Es ist für den wichtigsten Chemiestandort in Ostdeutschland ein herber Rückschlag: Elf Wochen nach der vorläufigen Rettung des größten Werks im Chemiepark Leuna hat die zu diesem Zweck gegründete Auffanggesellschaft einen Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt. Als Grund für die „deutlich verschärfte Liquiditätssituation“ nennt die Leuna Polyamid GmbH Steigerungen bei Rohstoffpreisen von mehr als 40 Prozent und bis zu 100 Prozent in den vergangenen zwei Monaten. „Da spielt die Blockade der Straße von Hormus eine Rolle, aber auch die Verfügbarkeit von Raffinerien in Europa“, sagt Martin Naundorf, der Geschäftsführer von Leuna Polyamid.Die vom Chemieparkbetreiber Infraleuna und dem Chemieunternehmen Leuna Harze gegründete Auffanggesellschaft hatte am 1. April das Werk der insolventen Domo Caproleuna übernommen. Die belgische Muttergesellschaft Domo Group hatte über die Weihnachtsfeiertage überraschend Insolvenzanträge für ihre drei deutschen Tochtergesellschaften gestellt. In Leuna drohte von einem Tag auf den anderen die Abschaltung der Anlagen, die für den Verbundstandort eine wichtige Rolle spielen.Das Land Sachsen-Anhalt übernahm im Rahmen einer Ersatzvornahme zur Gefahrenabwehr einen Teil der Kosten für den Weiterbetrieb und steuerte insgesamt 80 Millionen Euro bei, um Zeit zu gewinnen. Doch die monatelange Suche nach Investoren blieb erfolglos. Am Ende kamen Infraleuna und Leuna Harze zum Zug, die ihr Angebot als „Plan B“ für den Fall ins Spiel gebracht hatten, dass es keine andere Zukunftsperspektive für das Werk geben sollte.Schwarze Zahlen im FrühlingZweieinhalb Monate später ist die Zukunft des Werks mit mehr als 400 Beschäftigten wieder offen. Die Ausgangssituation für die neuerliche Investorensuche bewertet Geschäftsführer Martin Naundorf aber besser als im Frühling. Leuna Polyamid habe bewiesen, dass man am Standort einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb organisieren könne. „Wir haben im April und Mai schwarze Zahlen geschrieben“, sagt er. Bei der Herauslösung des Werks aus dem Konzernverbund der belgischen Muttergesellschaft sei Leuna Polyamid ebenfalls vorangekommen.„Wir haben hier einen funktionierenden Organismus und im Vergleich zum Frühling nicht nur mehr Zeit, sondern auch eine bessere Datenbasis für jemanden, der sich das Unternehmen noch einmal anschauen will“, sagt Naundorf. Erste Ansprechpartner könnten Investoren sein, die erst vor wenigen Monaten einen Einstieg bei Domo Caproleuna durchgerechnet haben. Nach Angaben des damals vorläufigen Insolvenzverwalters Lucas Flöther aus dem Frühling zeigten mehrere internationale Adressen Interesse an dem Werk.Der Betrieb der Anlage unter den Bedingungen eines Insolvenzverfahrens sei für sechs Monate durchfinanziert. Das ist eine der Bedingungen für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenregie. Anders als im Frühling, als die Anlagen unter den Bedingungen eines vorläufigen Insolvenzverfahrens und im Rahmen der Ersatzvornahme durch das Land zurückgefahren und mit einer Auslastung von durchschnittlich 50 Prozent betrieben wurden, soll das Auslastungsniveau in den nächsten Wochen sogar noch steigen, um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen.Preissteigerungen bei Benzol, Propylen und SchwefelNeben den Rohstoffpreisen war zuletzt auch die Verfügbarkeit von Rohstoffen ein Problem. „Die wichtigsten Rohstoffe, die wir hier haben, sind Ammoniak, Benzol, Propylen und Schwefel“, sagt Naundorf. Besonders Benzol, Propylen und Schwefel hätten sich im April und Mai erheblich verteuert, sagt er. Bereits im März hatten die Gesellschafter von Leuna Polyamid Rohstoffe für die Fortsetzung der Produktion im Werk von Domo Caproleuna eingekauft. „Bei Schwefel gibt es außerdem physische Knappheiten im europäischen Markt“, sagt Naundorf. Die Öffnung der Straße von Hormus könnte auch Leuna Polyamid Entlastung bringen.Berichte über ein angebliches Zerwürfnis zwischen den Gesellschaftern weist Naundorf zurück. „Es gibt immer wieder Themen, über die man sich im Gesellschafterkreis austauscht und vielleicht auch unterschiedlicher Meinung ist“, sagt er. Die Rollenverteilung zwischen Leuna Harze, die rund 50 Millionen Euro in die Auffanggesellschaft eingebracht hat, und Infraleuna, die Managementkapazitäten und operative Unterstützung in großem Umfang beisteuert, sei aber von Anfang an klar gewesen.Während das Amtsgericht Halle den Antrag von Leuna Polyamid auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenregie prüft und in den nächsten Tagen auch einen Sachwalter für Leuna Polyamid bestellen dürfte, beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft Halle mit der Insolvenz von Domo Caproleuna. Gegen drei ehemalige Geschäftsführer des Unternehmens werde wegen des Vorwurfs der Insolvenzverschleppung ermittelt, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Zuvor hatte die „Mitteldeutsche Zeitung“ berichtet. Das Verfahren ist seit Mai anhängig.