Es musste ja so kommen. Nach übereinstimmenden lateinamerikanischen und ozeanischen Medienberichten soll Tim Payne jetzt also einen Profivertrag bei Club Olimpia in Paraguay unterschreiben. Bei seinen Latinos, die ihn gewissermaßen entdeckt, gefördert und groß gemacht haben – alles in der ersten WM-Woche. Die Zeitung Asunción Times jubelt bereits: „Paynes Wechsel verbindet Ozeanien mit Südamerika und ist der Beweis von der völkerverständigenden Kraft des Fußballs.“ Jetzt wäre bloß noch eine Frage zu klären: Wer ist Tim Payne?Seinen Namen hat man zum ersten Mal auf der Rückbank eines Taxis im mexikanischen Guadalajara gehört, das von Paraguay fast so weit entfernt liegt wie Ozeanien. Der Fahrer, ein gewisser Joaquín Francisco, interessierte sich nicht allzu sehr für das aktuell laufende WM-Vorrundenspiel zwischen Iran und Neuseeland. Der Halbzeitstand? Egal. Nur eines wollte er unbedingt wissen: „Steht bei den Neuseeländern Tim Payne in der Startelf?“Wer also ist dieser Tim Payne? Dazu muss man vorher wissen, wer Valentín Scarsini ist. Scarsini kommt aus Argentinien, einem Land, das an Paraguay grenzt und von dessen Südzipfel man mit etwas Talent bis nach Ozeanien segeln kann. Scarsini also machte sich auf die Suche nach dem „unbekanntesten Spieler dieser Weltmeisterschaft“. Und eines schönen Vorrundentages glaubte er, ihn gefunden zu haben: den Mann mit der Rückennummer 2 von Neuseeland, Tim Payne.Scarsini ist aber nicht nur ein Argentinier, sondern auch ein Influencer, der zwischen Kap Hoorn und dem Südufer des Río Bravo offenbar eine gewisse Marktmacht besitzt. Der Verteidiger Payne, 32, der derzeit noch beim neuseeländischen Klub Wellington Phoenix unter Vertrag steht, fand sich praktisch über Nacht mit rund sechs Millionen Followern auf Instagram wieder. Neuseeland hat 5,3 Millionen Einwohner.InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Inzwischen beteiligt sich auch die real existierende Welt an der Verbreitung des Ruhms von Tim Payne, die Mexi-Taxi-Fahrer sind da nur ein Beispiel unter vielen. Unter anderem hat sich das Magazin Desde la fe, herausgegeben vom Erzbistum Mexiko, mit dem Fall Payne beschäftigt. „Manche Spieler reisen zur Weltmeisterschaft umringt von Kameras an. Ihre Namen hallen durch die Stadien, noch bevor sie den Ball berühren“, schrieb Pater Samuel Velásquez Serrano in einem längeren Essay. „Andere reisen still und leise an. Sie trainieren abseits des Rampenlichts. Sie laufen, sie scheitern, sie stehen wieder auf und fangen von Neuem an, auch wenn niemand ihren Fortschritt verfolgt. Tim Payne gehört zu dieser zweiten Gruppe.“ In dem Zusammenhang zitierte der Autor auch aus dem Alten Testament: „Ehe ich dich im Mutterleib bildete, kannte ich dich.“ Was das wiederum mit Tim Payne zu tun hat, weiß hoffentlich das Erzbistum in Mexiko-Stadt.Wechselt jetzt offenbar nach Paraguay: Tim Payne (rechts, im Spiel gegen Iran in Los Angeles) zieht es zu den Südamerikanern, die ihn quasi entdeckt haben. Daniel Cole/ReutersPayne ließ im Kabinengang nach seinem ersten WM-Einsatz laut Augenzeugen keinerlei Star-Allüren erkennen. Aber einen zweiten Karrierefrühling in Paraguay hat er offenbar trotzdem schon mal klargemacht.Wenn es an diesem Happy End etwas auszusetzen gibt, dann allenfalls dies: Lag Valentín Scarsini überhaupt richtig mit der Annahme, dass Tim Payne der unbekannteste WM-Spieler ist, beziehungsweise war? Was ist zum Beispiel mit Godfried Roemeratoe von RKC Waalwijk? Was ist mit dem Verteidiger Stopira vom SC União Torreense? Und wer hilft jetzt eigentlich Odiljon Hamrobekov von Tractor SC dabei, endlich weltberühmt zu werden?
Neuseelands Tim Payne: Wie der „unbekannteste Spieler der WM“ über Nacht weltberühmt wurde
Bisher kannte kaum jemand den Abwehrspieler Tim Payne, doch über Nacht hat er mehr Follower als sein Heimatland Neuseeland Einwohner












