Was Menschenaffen über die Einsamkeit des Menschen verratenIm Leipziger Zoo beobachtete Lara Rüter Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Daraus entstand ein Essay über das Misslingen menschlicher Kommunikation.Paul Jandl04.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFast bruchlos lässt Lara Rüter ihren Text zwischen Naturkunde, Autobiografischem und Poetologie changieren.Michael BaderEs ist ein Rätsel. Den Menschenaffen, die uns in vielem so ähnlich sind, fehlt die Fähigkeit, auf etwas zu zeigen. Es gibt kein Da!, das es dem Gegenüber ermöglichen würde, einen gemeinten Gegenstand oder Ort zu erkennen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Wissenschafter Michael Tomasello und Josep Call haben in ihrem 2007 erschienenen Buch «The Gestural Communication of Apes and Monkeys» beschrieben, was es heisst, wenn dieser Baustein symbolischer Kommunikation fehlt. Es bleibt eine Leerstelle in der Verständigung zwischen Tier und Mensch. Die deutsche Schriftstellerin Lara Rüter sagt es in ihrem literarischen Essay «Affenliebe» noch einmal anders: «Ohne Da!-Sagen kein Bedeuten, keine Einigung auf Bedeutung, keine Sprache.»Affen berühren verboten«Affenliebe» macht etwas ganz und gar Erstaunliches. Das Buch erzählt von den Erfahrungen der Autorin als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Leipziger Zoo, wo sie Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans beobachtet, aber es ist auch ein Nachdenken über Kommunikation schlechthin.Den Forschern ist es verboten, die Affen zu berühren, weil diese Grenzüberschreitung eine Beziehung herstellen könnte, die das Datenmaterial verfälscht. Es ist ein kühner Bogen, den Lara Rüter zwischen den Zeilen ihres höchst klugen und poetischen Essays zu den Menschen hin schlägt. Was, wenn sich die Menschen untereinander wirklich berühren könnten? Wäre dann das soziale Datenmaterial nicht nur nicht verfälscht, sondern würde rettende Klarheit bekommen?«Affenliebe» ist gleich auf mehreren Ebenen raffiniert. Da sind die Beschreibungen der täglichen Arbeit im Gehege. Das «Testen» der Tiere. Lange Versuchsreihen, in denen Verhaltensweisen und Reaktionen erfasst werden. Man erfährt viel über die Muster der Nahrungsaufnahme, des Soziallebens und einer bisweilen grausamen Fürsorglichkeit zwischen den Hominiden. Die Trauer um ein totes Schimpansenkind kann in Kannibalismus umschlagen. Am Ende bleiben im Käfig nur die Knochen des kleinen Tieres übrig.Abseits ihrer wissenschaftlichen Arbeit übersetzt die Protokollantin das Treiben in bekannte menschliche Erfahrungen. Sie tut das nicht unter dem Gebot der Objektivität, sondern in einer leichthändigen Subjektivität. Anthropologische Fragen können zu existenziell menschlichen werden. Die kommunikativen Gewohnheiten der einen Spezies spiegeln sich in denen der anderen, ohne dass damit schlichte Analogien zwischen Tier und Mensch hergestellt würden.Fast bruchlos lässt Lara Rüter ihren Text zwischen Naturkunde, Autobiografischem und Poetologie changieren. Die für die Forschungsarbeit notwendige Distanz zwischen den evolutionär nahen Verwandten wird begleitet von Überschreitungsphantasien: «In der Berührung eines Affen verbirgt sich die Verheissung einer grenzenlosen Erfahrung, die Verheissung, das eigene Menschsein zu verlassen oder aber sich seiner zu vergewissern.»Im Rätsel um die Menschenaffen steckt auch die Verrätselung des Menschen selbst. So lautet die These eines Buches, das auf melancholische Weise um eine Lücke kreist. Um etwas nicht Sagbares. Um die Unfähigkeit auch des Menschen, ganz einfach Da! zu sagen.Nahtlos fügen sich Episoden aus dem eigenen Leben der Schriftstellerin in den Text. Der Tod der Mutter wird in der Familie fast peinlich beschwiegen. Man hat keine Worte dafür. Wie und mit wem über die Abtreibung reden, die die Autorin hat durchführen lassen? Es ist ein Tasten in der Sprache, zwischen Benennungsunmöglichkeiten.Hilflosigkeit des MenschenWenn Lara Rüter aus ihrer Affengeschichte plötzlich eine Geschichte über die Hilflosigkeit des Menschen macht, dann erscheint das geradezu zwingend. An die Worte gebunden, kann der Mensch sich immerhin durch Literatur zu retten versuchen. Durch metaphorisches Sprechen, das Lara Rüter in ihren Essay sehr grosszügig aufnimmt, indem sie Gedichte und Texte von Emily Dickinson, Anne Sexton und Paul Valéry genauso zitiert wie Franz Kafka oder Martina Hefter.«Meine Affen besitzen Ich-Bewusstsein, das beweisen Spiegeltests. Und sie fühlen Zugehörigkeit, die über Blutsbande hinausgeht, adoptieren, schliessen Freundschaften, oft für das ganze Leben. Ihre Gruppe ist ihre Familie. Sie stellen keine Fragen an die Welt, scheinen Bruchstücke als das Ganze zu nehmen.» So steht es in «Affenliebe» nach der Stelle, wo es um den Gorilla-Patriarchen Abeeku geht.Wie war das mit dem Vater, dem «Kuckucksvater», dem Kind untergeschoben, bis es dann doch den Namen des wahren Erzeugers erfuhr? Zwei Väter. «Einer hatte mich verbannt, und der andere war nicht richtig. Beide schwiegen. Ich war weder doppelt beschenkt noch doppelt verwaist, sondern derart entwurzelt, dass ich nicht mehr in den Boden zurückfand.»Lara Rüter hat ein grandioses Buch über eine Lücke der Schöpfung geschrieben. Über die Unfähigkeit der zum Reden Begabten, sich mitzuteilen. Das Tier kennt diesen Skandal nicht. Vielleicht muss man sich den Menschenaffen als glücklicheren Menschen vorstellen.Lara Rüter: Affenliebe. Carl-Hanser-Verlag, München 2026. 288 S., Fr. 36.90.Passend zum Artikel
Lara Rüters «Affenliebe»: Ein poetisches Nachdenken über Sprache und Berührung
Im Leipziger Zoo beobachtete Lara Rüter Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Daraus entstand ein Essay über das Misslingen menschlicher Kommunikation.









