„Weil wir dich lieben“ ist bekanntlich der Slogan der BVG. Wer jedoch in Berlin Tram, Bus oder U-Bahn besteigt, hat nicht das Gefühl, herzlich willkommen zu sein. Stattdessen unterschreibt man beim Betreten des Waggons, so scheint es, eine stillschweigende Verzichtserklärung auf jeglichen ästhetischen Anspruch. Es ist das große, ungeschriebene Gesetz unserer Zeit: Alles muss praktisch sein. Doch warum bedeutet Funktionalität im Berliner Nahverkehr eigentlich die totale visuelle Kapitulation? Früher ging es doch auch. Bis circa zur Jahrtausendwende hatte die Welt auf Schienen noch Stil, man rollte auf Kunstledersitzen durch die Stadt. Das hatte Klasse, die Aura einer verrauchten Jazz-Lounge, Agatha-Christie-Flair.
Die Blaupause für Zugfahren mit Stil: der Orient-Express. Hier eine Szene aus dem Film von 1974.
© IMAGO/FSN-D
Wie ein Optikertest auf Rot-Grün-Schwäche: Das „Muster der Vielfalt“
Doch dann kamen die Neunziger und mit ihnen der visuelle Super-GAU: das berüchtigte „Würmchen-Muster“, entwickelt von dem österreichischen Industriedesigner und Grafiker Herbert Lindinger. Ein psychedelischer Fiebertraum in Schwarz-Rot-Blau-Weiß, schönrednerisch „Urban Jungle“ getauft.Seit Sommer 2023 kam dann das „Muster der Vielfalt“ – entwickelt von der BVG in Zusammenarbeit mit der Kreativagentur Jung von Matt. Das Ziel: Die gelebte Vielfalt der Berliner Stadtgesellschaft in einem modernen Design abzubilden, das über eine rein funktionale Tarnoberfläche hinausgeht. Hunderte eng aneinandergereihte, bunte Silhouetten von Menschenkörpern, die den öffentlichen Verkehrsmitteln ein identitätsstiftendes Muster verleihen sollen – eine visuelle Hommage an die Fahrgäste selbst. Eine wohlwollende Beschreibung für ein Design, das ein unendliches Meer eng aneinandergepresster Menschenleiber darstellt und beim Fahrgast weniger ein Gefühl von Weltverbundenheit als vielmehr akute Klaustrophobie hervorruft. Quasi ein Spiegelbild des Szenarios, in dem man sich als Fahrgast ohnehin befindet. Als würde das Muster einem die missliche Lage der Rush Hour noch einmal unter die Nase reiben wollen. Ein designtechnisches Upgrade ist das Muster, das nun nach und nach die Würmer ablösen soll, kaum. Beide gleichen einem verpixelten Durcheinander, das die Augen exakt so zum Flimmern bringt wie ein Systemfehler auf einem Röhrenmonitor von 1995 – oder alternativ wie ein fieser Optikertest auf Rot-Grün-Schwäche.







