Am Zweiten Weltkrieg nahm die Türkei nicht aktiv teil, verarmte aber stark. Das beste Buch über das Elend der Bevölkerung schrieb wohl der bekannte Journalist und Erzähler Oktay Akbal mit „Önce Ekmekler Bozuldu“ (“Zuerst verdarb das Brot“). In der titelgebenden Erzählung schildert Akbal, wie wirtschaftliche Umstände eine Gesellschaft zerstören: „Zuerst verdarb das Brot und danach alles andere. Die Welt machte keinen Spaß mehr. Alles war auf einmal anders. Das Brot, das Wasser, das Wetter, die Straßen und Plätze, die Menschen … Die Guten wurden schlecht, die Freigebigen geizig, die Gefühlvollen kaltherzig. Ach, das verdorbene Brot – die Substanz der Menschen ist sicherlich das Brot.“Auch in diesem Jahrhundert sind wir kein aktiver Teil eines Kriegs, doch die Wirtschaftspolitik Erdoğans stört unsere Gesellschaft empfindlich. Wir sind nicht bloß politisch gespalten, sondern auch zu einer beunruhigten, gestressten Gesellschaft geworden, in der keiner mehr dem anderen traut. Laut einer Umfrage aus dem letzten Monat leidet die Hälfte der Bevölkerung unter einem hohen Stresslevel. Das ist zu 65 Prozent durch die ökonomischen Verhältnisse verursacht. Und der Stress beschränkt sich nicht auf die Gegenwart. Mit größter Sorge blicken wir in die Zukunft. Fünf von sechs Personen machen sich in mittlerem oder hohem Maß Sorgen. Betroffen sind insbesondere die Achtzehn- bis Neunundzwanzigjährigen. Sie glauben nicht, dass die Zukunft besser als die Gegenwart wird.Bülent MumayEmir ÖzmenWie Oktay Akbal in seiner Erzählung von 1946 andeutete, ist heute die Substanz unserer Gesellschaft ebenso verdorben wie unser Brot. Die Gesellschaft, in der man sich einst vertraut und traditionell gegenseitig unterstützt hat, ist nicht wiederzuerkennen. Das Gefühl, dass die Ressourcen begrenzt sind, hat das Vertrauen „dem anderen“ gegenüber verringert. Nicht von ungefähr sind wir laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center unter 25 Ländern dasjenige mit dem geringsten gegenseitigen Vertrauen. 84 Prozent der Menschen in der Türkei haben kein Vertrauen in andere.Da helfen nur illusionäre FeindbilderDie Wirtschaft dezimiert nicht bloß das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft per se. Der von der Regierung verursachte Niedergang der Wirtschaft hat die Geburtenrate auf Rekordniveau sinken lassen. „Bekommt mindestens drei Kinder“, hatte Erdoğan verordnet. Doch mittlerweile verzichten die Leute selbst auf ein zweites Kind, weil die hohe Inflation sowie die steigenden Ausgaben für Unterkunft, Lebensmittel und Bildung die Familienbudgets schwer belasten. Vor zehn Jahren lag die durchschnittliche Kinderzahl bei 2,11 pro Familie, heute ist sie auf 1,51 gesunken und damit auf das niedrigste Niveau der 103-jährigen Geschichte unserer Republik.Aufgrund der Politik des Palastregimes haben wir zudem den Vorteil eingebüßt, über eine junge Bevölkerung zu verfügen, auf den wir so stolz waren. Es besteht sogar die Gefahr, dass wir nur mit der Hälfte unserer zurzeit 86 Millionen Einwohner ins 22. Jahrhundert gehen. Drei Kinder pro Paar wollte die Regierung, hat aber genau das Gegenteil bewirkt und versucht nun panisch, die selbst verschuldete Situation zu verbessern. Es geht ihr lediglich darum, sich mit symbolischen Maßnahmen beliebt zu machen. So hatte sie 2025 zum „Jahr der Familie“ ausgerufen und Kampagnen initiiert, mit denen Eheschließungen gefördert werden sollten. Wer ein Kind bekam, erhielt 5000 Lira, das entspricht etwa 90 Euro. Dieser Betrag reicht nicht einmal, um auch nur einen Monat lang die Windeln für ein Baby zu bezahlen. Als solche Instrumente nichts nützten, schlug die Regierung den üblichen Weg ein und machte sich daran, illusionäre Feindbilder zu schaffen.Wehrlos gegen die HasskampagneJüngstes Opfer wurde der deutsche Haushaltsgerätehersteller Bosch. In einem Werbeclip für einen Tierhaarstaubsauger betritt eine Frau ein Geschäft und spricht von ihrem „Jungen“, woraufhin die Verkäuferin von ihren eigenen unartigen Kindern erzählt. Am Ende stellt sich heraus, dass die Kundin mit „mein Junge“ ihren daheim wartenden Hund meint. Der Clip endet mit dem Spruch: „Du bist auch Mutter, wenn du ein Wesen ins Herz geschlossen hast und dich um es kümmerst.“ Mit dieser Werbung zum Muttertag wollte Bosch Elternschaft erweitern und „alle Mütter“, die sich um ein Geschöpf kümmern und es selbstlos lieben, adressieren.
Brief aus Istanbul: Erdoğans Regime hetzt gegen die Firma Bosch
Wie hysterisch Erdoğans Regime agiert, zeigt der Aufruhr um einen eigentlich herzerweichenden Werbeclip für einen Tierhaarstaubsauger. Die deutsche Haushaltsgerätefirma hatte es nur gut gemeint.






