Die türkische Küche wird ausserhalb ihrer Heimat oft auf Döner und Kebab reduziert. Zu Unrecht. Eine Reise durch eine Küche, die von Grosszügigkeit lebt, Jahrhunderte in sich trägt und schon beim Frühstück zeigt, wozu sie fähig ist.Ich war wieder in Istanbul. Nicht mehr ganz Europa, noch nicht wirklich Morgenland – eine Welt für sich. Ein Schmelztiegel in jeder Hinsicht: ethnisch, kulturell, kulinarisch.Am ersten Morgen, in einem Café nebenan, das gleichzeitig eine Buchhandlung ist, bestelle ich Cilbir: das legendäre Eiergericht mit Knoblauch-Joghurt und warmer Chili-Butter. Das erste Mal ass ich es vor 25 Jahren in London, im Restaurant eines neuseeländischen Kochs. Seither bereite ich es mir alle paar Tage zum Frühstück zu.Darum: keine Verabredungen am Morgen. An Knoblauch zu sparen, wäre hier ein Fehler. Der Tag wäre verloren. Natürlich entwickelte sich mit dem türkischen Koch sofort eine Diskussion. Woher kommt Cilbir eigentlich? Aromatisiert man die Butter mit dem scharfen Pul Biber – diesem Mix aus Chili, Paprika und Salz – oder lieber mit dem fruchtigen Aleppo-Chili? Einfach in den Zutaten, gross im Geschmack: Cilbir gehört zu den Klassikern der türkischen Frühstückskultur. Getty Images Das Missverständnis der türkischen KücheDas Problem der türkischen Küche: Sie ist eines der grössten kulinarischen Wunder dieser Welt und wird ausserhalb ihrer Heimat trotzdem oft auf einen rotierenden Fleischspiess reduziert, der nachts um halb drei im Brot, in Alufolie gewickelt, über den Tresen wandert. Ungefähr so, als würde man Italien auf Dosenravioli reduzieren. Schnell, sättigend, gelegentlich lebensrettend – aber eben nur ein winziger Ausschnitt.Die türkische Küche ist kein einzelnes Gericht. Sie ist ein Kontinent aus Aromen, eine jahrhundertelange Ansammlung von Kulturen, Handelswegen, Eroberungen und Wiederentdeckungen. Byzantiner, Osmanen, Araber, Griechen, Armenier, Perser, Zentralasiaten – sie alle haben ihre Geschichten in den Kochtöpfen hinterlassen. Was daraus entstand, ist kein Sammelsurium, sondern ein kulinarisches Reich, in dem selbst die unscheinbarste Vorspeise mehr aromatische Tiefe besitzen kann als manches Degustationsmenu, serviert von einem Sommelier, der «mineralisch» sagt, als habe er gerade einen Kalkstein verschluckt.Man bestellt nicht, man kapituliertWer die türkische Küche verstehen will, muss begreifen, dass sie mit Grosszügigkeit beginnt. Und auch damit aufhört. Nicht mit einem Teller, sondern mit vielen. Man bestellt nicht – man kapituliert. Kaum sitzt man, kommen Schälchen, Tellerchen, Körbchen. Eingelegtes Gemüse, cremiges Haydari, scharfes Ezme, Oliven, Käse, warmes Fladenbrot. Man wollte eigentlich nur eine Kleinigkeit. Klassischer Anfängerfehler.Dann Manti: winzige Teigtaschen, so präzise gefaltet, dass böse Zungen «Kinderarbeit» schreien. Gefüllt mit gewürztem Fleisch oder Linsen, überdeckt mit Joghurt und zerlassener Butter. Ein Gericht, das gleichzeitig umarmt und Ehrfurcht einflösst. Oder Imam Bayildi – schon der Name ist Programm: Der Imam fiel in Ohnmacht. Angeblich vor Begeisterung. Wahrscheinlich wegen der Menge an Olivenöl. Beides nachvollziehbar. Gefaltet mit Geduld, serviert mit Joghurt und Butter: Manti gehören zu den Klassikern der türkischen Küche. Getty Images Die Aubergine, gefüllt mit Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch, wird so weich und aromatisch, dass man sich fragt, warum dieses Gemüse anderswo zur Konsistenz von feuchtem Karton misshandelt wird. Und Künefe: dieses goldene Monument aus Engelshaarteig, Pistazien, geschmolzenem Käse und Zuckersirup. Es zieht Fäden, klebt an Gabeln, Fingern und Erinnerungen.Das wahre Herz der türkischen KücheDas eigentliche Herz dieser Küche liegt aber oft in den Gerichten, die kaum jemand kennt. In langsam geschmorten Eintöpfen, deren Rezepte nie aufgeschrieben wurden. In Yayla Corbasi – dieser unscheinbaren Suppe aus Joghurt, Reis und Minze, die an schlechten Tagen jeden Therapeuten ersetzt. In Börek-Variationen, deren hauchdünner Teig eine Präzision verlangt, vor der selbst Schweizer Uhrmacher sich verbeugen.Das Frühstück erst! Weniger eine Mahlzeit als eine Lebenshaltung: Tomaten, Gurken, mehrere Käsesorten, Oliven, Eier, Honig, Kaymak, Marmeladen, Sucuk, Simit, Brot in allen Aggregatzuständen. Dazu Tee. Immer Tee. Schwarz, stark, süss, im tulpenförmigen Glas. Und natürlich Cilbir: dicker Joghurt, geriebener Knoblauch, Salz, Zitronensaft. Darauf weich pochierte Eier, grosszügig geschmolzene Butter mit Paprikaflocken oder Aleppo-Chili. Frische Kräuter darüber – Koriander, Dill oder Petersilie. Am liebsten mit getoastetem Sauerteigbrot aufgetunkt. In der Türkei beginnt der Tag selten bescheiden. Getty Images Die türkische Küche kennt keine Zurückhaltung. Und genau darin liegt ihre Grösse. Sie will nicht gefallen, sie will überwältigen. Sie umarmt einen mit Knoblauchatem, tränkt alles grosszügig in Olivenöl oder Butter und serviert noch Desserts, die jeden Zuckermuffel bekehren. Was diese Küche so gross macht, ist nicht nur ihr Geschmack – es ist ihre Gesinnung. Essen ist hier Einladung, Fürsorge, Diskussion, Erinnerung. «Iss, du bist ja ganz dünn geworden» ist kein Kommentar zum Körperzustand, sondern emotionale Erpressung mit besten Absichten. Die ich mir gerne gefallen lasse. Afiyet olsun – wohl bekomm’s!Richard Kägi ist Autor und Foodscout, schreibt Kochbücher und Kolumnen. Seine Rezepte veröffentlicht er auf homemade.ch und richardkaegi.ch. Instagram @richifoodscout Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Wer die türkische Küche verstehen will, muss mit dem Frühstück beginnen
Türkisches Essen wird ausserhalb der Heimat oft auf Kebab reduziert. Zu Unrecht. Eine Reise durch die Küche, die schon beim Frühstück zeigt, wozu sie fähig ist.








