Die Behandlung findet im angesagten Bremer Beautysalon „Feenstaub“ statt, einem Studio, das mir von Leuten empfohlen wurde, die deutlich schöner sind als ich. Schon auf dem Weg dahin, vorbei an Werderfans, die mir zunicken, einfach weil ich ein dunkelgrünes T-Shirt trage, wird mir klar, dass ich auf dem Weg bin zur ersten Schönheitsbehandlung meines Lebens.Das Studio von Deniz Ayin liegt abseits der Hauptstraße, im Schatten eines Hinterhofs versteckt. Mit seinen sanft-weißen Wänden, dem elegant geschwungenen Tresen, der Stille und den hellen Holzpaneelen fühlt man sich direkt beim Eintreten wie eine Perle in einer Kosmetikauster. Der Mann, der sich morgens im Spiegel sieht: schlaff und waffelteigartig: Werden mich die Leute hinterher noch erkennen?Ach du SchreckZunächst erklärt mir Ayin das Prozedere. Sie sagt, sie sei 42, sieht aber mindestens zehn Jahre jünger aus als ich. Ich kann nicht sagen, dass mir das egal ist. Es löst eine Art Schock aus, den ich vorher nicht kannte. Der zweite Schock kommt nach dem Hautscreening: Ich stecke den Kopf in einen schwarzen Kasten. Auf den Bildern danach sehe ich aus, als wäre ich gerade gestorben: eine blasse, matte, eingefallene und teils dunkelmarmorierte Version des Jungengesichts, das ich einst hatte. Ach, du Schreck.Natürlich kann man sich fragen, ob das alles Propaganda ist, um teure Behandlungen zu verkaufen. Aber die entscheidende Frage lautet doch: Was, wenn nicht? Werde ich meine Kinder aufwachsen sehen?Ayin zeigt mir meine Sonnenschäden, einige gerissene Blutgefäße, Entzündungen unter der Haut, Pickel, Pigmente. Ich will hier wirklich nicht dramatisieren, aber während ich auf die Bilder schaue, richte ich mich gedanklich darauf ein, mehrere Wochen hierzubleiben. Welche guten Geister hatten mich eigentlich verlassen, dass ich meine pubertätsbedingte Mitesser-Behandlung nie weiterverfolgt habe?Meine Haut ist sicher totMeine Haut ist nicht einfach dehydriert. Meine Haut ist sicher tot und hat in ihrem Leben nie Feuchtigkeitscreme gesehen. Ich versorge meine Zimmerpflanzen besser als das größte und wichtigste Organ, das ich besitze. Wie verantwortungslos kann man sein? Bei allen Frauen in meinem Leben, die sich neben mir jeden Tag eingecremt und zurechtgemacht haben, habe ich mir aus unerklärlichen Gründen nie die Frage gestellt, ob das alles nicht vielleicht total sinnvoll ist und auch etwas für mich wäre?Jetzt bin ich also darauf angewiesen, zu sehen, wozu die moderne Kosmetik (noch) fähig ist. Das letzte Mal, dass ich eingecremt wurde, lag ich auf dem Rücken und bekam Penaten-Creme in meine dicke Haut einmassiert. Wenn wir hier fertig sind, werde ich sicher strahlen wie nie. Vielleicht heirate ich also heute noch Clemens Fritz.„Es ist alles ganz einfach“, erklärt mir Ayin, als ich auf der Liege Platz genommen habe, die Behandlung. „Wir bringen jetzt Hyaluronsäure mit galvanischem Strom tief in deine Haut ein. Das bringt Volumen und Glanz und Feuchtigkeit zurück.“ Infuzion sei eine innovative und nichtinvasive Anti-Aging-Behandlung, erklärt sie mir, die der Haut ein jüngeres Aussehen beschert, ganz ohne Nadeln, Druck, Schmerzen oder Ausfallzeiten.Ob das hilft? Unser Kolumnist hat bislang selbst Hausmittel nur sehr sparsam an seine Haut gelassen.Jasper HillWas das bitte bedeuten soll: AUSFALLZEITEN – frage ich. Nicht, dass mein Gesicht hinterher nach einem ungewollten Gärprozess aussieht und ich nicht mehr in die Bahn steigen kann.„Na ja“, erklärt Ayin. „Bei der herkömmlichen Behandlung mit Nadeln sieht man schon etwas ramponiert aus. Da verlässt man vielleicht auch mal das Haus nicht.“Wow, denke ich: „Tut mir leid, Schatz. Sagst du bitte der Haushälterin, sie möge allein einkaufen? Mein Gesicht ist leider auf die doppelte Größe angeschwollen – ich bleibe noch etwas im Dämmerungsbad! Mir geht’s nicht so gut heute.“Ich mache mich also auf der Bahre lang, oder nennt man es Trage? Was ist das überhaupt für eine Art Behandlungsbett? Mein Gesicht bekommt ein Enzympeeling, was alle toten Hautschuppen und Bakterien entfernt und sehr, sehr kühlend und schön ist. Weil ich die Augen zulasse – ich habe Angst, dass das Enzym auch die Augen wegpeelt – fühle ich mich schwebend.Der Strom massiert meine Kopfhaut„Alles gut?“, fragt eine göttliche Stimme in Weiß, die Ayin sein muss. „Bin ich im Himmel?“, frage ich, wobei ich nicht weiß, ob das eine Frage oder eine Feststellung sein soll. Es fühlt sich wie der Himmel an.Den restlichen Ablauf kann ich nur rudimentär rekonstruieren. Immer wieder wird mein Gesicht eingecremt. Ayin holt eine Pistole hervor, auf der vorne eine kleine Kugel sitzt. Damit wird die Hyaluronsäure einmassiert. Ayin stellt den Strom an, und die Kugel fühlt sich plötzlich kratzig und rau an. Es ist nicht unbedingt angenehm, aber unangenehm ist es auch nicht.Als ich Ayin dafür danke, dass sie in meine Haare greift und mir so schamlos die Kopfhaut massiert, antwortet sie: „Meine Hand ist nicht da.“ Es muss also der Strom sein. Oh Gott, der Strom setzt direkt an meiner Kopfhaut an und grillt gerade sicher die Windungen und Furchen meines Gehirns.Sollte ich gleich aufstehen und dement sein, wäre das schlimm, aber eine wohltuende Erfahrung gewesen.Der Friseur sagt, ich sehe aber fresh ausAm Ende bekomme ich noch eine Feuchtigkeitsmaske und darf etwa fünf Minuten dämmern. Dann stehe ich auf, sehe in den Spiegel und erkenne keinen Unterschied. Für eine Behandlung, die fast zweihundert Euro kostet. Die man dreimal am Anfang macht und dann alle sechs Monate auffrischen muss.Wir verabschieden uns, und ich sage, dass der Tag toll gewesen sei. „Heute viel stilles Wasser trinken“, rät mir Ayin noch.Auf dem Rückweg treffe ich meinen Friseur (über dessen Salon ich an dieser Stelle berichtet habe.) Er sagt, ich sehe aber fresh aus. Jetzt merke ich es auch. Ich fühle mich fresh! Mindestens fünf Jahre jünger.Auf dem Klo zuhause betrachte ich mich im Spiegel und – Mein lieber Scholli! – ich sehe doch einen Unterschied. Keine Augenringe mehr, kaum Falten. Alles straff. Ich gehe wieder raus durch die Stadt. Die Sonne scheint, das Leben ist schön.Ich wünschte, ich hätte Geld, dann würde ich diese Behandlung immer machen. Und vielleicht, denke ich dann, treffe ich gleich noch Clemens Fritz, auf dem Weg Richtung Weserstadion.Er wird seine Frau für mich sitzen lassen, ganz sicher. So wie ich jetzt aussehe. Und vielleicht würden wir heiraten. Auf dem Balkon der Meierei am Bürgerpark. Er würde mich in den Arm nehmen in meinem weißen Kleid, mir tief in die Augen schauen und sagen: „Schön siehst du aus.“ Ja würde ich sagen. Denn das Selbstbewusstsein habe ich. Und dann würde ich kokett machen, gnihihi, und ihm in die Wange kneifen dabei und antworten: „Und hättest du dich mal nicht so bei den Sommertransfers verzockt, du kleiner Schlingel!“