So hatte sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) das sicher nicht vorgestellt, als er Anfang April im Kulturhaus in Leuna von einer guten Nachricht für das Land sprach. In letzter Minute hatten der Chemieparkbetreiber Infraleuna und der Mittelständler Leuna Harze eine Lösung für das Werk der insolventen Domo Caproleuna vorgestellt. Mehr als 400 Arbeitsplätze schienen gerettet. Der Weiterbetrieb der Anlagen von Domo am wichtigsten Chemiestandort in Ostdeutschland schien gesichert. Doch jetzt hat das Werk wieder Liquiditätsprobleme. Die gute Laune, die Anfang April im Kulturhaus in Leuna herrschte, das vor knapp hundert Jahren als Gesellschaftshaus der Ammoniakwerke Merseburg von BASF errichtet wurde, ist dahin.Die Lösung für Domo konnte Schulze auch als eigenen Erfolg verbuchen. Denn nach dem überraschenden Insolvenzantrag über die Weihnachtsfeiertage hatte er – damals noch als Wirtschaftsminister des Landes Sachsen-Anhalt – zusammen mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Weiterbetrieb des Werks zu sichern. Mit dem Kniff einer Ersatzvornahme zur Gefahrenabwehr übernahm das Land Kosten in Höhe von 80 Millionen Euro für den Notbetrieb der Anlagen, die im Falle eines abrupten Produktionsstopps bei winterlichen Temperaturen irreparablen Schaden zu nehmen drohten.Die Investorensuche blieb trotz der Hilfe aus Magdeburg erfolglos. Die von Infraleuna und Leuna Harze als „Plan B“ gegründete Leuna Polyamid schuf zumindest eine Perspektive. Knapp drei Monate später hat jetzt aber auch die Auffanggesellschaft für das Werk einen Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt. Unter anderem hätten die Turbulenzen auf den Rohstoffmärkten als Folge der Blockade an der Straße von Hormus dem Unternehmen in den vergangenen Wochen zugesetzt, erklärte die Geschäftsführung von Leuna Polyamid zur Begründung.Kritik aus der Opposition und von ÖkonomenWenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hagelt es Kritik. Die Landesregierung habe versagt, schallt es aus der Opposition. Die Wettbewerbssituation von Massengütern aus der energieintensiven Grundstoffchemie an einem Standort wie Deutschland werde sich auch langfristig kaum verbessern, heißt es von Marktbeobachtern zu den Aussichten des Werks. Mitten im Strukturwandel sei das Land besser beraten, die begrenzten Mittel für Investitionen in die Zukunft aufzuwenden, raten Ökonomen. Die Landesregierung hat dennoch signalisiert, auch einen neuerlichen Rettungsversuch für das Chemiewerk zu unterstützen.Mit Blick auf die Bedeutung des Standorts ist das nachvollziehbar. Denn bei Leuna Polyamid geht es um mehr als die gut 400 Beschäftigten im ehemaligen Werk von Domo. Es geht um einen Bestandteil des Stoffverbunds im Chemiepark Leuna mit insgesamt mehr als 10.000 Beschäftigten in mehr als 100 Unternehmen. Kippt ein Werk dieser Größenordnung aus dem Verbund, schwächt das den ganzen Standort. Das hätte zumindest indirekt auch Auswirkungen auf Neuansiedlungen wie die mehr als eine Milliarde Euro teure Bioraffinerie des finnischen Konzerns UPM in Leuna.Hinzu kommt, dass die Schieflage bei Leuna Polyamid nicht allein der Marktsituation geschuldet ist. Die Anlagen gelten zumindest innerhalb von Europa als wettbewerbsfähig. Nach Unternehmensangaben schrieb das Werk zuletzt wieder schwarze Zahlen. Das reichte allerdings nicht aus, um die Liquiditätsprobleme aufgrund gestiegener Rohstoffpreise zu bewältigen. Schon die Insolvenz von Domo über die Weihnachtsfeiertage, mit der sich mittlerweile die Staatsanwaltschaft beschäftigt, war nicht der Position der Anlagen im Markt geschuldet. Das Werk geriet in Schieflage, weil Gespräche über eine Refinanzierung der überschuldeten Muttergesellschaft scheiterten. Als der Insolvenzverwalter das Steuer übernahm, war die Kasse leer.Dass die Landesregierung dem Werk in dieser Situation zu Hilfe eilte, ist ordnungspolitisch dennoch abzulehnen. Der Kampf um die industrielle Basis wird sich nur mit besseren Rahmenbedingungen für die Industrie, und nicht mit Zuwendungen aus den öffentlichen Haushalten gewinnen lassen. Im Wahlkampf wird Schulze die Intervention für Domo wohl ebenfalls nicht helfen. In der Landratswahl im Saalekreis, in dem auch der Chemiepark Leuna liegt, erreichte der Kandidat der AfD Anfang Juni 43 Prozent. Am Wochenende fand die Stichwahl statt. Anfang September folgt die Landtagswahl. Leuna Polyamid hat jetzt noch einmal sechs Monate Zeit, vielleicht doch noch einen geeigneten Eigentümer zu finden.
Insolvenz: Subventionen haben Leuna nicht gerettet
Das größte Chemiewerk am wichtigsten Chemiestandort in Ostdeutschland muss erneut Insolvenz anmelden. Waren die kostspieligen Landeshilfen falsch?








