen Haare zu lieben - WELT
Als unsere Autorin die ersten grauen Haare auf ihrem Kopf entdeckte, ging es ihr wie vielen anderen: Sie empfand sie als einen Makel, den es zu verbergen galt. Das ist heute anders – auch wegen einiger Tipps eines Star-Koloristen.








