Aleksandar Pavlović spielt seine erste WM. Und gehört gleich zur Schaltzentrale der deutschen Mannschaft. Der 22-Jährige orientiert sich an besonderen Spielern. Ein Gespräch über Verantwortung, Werte und große Träume.Mittags in Winston-Salem, 30 Grad. Aleksandar Pavlović, 22, kommt vom Training der Fußball-Nationalmannschaft. Seit rund zwei Wochen bereitet sich die deutsche Auswahl auf dem Gelände der Wake Forest University in North Carolina auf ihre WM-Spiele vor. Zum Gespräch nimmt der Mittelfeldprofi des FC Bayern auf einer Terrasse Platz.WELT AM SONNTAG: Herr Pavlović, in dieser Woche hatten Sie und Ihre Kollegen zum ersten Mal einen Tag trainingsfrei. Was machen Sie, wenn mal kein Fußball ansteht?Aleksandar Pavlović: Mir ist es wichtig in der Freizeit etwas runterzukommen. Ich liege gern am Pool, bin auch reingesprungen. In der Eis-Tonne war ich ebenfalls. Und meine Eltern sind hier. Ich war mit ihnen in der Stadt einen Kaffee trinken. Meine Schwester wäre auch gern in die USA gekommen, doch ihr Sohn ist erst knapp ein Jahr alt, da war das schwierig.WELT AM SONNTAG: Wir haben gehört, dass Sie sich beim Kartenspiel „Uno“ packende Duelle mit Ihren Mitspielern wie Nathaniel Brown liefern.Pavlović: Wir spielen beinahe jeden Tag. Das ist eine Riesenrunde, in der die Verlierer danach auch kleine Strafen bekommen (lacht). Aber ich verrate nicht, welche. Ein bisschen Spaß muss sein.WELT AM SONNTAG: Sie sind eines der Gesichter der neuen Spieler-Generation Deutschlands. Diese Generation Z ist dem Klischee nach ja eigentlich durchgehend online, bei TikTok oder am Zocken.Lesen Sie auchPavlović: Das heißt es oft, ja. Ich bin aber nicht der Playstation-Typ, ich zocke nur wenig. Ich finde es viel cooler, etwas zu unternehmen. Essen zu gehen und sich dabei die Gegend anzuschauen. So wie jetzt mit meinen Eltern. Das ist viel schöner, als am Handy oder Notebook zu hängen.WELT AM SONNTAG: Gern draußen zu sein – das ist in Ihrer Familie wichtig. Wir haben gehört, die Imkerei sei bei den Pavlovics eine große Sache.Pavlović: Gut recherchiert (lacht). Mein Papa ist tatsächlich Hobby-Imker. Ihm macht das ganz viel Spaß und die Imkerei hat bei uns in der Familie seit Generationen Tradition.Lesen Sie auchWELT AM SONNTAG: Hätte Sie die Arbeit mit Bienen ebenfalls gereizt, wenn Sie nicht Fußballer geworden wären?Pavlović: Beruflich wohl nicht. Ich hätte wohl eher etwas mit Sport studiert und danach in der Sportbranche gearbeitet.WELT AM SONNTAG: Stattdessen sind Sie einer der besten zentralen Mittelfeldspieler der Bundesliga geworden. Robustheit ist auf Ihrer Position sehr wichtig. Sie sagten mal, Sie seien körperlich lange „ein Spargel gewesen.“Pavlović: Ich war spätpubertierend. Alle um mich herum waren gefühlt schon erwachsen – und ich war noch ein Kind. Ich brauchte meine Zeit, das Wachstum kam spät. Ich musste daher hart an mir arbeiten.WELT AM SONNTAG: Was haben Sie konkret getan, um zuzulegen?Pavlović: Ich habe mit Krafttraining an meinem Körper gearbeitet. Das mache ich heute noch sehr diszipliniert. Und noch wichtiger: Ich habe nie aufgegeben. Als Kind war es nicht einfach, zu sehen, wie schnell die Jungs um dich herum wachsen. Aber dadurch habe ich gelernt zu kämpfen. Es hatte also auch etwas Gutes. In den vergangenen Jahren habe ich zudem immer mehr auf meine Ernährung geachtet.WELT AM SONNTAG: Gibt es etwas, was Sie in Ihrer Ernährung komplett weglassen?Pavlović: Ich esse zwar Tomatensauce, aber rohe Tomaten mag ich nicht. Fast Food lasse ich auch weg. Außer mal einen Burger am Cheatday.WELT AM SONNTAG: Beim FC Bayern und der Nationalmannschaft wirkt Ihr Spiel furchtlos – wie namhaft die Gegenspieler auch sind. Haben Sie nie Angst? Pavlović: Ich habe einfach diese Gabe, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Ich bin stolz darauf. Mich schüchtert es nicht ein, ich liebe es sogar, in einem vollen Stadion allen zu zeigen, was ich draufhabe. Meine Furchtlosigkeit kommt auch von meinen Eltern. Sie sind wie ich. Mein Papa hat keine Angst, meine Mama auch nicht. Glaub immer an dich – das haben sie mir vermittelt, insbesondere in schwierigen Zeiten. WELT AM SONNTAG: Welche schwierigen Zeiten meinen Sie?Pavlović: In der U15 war ich eigentlich zu klein und zu schmächtig. Das hat dazu geführt, dass ich bis heute schnell und einfach spiele.WELT AM SONNTAG: Sie spielen bei dieser WM mit Felix Nmecha „auf der Sechs“, der Schaltzentrale des deutschen Spiels. Wie gehen Sie mit dieser enormen Verantwortung um?Pavlović: Ich will möglichst jeden Ball haben. Ich mag es, wenn das Spiel über mich läuft. Ich will es lenken. Ich will Situationen gestalten – und die Restverteidigung organisieren. Das ist mein Ding. Ich trage die Verantwortung sehr gern. WELT AM SONNTAG: Was bedeutet für Sie Spielkontrolle?Pavlović: Wir kontrollieren das Spiel, wenn wir den Ball haben – und bestimmen, wie es weitergeht. Entweder mache ich das Spiel schnell oder beruhige es, wenn es hektisch wird. Das geht mit kleinen Pässen. Und wenn ich den Ball gewinne und ihn direkt in die Tiefe spiele, können wir einen guten Konter einleiten. Ich muss wie meine Teamkollegen immer schauen, was passt und was nicht passt, also das Spiel genau lesen.WELT AM SONNTAG: Sie sehen Räume, die andere erst erkennen, wenn Sie diese bespielt haben. Wie geht das?Pavlović: Man kann das nicht lernen. Deine Technik kannst du verbessern, indem du übst. Aber das Lesen eines Spiels kann nicht jeder.WELT AM SONNTAG: An welchen Spielern haben Sie sich orientiert, um dorthin zukommen, wo Sie heute sind?Pavlović: Mein absolutes Vorbild ist Cristiano Ronaldo. Mit ihm bin ich aufgewachsen, in meinem Kinderzimmer hing sein Poster. Ronaldo hat mich enorm geprägt. Was Spieler auf meiner Position betrifft, haben mich Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Rodri und Sergio Busquets beeindruckt. Vor allem von Busquets habe ich mir viele Szenen angeschaut. Seine Vororientierung war großartig, er hat das Spielfeld quasi gescannt. Lesen Sie auchWELT AM SONNTAG: Was bewundern Sie an Ronaldo?Pavlović: Lionel Messi ist fußballerisch auch absolut top, aber Ronaldos harte Arbeit und seine Gier, nach mehr zu streben, obwohl er schon alles gewonnen hat, finde ich beeindruckend. Alles, was er hat, hat er sich erarbeitet.WELT AM SONNTAG: Haben Sie mal Gelegenheit gehabt, ihm zu sagen, wie sehr er Sie geprägt hat? Pavlović: Als wir im Halbfinale der Nations League vor einem Jahr gegen Portugal gespielt haben, habe ich ihn kurz getroffen. Für ein tiefgehendes Gespräch war leider keine Zeit. Dennoch war das ein sehr schöner Moment, in dem für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung ging.WELT AM SONNTAG: Bei der WM 2014 waren Sie zehn Jahre jung. Jetzt spielen Sie mit Manuel Neuer Ihr erstes gemeinsames Turnier.Pavlović: Das ist unglaublich. Manuel ist eine absolute Legende. Ich bin sehr froh, dass er wieder zurückgekommen ist und bei uns im Tor steht. WELT AM SONNTAG: Welchen Moment von 2014 haben Sie noch vor Augen?Pavlović: Das Tor von Mario Götze zum WM-Triumph im Finale. Ich glaube, jeder Deutsche hat das noch vor Augen. Ich habe das Spiel mit meiner Familie geschaut.WELT AM SONNTAG: Die Familie scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.Pavlović: Sie ist das Wichtigste in meinem Leben. Ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Und nicht die Person, die ich bin. Alles, was ich erreicht habe, habe ich meinen Eltern und meiner Schwester zu verdanken. Sie waren auch bei mir, als ich wegen meiner Mandeloperation meine Teilnahme an der EM 2024 in Deutschland verpasste. WELT AM SONNTAG: Nun geben Sie ihnen etwas zurück, indem Sie Ihre Eltern in die USA eingeladen haben?Pavlović: Auf jeden Fall. Sie sind aber eh fast immer bei mir. Sie sind bei jedem Heimspiel des FC Bayern im Stadion, manchmal auch auswärts dabei. Mein Vater ist absolut fußballbegeistert. Er schaut immer noch Spiele der U16, der U17 oder der U19 vom FC Bayern. Meine Mutter ist mittlerweile auch voll drin. Mit ihr gibt es eine neue Expertin, die meine Spiele analysiert und auch mal was kritisiert. Das ist cool.WELT AM SONNTAG: Welche Werte haben Ihnen Ihre Eltern mitgegeben?Pavlović: Niemals aufgeben, auch wenn es mal schwierig wird. Loyalität. Spaß zu haben und Liebe zu schenken. Und Respekt. Dazu bin ich sehr pünktlich, manchmal beinahe überpünktlich. Das habe ich vor allem von meiner Mama.WELT AM SONNTAG: Stimmt es, dass Sie den Bundestrainer Julian Nagelsmann immer noch siezen, obwohl er Ihnen längst das Du angeboten hat?Pavlović: Inzwischen duze ich ihn ab und zu auch mal. Das Siezen ist für mich immer eine Frage des Respekts. Ich finde es auch nicht schlimm, ihn zu siezen.WELT AM SONNTAG: Sie haben mit dem FC Bayern unter anderem bereits das Double gewonnen und sich den Kindheitstraum WM-Teilnahme erfüllt. Welche Träume haben Sie noch? Pavlović: Ich möchte mich weiter verbessern, mein Anspruch ist es, der beste Sechser der Welt werden – und möglichst alles gewinnen, was es gibt.WELT AM SONNTAG: Also auch die WM?Pavlović: Absolut. Alles, was geht. Die Champions League, die WM und weitere Titel.WELT AM SONNTAG: Wie groß sind die Titelchancen Ihrer Mannschaft bei dieser WM?Pavlović: Natürlich wollen wir das Turnier gewinnen. Das ist unser Ziel. Aber wir schauen jetzt zunächst von Spiel zu Spiel. Ich finde die Mischung im Team sehr vielversprechend. Wir haben erfahrene Spieler – und junge Spieler, die auch gierig und hungrig sind. Lesen Sie auchWELT AM SONNTAG: Hatten Sie zuletzt Kontakt zu Ihrem Kumpel und Mitspieler Lennart Karl, der sich kurz vor der WM verletzte?Pavlović: Ja. Es tut mir sehr leid für Lenny. Ich habe ihm gesagt, dass er seinen Kopf freikriegen und jetzt viel Zeit mit seiner Familie verbringen soll. Er ist erst 18 – und hat noch so viele Titelchancen vor sich. Nächste Saison wird er wieder alles geben.WELT AM SONNTAG: Karl hat nach seinem bitteren WM-Aus Tränen vergossen. Wann haben Sie das letzte Mal geweint?Pavlović: (überlegt) Als 2024 klar war, dass ich die EM nicht spielen kann. Das war sehr emotional.WELT AM SONNTAG: Haben Sie auch einen Traum, der nichts mit Fußball zu tun hat?Pavlović: (überlegt) Meine bayerische Heimat mit ihren Bergen und Seen bedeutet mir sehr viel und wird immer an erster Stelle stehen. Ich könnte mir aber eines Tages zusätzlich einen Rückzugsort am Meer vorstellen. Ich liebe auch das Wasser.Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit zwei Wochen sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die deutsche Auswahl bei der WM.
WM 2026, Aleksandar Pavlović: „Ich habe diese Gabe, vor nichts und niemandem Angst zu haben“ - WELT
Aleksandar Pavlović spielt seine erste WM. Und gehört gleich zur Schaltzentrale der deutschen Mannschaft. Der 22-Jährige orientiert sich an besonderen Spielern. Ein Gespräch über Verantwortung, Werte und große Träume.










