Ein Gegenrauschen zur Enthemmung der Märkte: Elfriede Jelinek begibt sich in die Unterwelt kapitalistischer MachenschaftenIn ihrem neuen Werk «Unter Tieren» lässt die Literaturnobelpreisträgerin Affe, Hase, Bär und Schwein sprechen – unerbittlich und alles andere als unschuldig.Paul Jandl19.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWenn das Gerede der Menschheit flacher wird, muss man zurückschlagen: Schriftstellerin Jelinek.Claudia MüllerDa ist gleich was los im Antikapitalismusstück. Lautmalerisch und auch sonst. «Picketty, picketty», picken die Tauben am Boden nach den Krumen. Man erinnert sich: Der Franzose Thomas Piketty hat berühmte kritische Bücher über die Geldwirtschaft geschrieben. Unter anderem «Das Kapital im 21. Jahrhundert». Ob die Tauben von ihm wissen? In «Unter Tieren», so heisst Elfriede Jelineks neues Werk, sind nicht nur die ungeliebten Stadtbewohner von scharfsinniger Intelligenz, sondern ein ganzer Zoo.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Affen, Kühe, Bären, Kängurus. Der schlaue Fuchs, natürlich. Aber auch der Esel. Neben ihren intellektuellen Fähigkeiten zeichnet die Tiere vor allem eines aus: Sie reden, wie die österreichische Literaturnobelpreisträgerin immer schon geschrieben hat. In luftigen Assoziationsketten und mit dogmatischer Widerspruchsfreude. Einspruch nicht mehr möglich. Jetzt rede ich. Für diesen Selbstermächtigungsgestus, den man feministisch und gesellschaftskritisch lesen kann, hat die Jury 2004 in Oslo der Schriftstellerin die berühmteste Auszeichnung überreicht, die der Literaturbetrieb kennt. Der Protest hatte sich nicht nur symbolisch kapitalisiert, und das rief wiederum andere Protestierer auf den Plan. «Elfriede wer?», schallte es durch die internationale Literaturfachwelt.Eine Art VermächtnisAm heutigen Tag erscheint «Unter Tieren» als Buch. In zwei Monaten wird der Text als Stück bei den Salzburger Festspielen unter dem Jelinek-Hausregisseur Nicolas Stemann uraufgeführt. Aber irgendwie ist es auch egal, was das hier ist. Stück, Essay oder Roman. Es macht keinen Unterschied, weil Produkte aus dem Wiener Laboratorium keiner Logik der Form folgen. Es sind Monologe, die in die Welt hinausgesprochen werden, höre sie, wer wolle. Übergrossen kommunikativen Ehrgeiz kann man Elfriede Jelinek wahrlich nicht unterstellen, allerdings werden ihre Stücke von den Bühnen bis heute gerne genommen. Prosa oder gar Romane schreibt sie heute nicht mehr.Man muss «Unter Tieren», diesen wortreichen Koloss der bald Achtzigjährigen, die die Öffentlichkeit scheut, als eine Art Vermächtnis lesen. Macht haben andere, wir vermögen nichts, so steht es schon zwischen den Zeilen von Romanen wie «Die Klavierspielerin» und «Lust» und Dramen wie «Ein Sportstück» und «Das Werk». Ihrer Losung ist Elfriede Jelinek bis heute treu geblieben und führt mit ihrem ausgefeilten und routinierten Empörungshunger andere Empörungshungrige durch die Jammertäler der Welt. In diesem Sinn ist «Unter Tieren» ein Jelineksches Hauptwerk. Ein Wortgebirge, dem es egal ist, ob man es in ein paar Jahren noch versteht.Die Tauben übrigens, picketty, picketty, verstehen die Welt heute schon nicht mehr: «Alle halten die Hände und Schnäbel auf! Da kommt schon was zusammen, was sie aber nicht kriegen werden: halbfertige Gebäude, Bauruinen, Schuttkegel in den Städten. Kaufhäuser, die schon dreimal Pleite gemacht haben, bevor sie endlich plattgemacht wurden.» So geht es den Insolvenzverwaltern der Causa René Benko. Die ist natürlich ein guter Einstieg in die Unterwelt kapitalistischer Machenschaften. Ein Königsdrama von Auf- und Abstieg, von Lug und Betrug, das die Tauben aus der Vogelperspektive sehen. Wo soll man sich denn in Benkos Bauruinen gefahrlos niederlassen? Oder auf der von Pfändungsbeamten lärmend heimgesuchten berühmten Villa des Spekulanten? Frei nach Ferdinand Raimunds Stücktitel: Benko, «der Erbauer als Milliardär».Auf den Spaltböden der StälleBei Jelinek geht es nicht ganz so unschuldig zu wie in den Tierfabeln La Fontaines. Nacheinander kommen sie zu Wort. Affe, Hase, Bär und Schwein. Alle haben sie etwas zu sagen zu Wirtschaft, politischer Korruption, entfremdeter Arbeit und Geldverkehr. Sie haben ihren Marx gelesen und ihren Platon. Bei dieser Puppenspielerei zieht sich die Jelinek reihenweise Alter Egos aus der Fauna an.Das Schwein ist das Sparschwein der Nahrungsmittelindustrie. Naturgemäss eine arme Sau, aufgewachsen auf den Spaltböden der Ställe: «Meine Füsse sind ruiniert, von nichts, hier gibts nichts zu gehen, gehen Sie weiter. Meine armen Beine kaputt. Wozu habe ich überhaupt all diese Teile? Schweinskopf in Sülze ist die Antwort.» Schlau ist der Fuchs: «Ich bin Tierethiker und dazu verpflichtet, andre Tiere zu befreien, wenn auch nicht für lange. Bis sie mundgerecht und bissfest sind.» Auch von Phishing hat das kluge Tier eine Ahnung und ragt ein bisschen aus der Riege symbolträchtig unschuldiger Wesen heraus. Mit dem dummen Esel dagegen kann man’s ja machen. Er wird immer draufzahlen, während sich andere ihre Renditen auszahlen lassen. Das Känguru hat einen leeren Beutel, weil es von einem Finanzhai über den Tisch gezogen wurde. Auch das Schaf kommt nicht ungeschoren davon.Die metaphorische, von Kalauern umwölkte Flughöhe ist das eine. Jelineks Abschweifungen sind das andere. Sie streift kleinere und grössere Finanzskandale der jüngeren Zeit, geht zurück zu Biblischem und in die Mythologie und landet irgendwann sogar noch beim laufenden Iran-Krieg. Für die Konkretion aber interessiert sich «Unter Tieren» nicht wirklich. Es ist keine von intellektueller Selbstbeteiligung geprägte Tour d’Horizon durch die Weltlage, sondern liefert Wasserstandsmeldungen aus dem eigenen Wohnzimmer. Am Ende des Buches sind ein paar verwendete wirtschaftstheoretische Lektüreanregungen verzeichnet und der «kreischende, heulende Engelssturz aus zahllosen Zeitungen und Zeitschriften und natürlich mein lieber Wiki». Das ist zumindest ehrlich.Sound für den DissensKann gut sein, dass es Elfriede Jelinek immer schon gewusst hat: Wenn das Gerede der Menschheit flacher wird, muss man zurückschlagen. Dafür hat die österreichische Literaturnobelpreisträgerin schon vor langem etwas erfunden, wofür man sie immer wieder gescholten hat: die Textfläche. Ansatzlos und unerbittlich werden dem Publikum Monologe ins Gesicht geschleudert, die keinen Platz lassen für Widerspruch und in denen jede Argumentation untergeht. Das ist auch in «Unter Tieren» so, dem Text, den man sich kaum auf der Bühne vorstellen kann. Ungekürzt wären es wohl mindestens sechs Stunden Aufsagearbeit. Die Salzburger Festspiele versprechen vier Stunden.298-mal kommt im Buch das Wort Geld vor, 95-mal das Wort Kredit. Es sind Reizwörter, die auf unterschiedlichem Niveau triggern. Schon klar, der kleine Mann wird für seinen Kleinkredit auf Herz und Nieren geprüft, während die Banken und Investoren vor den Gefahren, die von Luftgeschäftskünstlern wie René Benko ausgehen, die Augen verschliessen. Aber was wären die Schlüsse, die man bis zum nächsten Finanzdebakel daraus ziehen könnte?Das Luftgeschäft, das Elfriede Jelinek mit dem kapitalismuskritischen Publikum abschliesst, ist eines, das auf behaupteter Relevanz beruht. Wir sind empört. Wir sind viele. Ändern wird sich dadurch aber nichts. Jelinek macht, was sie schon immer gemacht hat. Sie liefert Sound für den Dissens. Ein kaum noch zum Skandal geeignetes Gegenrauschen zur Enthemmung der Märkte. Der Hochpreis- und Hochkulturort Salzburg ist ein schöner Ort, um es ein bisschen krachen zu lassen. Seit Jahr und Tag wird hier das Stück «Jedermann» beklatscht, in dem es um einen prototypisch Raffgierigen geht, und für einen René Benko aus der Sicht der Tiere wird wohl auch ein bisschen Applaus abfallen.Elfriede Jelinek: Unter Tieren. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2026. 224 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel
Elfriede Jelineks «Unter Tieren»: ein Gegenrauschen zur Enthemmung der Märkte
In ihrem neuen Werk «Unter Tieren» lässt die Literaturnobelpreisträgerin Affe, Hase, Bär und Schwein sprechen – unerbittlich und alles andere als unschuldig.







