«Es ist verbrecherisch! Illegal!» – André Seidenberg galt als Pionier der Drogenpolitik. Warum ist ausgerechnet er gegen die legale Kokainabgabe?Ein Zürcher Hausarzt kämpft gegen die, deren Vorbild er einst war. Porträt eines Getriebenen.19.06.2026, 05.07 Uhr7 LeseminutenSeine Gegner finden, er zerstöre gerade seinen Ruf. Er sagt, er werde die Gespenster der Vergangenheit nicht los: André Seidenberg, 2020 im Platzspitzpark.Christoph Ruckstuhl / NZZLängst antworten sie nicht mehr auf seine E-Mails und Nachrichten. Längst fragen sie ihn, wenn er sie doch einmal erreicht: «Ist das wirklich nötig?» Er solle es doch sein lassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Ich verstehe ja, dass sie es nicht mehr hören können», sagt André Seidenberg, 76, Pionier der Zürcher Drogenpolitik und ehemaliger Platzspitz-Arzt. «Ich bin ein Unbequemer, ich weiss es.»Vielleicht, denke er sich manchmal, hätten sie recht, seine ehemaligen Weggefährten und Nachfolger in der Schweizer Drogenmedizin. Vielleicht wäre es besser, wenn er schwiege. «Aber da sind diese Gespenster», sagt Seidenberg. «Sie verfolgen, sie quälen mich.»Ihretwegen – wegen der Süchtigen, die er gekannt, gepflegt und sterben gesehen hat – legt er sich nun mit denen an, für die er einst ein Vorbild war. Der Grund: Suchtexperten im ganzen Land sind gerade daran, mit einem alten Tabu zu brechen: der legalen Abgabe von Kokain an Schwerstsüchtige. Der 76-jährige Hausarzt aus Zürich ist zu ihrem lautesten Gegenspieler geworden.Eine gefährliche, unberechenbare DrogeEs begann mit Genf. Dort schlugen Ärzte und Behörden vor gut fünf Jahren Alarm. Crack und Freebase, gerauchte Formen von Kokain, waren plötzlich überall. Crack ist als Droge ein Albtraum: Sein High ist extrem, die Wirkung heftig – aber auch extrem schnell wieder vorbei. Nach Minuten schon brauchen Süchtige den nächsten Kick.Crack macht aggressiv, putscht auf, enthemmt. Kriminelle Kartelle vermarkten die Droge aggressiv, in immer handlicheren, leichter zu konsumierenden Formen, etwa den sogenannten «Crack-Steinchen».In diversen Schweizer Städten – Genf, Lausanne, Chur – haben sich in den vergangenen Jahren offene Drogenszenen gebildet. In Zürich treffen sich die Süchtigen auf der Bäckeranlage, wo die Lage auch nach der Eröffnung eines neuen Konsumraums in der Nähe angespannt bleibt.Der radikalste Vorstoss zur Eindämmung des Problems kommt nun wiederum aus Genf. Am dortigen Universitätsspital sollen Schwersüchtige schon bald Kokain in Gasform konsumieren können. Gratis und legal, in einem speziell dafür geschaffenen Konsumraum. Damit der Versuch starten kann, fehlt nur noch die Zustimmung der Genfer Kantonsregierung.Daniele Zullino, der Leiter der Abteilung für Suchtmedizin des Spitals, fasste den Nutzen des Projekts kürzlich in einem TV-Interview so zusammen: «Was wir machen, ist zwar gefährlich. Aber es ist weniger gefährlich als das, was vorher praktiziert wurde.»Geregelter Konsum in einem sicheren Rahmen, weniger Konflikte mit Dealern und anderen Süchtigen sowie weniger Beschaffungskriminalität: Das ist die Idee, die mittlerweile von vielen Suchtexperten im Land unterstützt wird.Auch von früheren Skeptikern wie Boris Quednow. Der Pharmakopsychologe der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich sagte es in der NZZ so: «Bei mir hat angesichts des zunehmenden Elends auf den Strassen und nach Gesprächen mit Kollegen, die Crack-Abhängige betreuen, ein Umdenken eingesetzt.»Offene Crack-Szenen sind in diversen Schweizer Städten zum Problem geworden. Eine benutzte Crack-Pfeife liegt auf einem Mauerrand in Brugg.Dominic Nahr / NZZDas Elend verwalten statt bekämpfenNicht so bei André Seidenberg. Im Gegenteil: Er hat, nach fruchtlosen Kontaktversuchen mit den Verantwortlichen, Strafanzeige gegen seinen Genfer Kollegen Daniele Zullino eingereicht.«Jede legale Drogenabgabe ist erst einmal eine Körperverletzung», sagt Seidenberg. Ausser es lasse sich belegen, dass sie der betroffenen Person einen individuellen medizinischen Nutzen bringe. Beim Heroin, für dessen legale Abgabe sich Seidenberg in den 1990er Jahren einsetzte, sei das der Fall gewesen. Beim Kokain sei das momentan nicht so.Nicht nur wegen der Wirkung der Droge, die viel schneller ein neues High verlangt – und sich damit nicht so leicht kontrolliert abgeben lässt wie das langsam wirkende Heroin. Sondern auch, weil erprobte und sichere Abgabeprodukte fehlten – so wie es für Heroin Methadon, Morphium oder Diaphin gibt.Der wichtigste Unterschied zu damals ist aus Sicht des Pioniers aber der: «Die Versuche werden nicht mehr medizinisch begründet, sondern gesellschaftspolitisch.» Seidenbergs Verdacht: Es gehe hier nicht um das individuelle Wohlergehen der Süchtigen – sondern darum, dass sie ihre Sucht auf weniger störende Art ausleben.Das Elend verwalten statt bekämpfen: Es ist eine alte Kritik – eine, die vor dreissig Jahren an Drogenärzte wie Seidenberg selbst gerichtet war, als dieser am Platzspitz mit der Abgabe von Heroin begann. Und die er damals vehement zurückwies.Diesmal aber, glaubt er, sei die Skepsis berechtigt. Dass man als Staat schädliche Substanzen in ungeprüfter Form abgebe, um Süchtige sozialverträglicher zu machen: «Es ist verbrecherisch! Illegal!»Die Suchtmediziner von heute hätten vergessen, wie gefährlich die Substanzen seien, die sie da abgeben wollten. Kokain erhöhe Risiken für Schlaganfälle und Herzinfarkte. In Gasform sei die Droge zudem für Schleimhäute, Atemwege und Lungen gefährlich.Dabei, glaubt er, gäbe es doch eine bessere Lösung.Spritzen mit Diaphin – medizinischem Heroin – in einer Suchtklinik.Annick Ramp / NZZLederjacke, Hawaiihemd – und HeroinWer André Seidenbergs Feldzug gegen seine eigene Disziplin verstehen will, muss zurückblicken. In die Zeit der offenen Drogenszene, die Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre im Zürcher Stadtzentrum zu Elend und Hunderten von Drogentoten führte. 2000 Süchtige. 10 000 saubere Spritzen und Nadeln pro Tag, von Ärzten und anderen Freiwilligen verteilt. 25 Notfälle wegen Überdosen, ebenfalls pro Tag. Das ist im «Needle Park» auf dem Platzspitzareal Normalität.Die Behörden kennen damals nur eine Antwort auf das Elend: Repression. Doch sie scheitern mit diesem einseitigen Ansatz. Es sind junge Ärzte wie Seidenberg – Querdenker, Rebellen, Idealisten, Provokateure –, die das Dogma der Abstinenz und die Politik der harten Hand damals infrage stellen. Und sich schliesslich durchsetzen.Sein Auftritt in Lederjacke und bunt gemustertem Hemd im Herbst 1993 ist legendär. Mit einem Fläschchen voll Heroinpulver in der Hand verkündete er damals den Start des ersten legalen Drogenabgabeprojekts für Süchtige.Heute werden solche Projekte von Professoren, Beamten und Politikern angekündigt. Bunte Hemden und Lederjacken sind in der Regel keine involviert. Aus Rebellion wurde politischer Konsens.Leidet Seidenberg daran, dass sein eigener Erfolg Figuren wie ihn überflüssig gemacht hat? Erträgt er es schlicht nicht, dass er nicht mehr gebraucht wird? Der Arzt seufzt. Das Gefühl, eine Art Auftrag zu haben, eine Mission – es sei ihm unangenehm. Es erinnere ihn an Christoph Blocher, den SVP-Politiker, den Seidenberg nicht sonderlich mag. Aber ja, ergänzt der Arzt dann, er kenne das Gefühl schon.«Ich nehme mir jedes Mal vor, wieder nichts zu sagen», sagt er. Und dann tue er es doch. Der wichtigste Grund dafür sei aber nicht er selbst, sondern eben die Erinnerung an seine «Geister» – die Toten von damals.«Wenn jemand als Folge seines Drogenkonsums stirbt, ist das ein unnötiger Tod.» Er habe Angst, dass Normalität werde, was nie eine werden dürfe, sagt Seidenberg. Er tönt dabei hilflos, ohnmächtig.Mitten in der Drogenkrise: Am 30. November 1993 präsentiert André Seidenberg mit der Mitstreiterin Sabine Geistlich das erste Projekt zur legalen Verschreibung von Betäubungsmitteln.Keystone«Zerstört bloss den eigenen Ruf»Die besten Gegenargumente gegen Seidenbergs Sorgen lieferte er selbst, mit seinen Ideen aus den 1990er Jahren. So sehen es seine Kritiker.Schadensminderung, Suchtdruck, Beschaffungskriminalität: Die Begriffe erhielten damals Konjunktur. Und zumindest die Öffentlichkeit nahm die legale Drogenabgabe damals ähnlich wahr wie heute: Sie wurde unterstützt, weil sie die Süchtigen von den Strassen brachte, den Dealern das Geschäft abgrub – und Räume schuf, in denen Therapie möglich wurde.Genau das also, was nun in Genf angestrebt wird.Der Versuchsleiter Zullino sagt: «Nur wenn wir den Schwerstabhängigen ein Angebot machen, das sie als ähnlich attraktiv und wirksam erleben wie das bisher Konsumierte, werden sie sich überhaupt auf uns und das Projekt einlassen.»Nur so wiederum sei der Aufbau von Vertrauen, ein Schritt in Richtung Therapie möglich. Und allein schon der Ausbruch aus dem Kreislauf von High, Geldbeschaffung, Deal und nächstem High sei für die Süchtigen ein Gewinn. Ihre Gesundheit, die Reduktion des Schadens, den sie sich selbst zufügten – das stehe für ihn und sein Team über allem anderen.Zu Seidenbergs Kritik will Zullino sich nicht im Detail äussern. «Absurd» seien die Argumente, durch Studien und die Erfahrungen der 1990er längst widerlegt. Sämtliche grossen Expertenorganisationen, von Sucht Schweiz bis zur Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen, unterstützten das Genfer Projekt.«André Seidenberg ist ein verehrter Kollege, ohne den es die heutige Politik der Risikoreduktion nicht gäbe. Gerade deshalb empfinde ich seine Aussagen als befremdlich. Sie entsprechen weder dem wissenschaftlichen Kenntnisstand noch dem, was wir im Rahmen dieses Projekts tatsächlich planen», sagt Zullino.Die verabreichten Produkte würden umfangreich getestet, um Gesundheitsschäden zu minimieren. Das Kokain, das aus kontrolliertem, legalem Anbau in Südamerika stamme, werde von einer spezialisierten Schweizer Apothekerfirma aufbereitet.Die Strafanzeige gegen ihn habe ihn deshalb überrascht. Sorgen mache er sich aber weniger um sich als um ihren Urheber. «Mit einem solchen Verhalten zerstört man bloss den eigenen Ruf.»Eine suchtkranke Person raucht Kokain in einem offiziellen Konsumraum der Stadt Lausanne.Jean-Christophe Bott / KeystoneKommt die Kokainabgabe auch in Zürich?Auch die Stadt Zürich prüft einen Versuch mit legalem Kokain. Ein Pilotprojekt für eine Studie ist seit längerem in Abklärung. Zum gegenwärtigen Stand schreibt die Stadt auf Anfrage, das Thema sei «nicht nur juristisch, sondern auch medizinisch komplex». Umfangreiche Abklärungen seien im Gang. Bis im Herbst soll ein Entscheid fallen.Den Versuch in der Romandie beurteilen die zuständigen städtischen Gesundheitsdienste positiv: «Die Stadt Zürich begrüsst das Genfer Projekt.» Nun gelte es, herauszufinden, ob man denselben Weg gehen wolle.Die Ironie der Geschichte: Erste Versuche mit legalem Kokain gab es in Zürich schon. In den 1990ern – unter massgeblicher Beteiligung von André Seidenberg.Damals wurde die Droge in Form von Zigaretten abgegeben. Wegen gesundheitsschädigender Nebenwirkungen musste die Abgabe abgebrochen werden.Warum will der Drogenpionier heute nicht, was er damals initiierte? Es sei nicht dasselbe, sagt Seidenberg. Er sei nicht gegen Abgabeversuche mit Kokain per se. Doch zuerst müssten möglichst sichere und kontrollierte Methoden zur Abgabe entwickelt werden.Statt Zigaretten schweben Seidenberg hier mittlerweile durch Fingerabdruck-Scanner gesicherte Inhalationssprays vor. Bis solche Produkte einsatzbereit seien, sei jeder legale Abgabeversuch ein Stochern im Dunkeln, glaubt der Arzt. Mehr noch: «eine Art Menschenversuch».Er will das nicht. Seinen Kollegen von damals und ihren Nachfolgern hat er das gesagt und geschrieben, oft schon. Vergeblich. Antworten gab es meist keine.Der Rebell, der zum Helden wurde, ist wieder Rebell geworden. Nur dass er sich wieder durchsetzen kann, ist diesmal alles andere als gewiss.Passend zum Artikel
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