Interview«Wir schämen uns, zuzugeben, dass wir einsam sind» – die indische Autorin Kiran Desai über das grosse Gefühl unserer ZeitKiran Desai schrieb über zwanzig Jahre an ihrem neuen Buch. «Die Einsamkeit von Sonia und Sunny» ist ein Roman über alles: Liebe, Gewalt, Migration, Delhi, New York – vor allem aber ist es eine grosse Geschichte über die Einsamkeit.19.06.2026, 05.30 Uhr8 Leseminuten«Einsamkeit kann sich auch in Glück verwandeln»: Schriftstellerin Kiran Desai geniesst es, in völliger Abgeschiedenheit zu arbeiten.Michael SharkeyÜber zwei Jahrzehnte hat sich Kiran Desai isoliert, um an der Einsamkeit zu forschen. Entstanden ist die Geschichte einer grossen Liebe. Eine, die auch in die Tiefen des Lebens bohrt. Kiran Desai ist für die deutsche Buchpremiere ihres neuen, 700 Seiten schweren Epos aus New York nach Berlin gekommen. Zum Interview trägt sie eine lange, grasgrüne Seidenbluse über einer Hose, dazu silberne Schuhe. Sie spricht bedacht, greift zu ihrer Tasse Minztee, statt schnelle Antworten zu geben. Als müsse sich eine, die in Zurückgezogenheit erprobt ist, nicht hetzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kiran Desai, Sie haben ein 700-seitiges Epos über die Einsamkeit eines Liebespaares geschrieben. In den USA, aber auch in der Schweiz warnen Forscher vor einer «Epidemie der Einsamkeit». Warum sind wir so einsam?Wir alle erinnern uns an eine Zeit, als unsere Biografie an einem Ort verwurzelt war. Einem Ort, dem man sich allein durch Familie oder religiöse Traditionen zugehörig fühlte. Das hat sich völlig verändert. Heute sind wir alle Fremde. Wir gehen an Orte, die uns nicht mehr auf diese tiefe Weise bekannt sind. Und selbst wenn wir an dem Ort bleiben, an dem wir geboren wurden, zieht jemand aus einem anderen Teil der Welt nebenan ein, den wir nicht kennen. Warum fühlen sich so viele Menschen einsam? Wie sind wir an diesen Punkt gelangt? Wie wirkt sich unser moderner globalisierter Lebensstil auf unsere Gefühlswelt aus?Wann haben Sie sich zuletzt einsam gefühlt?Wir denken oft, dass wir im Schatten leben, während der Rest der Welt in völliger Helligkeit und Klarheit lebt. So fühlte ich mich, als ich das Buch schrieb. Dazu kommt noch etwas anderes: Ich bin jetzt in meinen Fünfzigern und erlebe, wie Generationen sterben, wie Natur verschwindet. Aber es fällt mir schwer, über meine Einsamkeit zu sprechen, es ist irgendwie peinlich.Warum ist es so peinlich, einsam zu sein? Allein das Wort «Einsamkeit» auszusprechen, ist schmerzhaft. Wir schämen uns, zuzugeben, dass wir einsam sind. Einsamkeit kommt mit dem Gefühl, man werde nicht geliebt. Es ist quasi das Eingeständnis, dass man nicht liebenswert ist, dass man keine Freunde hat, dass irgendetwas mit einem nicht stimmt. Das ist eine uralte Angst. Schon Kinder erzählen ihren Eltern oft nicht, dass in der Schule niemand mit ihnen redet. Auch bei mir hat es lange gedauert, bis ich darüber schreiben konnte. Und jetzt, seit «Die Einsamkeit von Sonia und Sunny» veröffentlicht ist, bekomme ich ein riesiges Echo. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Leser auf mich zukommen und sagen: «Ich bin so einsam.»In Ihrem Buch sind die unabhängigsten Charaktere zugleich die einsamsten. Ist Einsamkeit der Preis für Freiheit?In manchen Situationen ist Einsamkeit notwendig. Einsam zu sein, kann auch bedeuten, sich zu transformieren, eine andere Person zu werden. Das geht nicht, wenn alle Augen auf einen gerichtet sind und Familienstrukturen oder Religion einen daran hindern. Man muss für diese Verwandlung allein sein. So geht es auch Einwanderern. Zu immigrieren, bedeutet, jemand völlig Neues zu werden.Ihr Roman, aber auch Ihre eigene Familiengeschichte ist voller Menschen, die ihr altes Leben hinter sich liessen. Meine Grosseltern verliessen ihre Heimat und verwandelten sich in völlig andere Menschen. Sie lebten auf anderen Kontinenten, lernten neue Sprachen, verabschiedeten sich von ihrer Religion. Mein Grossvater arbeitete als Richter in Britisch-Indien. Dort lernte er, wie man reitet. Er lernte, wie man Fleisch isst. Er lernte, Englisch zu sprechen. Er lernte, mit Messer und Gabel zu essen. All diese Dinge waren eine gewaltige Verwandlung.Sie selbst sind als Studentin in die USA emigriert. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Ich fühlte mich sehr einsam. Ich war aus Delhi an ein winziges College in Vermont gekommen. Dort sah ich zum ersten Mal Schnee, erlebte zum ersten Mal den Winter. Mir wurde der grosse Unterschied zwischen der Einsamkeit in Indien und der westlichen Einsamkeit bewusst: In Indien kann man sich in einer Menge oder sogar innerhalb der eigenen Familie sehr einsam fühlen, aber physisch ist man niemals allein. Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen physischer Einsamkeit und der Konzentration auf die eigene Innerlichkeit.Was half Ihnen in Ihrer Einsamkeit? In Vermont lernte ich einen grossartigen Zaubertrick: Ich lernte, meine Einsamkeit in intensives Lesen und Schreiben umzuwandeln. Ich setzte mich im Winter in eine stille Bibliothek und las Milan Kunderas «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins», Leo Tolstois «Anna Karenina» oder die Liebesgeschichte «Snow Country» des japanischen Autors Yasunari Kawabata. Und ich begann zu schreiben. Die grossartige irische Schriftstellerin Edna O’Brien sagte einmal: «Ich glaube, ein Schriftsteller muss einsam sein.» Ich denke, dass auch ein Leser ein bisschen einsam sein muss.Sind Sie in dieser Zeit eine andere geworden?Auf jeden Fall. Ich glaube, das gehört zum Prozess der Immigration dazu. Manchmal erkennt man sich dabei überhaupt nicht wieder. Man schaut erstaunt in den Spiegel und denkt: «Oh, das bin also wirklich ich. Wie seltsam.» Man entfremdet sich von seinem alten Ich. Im Buch spricht eine der Figuren von der Immigration als einem grossen Schwindel. Wir Einwanderer sind wie Hochstapler: Wir können wirklich alles aus uns machen – wenn wir nur einsam genug sind.Einsamkeit kann schmerzhaft sein, aber auch ein regelrechter Genuss. Sie haben Ihr neues Buch in völliger Abgeschiedenheit geschrieben. Ich weiss nicht, woher diese Sturheit in mir kommt – es überrascht mich selbst, dass ich jeden Tag aufwache und sofort an meinen Schreibtisch gehe. Ich werde extrem wütend, wenn ich nicht an meinen Schreibtisch gehen darf. Und ich bin sehr dankbar, wenn ich allein bin und arbeiten kann. Einsamkeit kann sich eben auch in Glück verwandeln. Für die Mutter meiner Protagonistin Sonia zum Beispiel bedeutet ihre Einsamkeit das Ende einer unglücklichen Ehe. Sie durchlebte eine Art notwendige Einsamkeit, die vor allem für eine Frau eine unglaubliche Kraftquelle sein kann.Auch Ihre Mutter Anita Desai verliess mit Mitte dreissig ihren Ehemann, wanderte nach England aus und wurde Schriftstellerin.Meine Mutter verliess Indien, als sie 50 Jahre alt war. Sie war Mutter von vier Kindern, ich war das jüngste und konnte mit ihr gehen. Sie nahm kein Geld von meinem Vater an und suchte sich einen Job. Es war eine harte Zeit. Wissen Sie, man muss so hart um die Freiheit kämpfen – die Freiheit, das zu tun, was man will, zu schreiben und zu arbeiten, wie man will. In meinen Augen ist das der wahre Feminismus. Man kämpft mit allen Mitteln. Es ist nicht so, als wäre das etwas Wunderbares und Leichtes, das einem einfach so zufällt. Meine Mutter hat mir diese enorme Freiheit geschenkt. Ich hatte sie in Hülle und Fülle. Niemand hat mir jemals gesagt, ich solle nicht schreiben oder nicht allein leben oder ich müsse heiraten und Kinder haben. Das ist bemerkenswert!Zur PersonKiran Desai, 1971 in Delhi geboren, emigrierte als junge Studentin in die USA und lebt seither in New York. 2006 erhielt sie für ihren Roman «The Inheritance of Loss», in dem sie die Auswirkungen der englischen Kolonialherrschaft in Indien beschreibt, den Booker-Preis. Mit 35 war Desai die jüngste Preisträgerin in der Geschichte des Literaturpreises. «Die Einsamkeit von Sonia und Sunny» ist ihr dritter Roman.Wird Männern und Frauen ein unterschiedliches Mass an Einsamkeit zugesprochen?O ja, es gibt eine grosse Kluft zwischen den Geschlechtern. Es ist zum Beispiel viel schwieriger, als Frau allein in einem Land wie Indien zu leben. Vor einiger Zeit, als ich Indien besuchte, fragte ich eine Frau, ob sie schon einmal allein geschlafen habe. Das hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht. Auf der anderen Seite gibt es die Frauen, die ins Berufsleben einsteigen und alleine in einen anderen Teil des Landes ziehen. Ihre Eltern sind oft liberal und unterstützen ihre Töchter. Doch die Gesellschaft lässt sie im Stich. In Indien nimmt die sexuelle Gewalt zu – zumindest werden heute mehr Fälle gemeldet. Frauen sind noch immer tief in Geschlechterrollen gefangen. Das Versprechen des Feminismus ist für mich noch längst nicht eingelöst.Ist Ihr Roman auch Zeugnis einer politischen Einsamkeit?Ich beobachte wachsendes Misstrauen gegenüber anderen Ethnien und Nationen. Beide meiner Heimatländer, sowohl Indien als auch die Vereinigten Staaten, wo ich den grössten Teil meines Lebens verbracht habe, gehen aggressiv gegen Minderheiten vor. Es ist haarsträubend, dass Autokratie und Nationalismus gerade in diesen beiden Ländern so anwachsen.Die USA verstehen sich als älteste Demokratie der Welt, Indien als die grösste Demokratie. Zu glauben, dass wir alle zusammenleben können – verschiedene Religionen, verschiedene Ethnien, verschiedene Weltanschauungen – und zwar in einem politischen System, das Würde und Anstand gewährt, ist eine wirklich aussergewöhnliche Erfindung. Und es macht mir grosse Angst, dass sie angegriffen wird. Für eine Einwanderin wie mich bedeutet diese Politik, unter enormem Druck zu stehen. Ich fühle mich wie eingekesselt. Wie erhebt man seine Stimme, obwohl die Atmosphäre der Angst immer stärker wird, obwohl es gefährlich wird, seine Stimme zu erheben, weil alle anderen sich für das Schweigen entscheiden? Eine solche Anspannung habe ich noch nie erlebt.Haben Sie Ihre Kindheit als toleranter in Erinnerung? Erst heute wird mir bewusst, wie aussergewöhnlich meine Kindheit in Indien war. Es gab zwar immer Spannungen, religiöse Unruhen, Probleme, aber nicht so wie heute. Nicht von der Regierung geschürt. Das Wohnzimmer, in dem ich aufgewachsen bin, war bunt gemischt. Christen, Muslime, Sikhs und Menschen verschiedener Religionen sassen problemlos in einem Wohnzimmer. Heute ist das völlig unmöglich geworden.Wie erleben Sie den politischen Umschwung in den USA in Ihrem Alltag?Die Stimmung in meiner Nachbarschaft in Queens, New York, hat sich sehr verändert. Die Strassen, die einst voller Leben waren, sind heute komplett leer. Immer mehr Freunde erzählen mir von Menschen, die von ICE-Beamten festgenommen wurden. Und die Leute reden anders. Sie sind hasserfüllter, verschlossener. Sie weichen aus, wenn man versucht, über etwas Schreckliches zu sprechen – etwa wenn eine Minderheit angegriffen wurde. Dann sagen sie: «Warum ist das passiert?» oder «Das habe ich nicht gelesen» – oder so etwas in der Art. Ihr Blick verliert an Intensität, ihre Augen werden ausdruckslos. Oder sie wechseln plötzlich das Thema und sagen, was für schönes Wetter es doch sei.Schürt Einsamkeit politische Extreme?Hannah Arendt sagte, dass Nationalismus und Totalitarismus auf Einsamkeit zurückzuführen seien. In «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft» schrieb sie: «Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit.» Ich denke, sie hat Recht. Aber all die Nationalisten vergessen, dass wir Menschen schon immer versucht haben, unserer Identität zu entkommen. Wir haben schon immer versucht, aus unserer Haut zu schlüpfen – durch Reisen, durch Liebe, durch Religion, durch Literatur, durch Kunst. Wir versuchen ständig, vor unserer Identität zu fliehen, einer Identität, die wir uns nicht ausgesucht haben. Und es ist ein grosses Glück, ihr zu entkommen.Kiran Desai: Die Einsamkeit von Sonia und Sunny. Fischer-Verlag, Frankfurt 2026. 752 S., Fr. 41.90.Passend zum Artikel
«Wir schämen uns, zuzugeben, dass wir einsam sind» – Kiran Desai über das grosse Gefühl unserer Zeit
Die indische Booker-Preis-Trägerin Kiran Desai kehrt mit einem Epos über das Zeitalter der Einsamkeit zurück.
Kiran Desai hat nach zwei Jahrzehnten einen 700-Seiten-Roman über Einsamkeit in Migration und Globalisierung vollendet. Das Werk signalisiert den relationalen Preis geografischer Mobilität – zentral für Tech-Leader mit Remote-Teams.








