Ein Ukrainer und ein Russe versuchen den Manaslu ohne Sherpas, Flaschensauerstoff und Basislager zu besteigen – nur einer erreicht den GipfelDie beiden Bergsteiger zeigen: Selbst auf einem der bekanntesten Achttausender lässt sich noch Einsamkeit erleben.Stephanie Geiger19.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFast wäre die Szenerie am Manaslu romantisch, wenn die Strapazen nicht wären.Alex MorozDer Manaslu in Nepal, 8163 Meter hoch, ist neben dem Mount Everest der Inbegriff von Achttausender-Overtourism. Während am Everest das Frühjahr die bevorzugte Saison ist und nur in seltenen Ausnahmen auch im Herbst Bergsteiger unterwegs sind, ist es am Manaslu genau umgekehrt. Laut der Himalayan Database erreichten im vergangenen Herbst 717 Sherpas und Expeditionsteilnehmer seinen Gipfel. Wer die Masse mag, ist dort gut aufgehoben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In dieser Vormonsunsaison fand sich am Manaslu ein Team zusammen, das mindestens so bemerkenswert war wie das gewählte Ziel: Während sich im Donbass Russen und Ukrainer wegen Putins Angriffskrieg feindlich gegenüberstehen, bildeten ein Russe und ein Ukrainer eine Seilschaft, um am achthöchsten Berg der Welt einen ungewöhnlichen Weg zu gehen.«Die Nationalität spielt keine Rolle; es geht um die Persönlichkeit und die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen», sagt Alexandr Moroz, der in der Nähe der ostukrainischen Stadt Luhansk aufgewachsen ist und seit sechs Jahren in Kirgistan lebt.Mit Stil, ohne DramaIhre Idee: zwei Bergsteiger, ein riesiger Berg, keine kommerziellen Expeditionen und keine Fixseile. Mark Ablovacky, der russische Part der Seilschaft, hatte sich das überlegt. Die Rechnung ging zumindest für einen der beiden auf: Vor kurzem stand Moroz allein auf dem Gipfel des Manaslu. Er war der Einzige in dieser Saison. Wegen der begründeten Angst vor Erfrierungen hatte Ablovacky den Aufstieg vorzeitig beendet.Billi Bierling von der Himalayan Database ist begeistert. Obwohl Ablovacky und Moroz auf der zumindest im Herbst völlig überlaufenen Normalroute unterwegs gewesen seien, sei es ein bemerkenswerter alpinistischer Erfolg: «Es ist eine wahnsinnige Leistung, an diesem riesigen Berg allein aufzusteigen. Sonst feiern sich Bergsteiger für so einen Erfolg oft als Helden. Die beiden haben das mit Stil und ohne grosses Drama gemacht», sagt die Himalaja-Chronistin.Alexandr Moroz biwakierte allein auf 7450 Metern – er hatte schon eisigere Nächte.Alex MorozDie beiden waren ausserdem sehr schnell unterwegs: Fünfzehn Tage nach ihrem Aufbruch in Kathmandu stand Moroz auf dem Gipfel. Auf Flaschensauerstoff verzichteten sie.Vor fünfzehn Jahren am Manaslu war das noch eher der Normalfall: Im Zeitraum zwischen der Erstbesteigung 1950 und 2010 waren zwei Drittel der Bergsteiger und Bergsteigerinnen ohne Flaschensauerstoff unterwegs. Wie ein Blick in die Himalayan Database zeigt, hat sich das Bild gedreht. Heute sind es nicht einmal mehr 15 Prozent. Ein klares Indiz dafür, dass am Manaslu sehr viele kommerzielle Expeditionen unterwegs sind.Dass Ablovacky und Moroz gerne ungewöhnliche Wege gehen, um den Massen an den Fixseilen zu entfliehen, zeigten sie bereits im Herbst 2024 an der Ama Dablam. Statt die Normalroute über den Südwestgrat zu nehmen, entschieden sie sich für die logischste Route an der Westwand. Ihnen gelang eine der seltenen Wiederholungen der im Jahr 1990 erstbegangenen «American Direct»-Route.Auch für den Manaslu ergriff Ablovacky die Initiative. Er hatte im Frühjahr Zeit und schlug anderthalb Monate vor der Abreise Moroz spontan die Expedition zum Manaslu vor. «Als Bergführer finde ich jede Idee, im rein sportlichen Stil unterwegs zu sein, interessant», sagt er. Deshalb habe er bei seinen Gedanken an einen Achttausender nie darüber nachgedacht, Flaschensauerstoff zu verwenden.So wenig Gewicht wie möglichDass er mit der Höhe zurechtkommt, hatte der Ukrainer vorher vielfach bewiesen. In Zentralasien stand er vierzehn Mal auf einem Siebentausender, davon zweimal im Winter. 2020 gelang ihm sogar eine Erstbegehung in der Nordwand des Pik Ismoil Somoni, mit 7495 Metern der höchste Berg Tadschikistans und der vierthöchste des Pamirgebirges.Moroz kennt die Entbehrungen und Herausforderungen am Berg. Deshalb gefiel ihm die Idee, ohne Unterstützung durch Sherpas, ohne Fixseile und Flaschensauerstoff am Manaslu unterwegs zu sein. Die Vorstellung einer Expedition ausserhalb der Saison habe sich nach einem Abenteuer angefühlt, sagt er. Natürlich habe er sich Gedanken darüber gemacht, wie sie wohl ohne Fixseile durch den Eisbruch und über die grossen Gletscherspalten kämen: «Weil ich aber nach der Skitourensaison als Bergführer etwas Freizeit hatte und Mark Ferien, versuchten wir es.»Auf ein Basislager verzichteten sie. Es schien ihnen zu umständlich, für eine Zwei-Mann-Expedition ein Camp samt Küchenmannschaft einzurichten. Tatsächlich waren sie überhaupt nur zwei Tage an dem Ort, an dem üblicherweise im Herbst das Basislager entsteht. Sie nutzten die bescheidenen Annehmlichkeiten in Samagaon, dem letzten Dorf vor dem Manaslu-Basislager, um sich auszuruhen.Das Gewicht minimierten sie so gut, wie es nur ging. Dabei hatten sie lediglich ein dreissig Meter langes Seil, drei Eisschrauben, leichte Klettergurte, ein paar Karabiner und Schlingen, ein kleines Zelt, Eispickel, Kocher, gefriergetrocknete Lebensmittelpakete und Süssigkeiten. Trotzdem: Die Rucksäcke waren schwer. «Es kam mir wie 25 Kilogramm vor», sagt Moroz, der in seiner Jugend im Kaukasus auch schon 51 Kilogramm getragen hat.Der erste Aufstieg von Samagaon aus führte sie zunächst bis zum Basislager in etwa 5700 Metern Höhe. Die Nacht verbrachten sie für die Höhenanpassung in rund 6000 Metern Höhe. Am nächsten Tag wollten sie ihren Aufstieg fortsetzen, kehrten jedoch aufgrund der Lawinengefahr in 6100 Metern Höhe um, deponierten einige Vorräte und stiegen ins Dorf ab. Das war es mit der Akklimatisation.Im Herbst steigen die Massen am Manaslu auf. Im Frühjahr ist es ruhig.Alex MorozEinsam biwakieren auf 7450 MeternObwohl nur unzureichend auf die Höhe vorbereitet, wollten sie ein Wetterfenster nutzen. Ablovacky hatte im Lager 2 auf 6700 Metern Höhe am Morgen kalte Hände. Ein Indiz für eine schlechte Akklimatisation. Er blieb zurück. Moroz setzte seinen Weg allein fort, liess Zelt und Kocher bei seinem Partner.Mit Daunenmatte, Daunenanzug und Schlafsack biwakierte Moroz auf 7450 Metern Höhe. Das habe gereicht für die Temperaturen, fast wie in einem Fünfsternehotel sei es gewesen, sagt er: «Insgesamt war es viel besser und bequemer, als ich erwartet hatte.»Moroz hatte schon kältere Nächte durchgestanden. In Zentralasien biwakierte er ohne Schlafsack auf über 6000 Metern Höhe – am Pik Korzhenevskaya und am Khan Tengri. «Dort war es viel kälter.» Sein Glück: In Lager 4 fand er einen Kocher, der von einer früheren Expedition zurückgelassen worden war. Damit schmolz er Schnee.Er musste besondere bergsteigerische Herausforderungen allein meistern: einen wilden Eisbruch und schlechtes Eis am Grat bis zu Lager 4. Danach hiess es für ihn: durchhalten. Die Akklimatisation bis auf eine Höhe von 6100 Metern sei nicht ideal gewesen. «Es war schwierig, aber nicht gefährlich», sagt Moroz.Moroz und Ablovacky haben nicht nur bewiesen, dass es selbst auf den Normalrouten der Achttausender noch Möglichkeiten gibt, die Einsamkeit der höchsten Berge der Welt zu erleben. Sie haben auch gezeigt, dass Russen und Ukrainer gemeinsam Ziele erreichen können. Wenn sie es wollen.Passend zum Artikel