Geheime Telefonate in den Kreml: Ein diplomatischer Alleingang des Ratspräsidenten überschattet den EU-GipfelDie EU will bei allfälligen Friedensverhandlungen mit Russland eine stärkere Rolle einnehmen als bisher. Aber auf welchem Weg? Die wichtigsten Hauptstädte sind verärgert.19.06.2026, 15.00 Uhr4 LeseminutenTrügerische Einigkeit: Das Vorpreschen des EU-Rats-Präsidenten António Costa (rechts) verärgerte unter anderem den französischen Präsidenten Emmanuel Macron (links).Olivier Hoslet / EPADas Abendessen, verbunden mit einem Austausch zu Chinas Handelspraktiken, war am Donnerstag um 20 Uhr 45 geplant. Doch bis sich die 27 Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union tatsächlich zu Tisch setzten, wurde es nach 23 Uhr. Der zuvor besprochene Tagungspunkt des Brüsseler Gipfeltreffens entpuppte sich als unerwartet langwierig und hitzig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ging dabei um den diplomatischen Kontakt zu Russland. Seit Monaten diskutieren die EU-Institutionen wie auch die europäischen Hauptstädte darüber, ob und in welcher Form direkte Gespräche mit dem Moskauer Regime aufgenommen werden sollen, das seit bald viereinhalb Jahren einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt und das die EU mit bereits zwanzig Sanktionspaketen belegt hat. Ziel wäre, zu einer gerechten und andauernden Friedenslösung beizutragen.Auf europäischer Seite betonen sämtliche Beteiligte, dass nichts ohne den Willen der Ukraine geschehen solle. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski forderte Mitte Mai offiziell «eine starke Stimme und Präsenz» der EU, zumal diese bei den bisherigen, ergebnislosen Gesprächen zwischen Russland und den USA grösstenteils zur Zuschauerrolle verdammt war. Dank den ukrainischen Erfolgen auf dem Schlachtfeld entwickelt sich nun ein Momentum. Zudem scheint auch US-Präsident Donald Trump nach dem Abkommen mit Iran wieder etwas offener dafür zu sein, den Druck auf Moskau zu erhöhen.Wer nahm in Moskau den Hörer ab?Mitten in diese Gemengelage mischen sich nun zwei Telefonate, die am EU-Gipfel zu reden gegeben haben. Wie Bloomberg zuerst berichtet hat, rief der Stabschef des EU-Rats-Präsidenten António Costa in den letzten Tagen die russische Regierung an. Hochrangige EU-Beamte bestätigen, dass es diplomatische Kontakte zum Kreml gegeben habe. Das Ziel sei, bereit zu sein, die EU-Interessen zu verteidigen, sobald der richtige Moment gekommen sei. Der Kontakt sei aber kurz, ohne inhaltlichen Austausch und ohne Verhandlungen gewesen, heisst es. Wer auf der gegenüberliegenden Seite den Hörer abnahm, ist offiziell nicht klar – dem Vernehmen nach war es Juri Uschakow, der aussenpolitische Berater von Präsident Wladimir Putin.Hinter verschlossenen Türen diskutierten die Staats- und Regierungschefs am Donnerstag heftig darüber, wie legitim dieses Vorgehen war. Denn klar ist: Etliche EU-Staaten hatten im Vorfeld keine Kenntnis davon. Laut Beamten begrüssten verschiedene Regierungsvertreter den diplomatischen Effort und betonten, dass Ratspräsident Costa der legitime Vertreter der EU-Interessen sei – schliesslich sei er gemäss EU-Verträgen für die Einheit der Mitgliedsstaaten zuständig.Die E-3-Staaten wollen das Zepter in der Hand behalten: Der deutsche Kanzler Friedrich Merz (links), der britische Premierminister Keir Starmer (Zweiter von rechts) und der französische Präsident Emmanuel Macron (rechts) im Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski.Isabel Infantes / ReutersMehrere andere Staats- und Regierungschefs waren deutlich kritischer, unter ihnen Schwergewichte wie der deutsche Kanzler Friedrich Merz oder der französische Präsident Emmanuel Macron. Sie halten die forsche Herangehensweise des EU-Rats-Präsidenten offenbar für verfrüht und vor allem für zu wenig koordiniert. Vielmehr sehen sie die sogenannten E-3-Staaten im Lead, denen neben Deutschland und Frankreich auch Grossbritannien angehört. Erst vor zehn Tagen hatten diese bei einem Treffen in London versucht, neue Bewegung in die diplomatischen Bemühungen um ein Kriegsende zu bringen.Angesichts der E-3-Initiative und der Tatsache, dass die EU-Aussenminister vor weniger als einem Monat vereinbart hatten, zuerst einen Verhandlungsrahmen zu definieren, bevor man direkte Gespräche mit dem Kreml aufnimmt, ist das unilaterale Vorgehen des EU-Rats-Präsidenten Costa in der Tat erstaunlich. Was man sich dabei überlegt hatte und wer genau eingeweiht war, wollten Personen aus seinem Umfeld auch auf mehrmaliges Nachfragen nicht enthüllen.Die Post-Orban-ÄraOb sich ein – wie auch immer strukturiertes – Verhandlungsfenster öffnet, hängt letztlich von Putins Bereitschaft ab, sich ernsthaft und ohne überrissene Forderungen darauf einzulassen. Bis anhin ist kein entsprechender Wille erkennbar. Aber wenn man die Daumenschraube immer weiter anzieht, wird der Kreml-Herrscher eines Tages womöglich an den Verhandlungstisch gezwungen, so die Hoffnung der EU.Neben umfangreichen militärischen und finanziellen Unterstützungen für die Ukraine erhöht die EU den wirtschaftlichen Druck auf Russland stetig. Das 21. Sanktionspaket, das auf Finanzdienstleistungen, Handel und Energie zielt, ist in Arbeit. Zudem haben die Staats- und Regierungschefs am Donnerstag entschieden, die Sanktionen jeweils nicht nur um sechs, sondern automatisch um zwölf Monate zu verlängern.Dieser Schritt war schon längst geplant gewesen, aber bis zu diesem Frühling hatte der frühere ungarische Ministerpräsident Viktor Orban sein Veto eingelegt. Dank seinem Nachfolger Peter Magyar herrscht auf EU-Ebene nun plötzlich auch im Ukraine-Dossier eine zuvor nicht erreichte Einigkeit – wenn auch nicht in jeder Hinsicht, wie das Gezänk rund um den diplomatischen Draht in den Kreml zeigt.Passend zum Artikel