Vincenzo Montella nimmt seinen Job ernst, nein: Er liebt ihn, lebt ihn, mit jeder Faser seines Körpers. „Ich denke wie ein Türke. Ich esse wie ein Türke. Ich verhalte mich wie ein Türke“, hat Montella einmal gesagt: „Deshalb fühle ich mich wie ein Türke.“ Und auch die Türken machen keine Unterschiede. Sie behandeln den Italiener, geboren in Pomigliano d’Arco bei Neapel, wie einen Landsmann, mit allem, was dazugehört. Und das heißt: Wenn ein Nationaltrainer liefert, wird er mit Elogen, Chorälen, ja gar mit Liebe nur so gebauchpinselt. Liefert er nicht, wird’s um ihn herum schnell einsam. Es ergeht eine Kaskade an Polemik und Kritik.0:2 gegen Australien verloren die Türken ihr Auftaktmatch; dem vor Kurzem noch umjubelten Montella blies der Stimmungsumschwung daraufhin mit voller Wucht ins Gesicht. Die Euphorie unter türkischen Fans wich Enttäuschung und Defätismus, die Pressekonferenz nach dem Spiel wurde zu einer Art Tribunal. Auf der Anklagebank: Nationalcoach Montella. Die Ankläger: türkische Medienvertreter, die von türkischen Fans mitunter kaum zu unterscheiden sind. Ihr Urteil: Schuldig im Sinne der Anklage. Die Hauptanklagepunkte lauteten: taktische Selbstsabotage und Trockenlegung jedwedes Offensivflusses in Tateinheit mit unverhohlenem Dilettantismus. So ungefähr sieht das jedenfalls der fußballbewegte Teil der Türkei, also quasi das gesamte Land. Und in der Tat, die Lage sieht bedrohlich aus: Am Samstag (Anpfiff 5 Uhr) braucht es in Santa Clara einen Sieg gegen Paraguay. Andernfalls würde die Chance weiterzukommen – trotz des Sicherheitsnetzes, das acht Gruppendritte umspannt – schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen die USA auf eher theoretische Rechenmodelle zusammenschrumpfen.„Wir haben noch Zeit, alles in die richtigen Bahnen zu lenken“, sagte Montella. Wer türkischen Fanstolz kennt, weiß: Dieses Vorhaben sollte besser gelingen. Alles andere wird nicht geduldet, schon gar nicht bei der ersten WM-Teilnahme seit 24 Jahren.An der Kritik, so wutschnaubend sie auch vorgetragen wurde, war aber schon auch etwas dran: Im Spiel gegen Australien hinterließen die Türken einen enttäuschenden, uninspirierten, geradezu phlegmatischen Eindruck, obwohl Montella da einige genialische Offensivkönner zur Verfügung stehen. Arda Güler von Real Madrid, Kenan Yildiz von Juventus Turin, dazu Hakan Calhanoglu von Inter Mailand, der sich in der Rolle des tiefen Spielmachers auf Weltniveau etabliert hat – derart feine Füße verbieten jede fußballerische Biederkeit, finden türkische Experten und Fans.Gegen die Australier schoss Montellas Elf 30 Mal aufs Tor, allerdings eher verzweifelt, weil sie es kaum schaffte, gefährlich in den gegnerischen Strafraum zu gelangen. Der Coach konnte zwar strafmildernd anführen, dass Yildiz, ein begnadeter Dribbler, nach Verletzung noch nicht konnte, wie alle gern hätten; mehr als ein Teilzeiteinsatz nach der Halbzeitpause war für ihn nicht drin. Davon abgesehen, trug die Personalpolitik aber zur Polarisierung bei: Der nicht gerade hochgewachsene Angreifer Kerem Aktürkoglu sollte sich (vergeblich) im Sturmzentrum behaupten; Yildiz’ Vertreter Baris Alper Yilmaz auf der linken Flanke lief sich mehrmals fest; Frankfurts Can Uzun wurde zum allgemeinen Erstaunen gar nicht eingesetzt.Das türkische Fußballestablishment kritisiert Montella scharfOb der Coach im vorentscheidenden Duell mit Paraguay nun Korrekturen vornehmen wird? Montella ließ das auf Nachfrage offen, das übliche Taktieren eben. Ein Radikalumbau der Startelf dürfte aber bevorstehen. Yildiz wird diesmal von Beginn an erwartet, zudem dürfte ein verstärkter Fokus auf Ballfertigkeit bei der Besetzung von Abwehr und Mittelfeld liegen. Auch über eine Systemumstellung wird spekuliert, von einem 4-3-3 zu einem 4-4-2 mit dem robusten Strafraumstürmer Deniz Gül vom FC Porto, Größe: 1,92 Meter.Über einen Mangel an Ratschlägen kann sich Montella jedenfalls nicht beklagen, das türkische Fußballestablishment bringt sich von allen Seiten ein. Trainerlegende Fatih Terim etwa, Spitzname „Imperator“, hat jüngst dazu aufgerufen, von „verbaler Vernichtung“ der türkischen Spieler abzusehen. Der deeskalierende Sound wurde jedoch gleich mit dem nächsten Satz abgeräumt. Noch sei die Türkei dabei, ergänzte Terim, Zeit für kritische Analysen bleibe nach dem Turnier noch genug. Dann aber könne man „jeden zur Rechenschaft ziehen“. Klang wie eine Art Drohung. Und wurde vom türkischen Fußballverbandschef Ibrahim Haciosmanoglu auch genau so interpretiert.Terim werde als Imperator gehuldigt, verhalte sich aber nicht standesgemäß, erwiderte Haciosmanoglu und ließ überdies ausrichten: „Wer jetzt über Schuldige spricht oder Andeutungen macht, trägt nicht zur Beruhigung der Situation bei.“ Mal abgesehen von der Frage, seit wann Imperatoren für die Besänftigung der Volksseele zuständig sind, sollte man meinen, dass Worte in einem derzeit so politisch aufgeladenen Land sorgfältig abgewogen werden. Doch es ist WM. Und so wird in der Türkei nun mal über Fußball diskutiert.Montella kennt das, er ist seit zweieinhalb Jahren türkischer Nationalcoach, bei der EM 2024 in Deutschland verantwortete er bereits ein großes Turnier. Schon damals hatte er die Wucht des Amtes zu spüren bekommen: Nachdem er Spielmacher Arda Güler, damals bereits Hoffnungsträger der Nation, einmal angeschlagen auf der Bank belassen hatte, wurde Montellas sofortiger Rauswurf gefordert. Nach dem versöhnlichen Ende des Turniers, als seine Mannschaft gegen die Niederlande nur knapp am Einzug ins Halbfinale scheiterte, durfte der Italiener innige Umarmungen von türkischen Journalisten in Empfang nehmen. Nicht metaphorisch, sondern physisch: Nach der Pressekonferenz im Berliner Olympiastadion warfen sie sich ihm geradezu um den Hals. So schnell kann’s gehen.Und immerhin, auf ein paar wenige Fürsprecher darf sich Montella aktuell noch verlassen. Senol Günes, Trainer beim bislang größten Erfolg des türkischen Fußballs, dem dritten WM-Platz 2002, referierte dieser Tage über Parallelen von damals und heute. Damals, so Günes, sei ihm von allen Seiten zugetragen worden, er schaffe es nicht. Heute müsse sich Montella anhören, er schaffe es nicht. Nichts habe sich verändert, „wir müssen unsere Denkweise verändern“, forderte der 74-Jährige. Ein hehres Ansinnen. Wenngleich Anlass für Hoffnung leicht zu finden wäre, nämlich tief im kollektiven Bewusstsein türkischer Fußballfans: Auch Günes’ Team war seinerzeit mit einer Niederlage ins Turnier gestartet. Der Rest ist, nun ja, Geschichte.