StartseitePolitikAusland Handel mit der EU: Wie europäisch ist die Türkei? Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche besucht Ankara. Sie betont dort das gemeinsame Interesse, dass die Türkei zumindest ein wenig als europäischer Industrieproduzent durchgeht.

Cordula Tutt 19.06.2026 - 13:07 Uhr Wirtschaftsministerin Katherina Reiche mit Ömer Bolat, dem Handelsminister der Türkei. Foto: picture alliance/dpaBei Häppchen und Drinks in der deutschen Botschaft in Ankara betont Katherina Reiche die Gemeinsamkeiten. Hier im eleganten Gebäude inmitten eines Parks im zentralen Stadtteil Çankaya waren die Deutschen in den 1920er Jahren eine der ersten, die ihre Botschaft aus der Metropole Istanbul in die neue Hauptstadt im Zentrum der Türkei verlegten. Die deutsche Wirtschaftsministerin will Nähe demonstrieren und lobt in ihrer kurzen Rede, die Türkei sei ein verlässlicher Nato-Partner, werde immer interessanter als Knotenpunkt für Energielieferungen nach Europa und ein wichtiger Handelspartner für Deutschland – aber auch für die EU.Ganz genau hören die Wirtschaftsleute im lindgrün gestrichenen Saal unter dem Kronleuchter zu, als Reiche dann auf Englisch sagt: „Die Türkei ist für uns nicht die verlängerte Werkbank, sondern ein starker Partner und eine strategisch wichtige Region für unsere Industrie.“Für Betriebe, die in der Türkei als Zulieferer oder als Teil deutscher Unternehmen für den europäischen Markt produzieren, könnte sich nämlich durch Brüsseler Industriepolitik einiges ändern.Was bedeutet „Made in Europe“ für Türkei und EU-Lieferketten?Die Europäer wollen ihre Industrie unterstützen und öffentliches Geld für wichtige Produkte nur noch vergeben, wenn „Made in Europe“ drinsteckt. So sehen es Regeln vor, die in Brüssel seit März mit dem geplanten Industrial Accelerator Act diskutiert werden. Ziel ist es, die europäische Industrie mit dieser Unterstützung wettbewerbsfähiger zu machen und gegen Konkurrenz zu schützen, die laxere Regeln beim Klima- und Umweltschutz haben.Das hat Folgen für alle, die Teil der Lieferkette oder Teil integrierter Produktion etwa mit deutschen Unternehmen sind. Die Verbindungen der Türkei in die EU sind eng.Der türkische Grenzübergang Edirne hinüber nach Bulgarien etwa gilt für den Handel als der zweitwichtigste weltweit nach El Paso zwischen Texas und Mexiko. Niemand zählt, wie oft dort an dieser Außengrenze der EU etwa Vorprodukte hin- und herwechseln, bevor etwa ein Auto deutscher Marken oder anderer europäischer Hersteller draus wird.Wie die Regel Autobauer und Zulieferer trifftDeshalb sehen die Deutschen und ihre Industrieleute kritisch, was derzeit als EU-Vorschlag auf dem Tisch liegt. So lässt es auch die Bundeswirtschaftsministerin bei ihrer Reise in der Türkei am Donnerstag und Freitag durchblicken. Noch kritischer sehen etwa deutsche Firmen in der Türkei oder türkische Industrievertreter die diskutierten Regeln der EU-Kommission in Brüssel.Was ist mit den vielen Fabrikanten von Autoteilen, die deutsche Hersteller beliefern? Wann gelten Autos dann als „europäisch“? Was gilt für deutsche Firmen, die einen Teil ihrer Produktion und einen Teil ihrer Lieferkette aus der Türkei bekommen?Automobilkonzerne wie Volkswagen, Renault und Stellantis forderten nach Medienberichten zuletzt, „Made in Europe“-Kriterien sollten dann gelten, wenn mindestens 70 Prozent des Fahrzeugwerts in den Mitgliedstaaten erzeugt worden seien. Vorher waren höhere Schwellen anvisiert worden. Doch die genaue Berechnung dürfte aufwändig sein.Autobauer in Not BMW, Mercedes und VW stehen vor dem nächsten China-Crash Es sollte alles besser werden in China: BMW mit der Neuen Klasse, VW mit einer Produktoffensive, Mercedes mit selbstfahrenden Modellen. Doch jetzt werden die deutschen Hersteller erneut zurückgeworfen. von Annina Reimann, Martin Seiwert und Jörn PetringAuch Handelspartner außerhalb der EU sollen also unter bestimmten Bedingungen einbezogen werden, hieß es aus Brüssel, etwa wenn es Freihandelsabkommen gibt. Doch da wird es schnell kompliziert. Die deutsche Industrie sieht den Brüsseler Vorschlag und die skizzierten Ausnahmen schon deshalb skeptisch, weil alle weiteren Regelungen zusätzliche Bürokratie und Abläufe bedeuten würden.Ziel des neuen Vorschlags ist, die Nachfrage nach umweltfreundlicheren europäischen Produkten anzukurbeln und Europas Wirtschaft so auf Wachstumskurs zu bringen. Wie viele Regeln müssen die anderen Partner einhalten? Was wird kontrolliert?Die Deutschen gehen, so hört man hinter den Kulissen, mit dem Vorschlag hausieren, es müsse stattdessen „Made with Europe“ als Maßstab für öffentliche EU-Vergaben gelten. Das könnte die Türkei als Teil der Lieferkette einschließen.Das würde dem Handels- und Industriepartner Türkei helfen. Wie eine auskömmliche Regelung der EU aus deutsch-türkischer Sicht gelingen könnte, ist Thema der Joint Economic and Trade Commission (JETCO), die Katherina Reiche am Freitag gemeinsam mit ihrem türkischen Amtskollegen und Handelsminister Ömer Bolat leitet. Aus türkischer Sicht ist Deutschland einer der wichtigsten Wirtschaftspartner und Exportland Nummer eins. Rund 8200 Firmen mit deutscher Beteiligung sind im Land tätig, das Handelsvolumen betrug 55 Milliarden Euro im vorigen Jahr.Nach der Sitzung der gemeinsamen Kommission beschwört Reiche mit ihrem Amtskollegen Bolat jedenfalls die Gemeinsamkeiten. Handelsregeln wie die des Industrial Accelerator Act müssten „am Ende so herauskommen, dass sie die engen Verbindungen und Exporte widerspiegeln“, sagt Reiche. Und Bolat mahnt: „Solche Initiativen sollten inklusiv bleiben“ – also die einschließen, die wie die Türkei bereits über eine Zollunion eng mit der EU verbunden seien.Einfach wie ein Picknick scheint es mit dem Handel zwischen der EU mit ihrem großen einheitlichen Binnenmarkt und der Türkei in nächster Zeit jedoch nicht zu werden.Die Bundeswirtschaftsministerin bemüht am Vorabend noch den zeitgleich stattfindenden Welt-Picknick-Tag in ihrer Botschaftsansprache. Sie will die Stimmung unter den Wirtschaftsleuten, zwischen Deutschen und Türken im Publikum, auflockern. Das zwanglose Beisammensein beim unkomplizierten Essen sei ein gutes Vorbild, wie man sich abstimmen und gemeinsam in die EU hineinwirken könne, sagt Reiche.„Diese Idee sollte uns leiten, wenn wir uns austauschen und immer besser kennenlernen“, beschwört die Ministerin die gemeinsamen Interessen beider Staaten an diesem Punkt. Dafür gibt es dann wohlwollenden Applaus – dann kommen die Häppchen. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick