Die Aktionäre von Volkswagen sind schlechte Nachrichten gewohnt, aber das heißt nicht, dass sie alles stillschweigend hinnehmen, im Gegenteil. Als sich Vertreter von Kleinaktionären und Fonds am Donnerstag per Videoschaltung in die virtuelle Hauptversammlung einwählen, ist ihr Unmut sprichwörtlich mit Händen zu greifen. Der Aktienkurs von VW sei auf „unterirdischem Niveau“, wettert etwa Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, der viele Anleger vertritt und sich von seinem Schreibtisch aus zuschaltet. Für Tanja Bauer von der Fondsgesellschaft Deka Investment spiegelt die Kursentwicklung das ganze Misstrauen der Börse wider: „Der Markt traut VW offensichtlich keine nachhaltige Trendwende zu.“Der Konzern steckt mitten im tiefgreifenden Umbau. In Deutschland fallen Zehntausende Stellen weg, im Schlüsselmarkt China droht der Abstieg, und in Amerika bremsen Trumps Zölle das ohnehin schwache Wachstum. All das hält die Anleger in Atem, die das letzte Mal vor drei Jahren physisch zusammengekommen waren, in einem Eventzentrum in Berlin. Damals schleuderte ein Teilnehmer ein Stück Torte auf den Vertreter der Großaktionäre, Wolfgang Porsche – und verfehlte ihn nur knapp. Mit dem digitalen Format schließt VW solche Risiken seither aus. Außerdem spart der Konzern erhebliche Kosten.Inhaltlich ändert das nichts am kritischen Ton. Für zusätzliche Unruhe sorgt am Donnerstag das jüngst bekannt gewordene Protokoll einer internen Befragung, in der etliche Vorstände das Unternehmen für „existenzgefährdet“ erklärt hatten. Zudem prangern Anleger gravierende Schwächen in der Struktur der Unternehmensführung an, der Corporate Governance. Moniert wird die mangelnde Unabhängigkeit des Aufsichtsrats, der von den Familien Porsche und Piëch, dem Land Niedersachsen, Qatar und der IG Metall dominiert wird. Dass am Vormittag kurzfristig bekannt wird, dass die einstige Rüstungsmanagerin Susanne Wiegand nach nur einem Jahr den VW-Aufsichtsrat wieder verlässt, trübt das Bild weiter. Denn für manche galt sie als seltene unabhängige Stimme.Der Governance-Fachmann Christian Strenger warnt in seinem Redebeitrag davor, dass VW wegen der vielen Schwächen in der Steuerung Konsequenzen drohen, weil etwa gegen Vorgaben des wichtigsten deutschen Aktienindex zur Besetzung von Schlüsselpositionen im Aufsichtsrat verstoßen werden könnte: „Wenn Sie das nicht ändern, dann werden Sie irgendwann noch aus dem Dax fliegen“, sagt er an die Adresse des Managements.Der Kurs der stimmrechtslosen VW-Vorzugsaktie, in die viele Anleger an der Börse investieren, hatte zuletzt nach einer leichten Erholung wieder nachgegeben. Am Donnerstag sank der Kurs weiter um drei Prozent auf etwa 84 Euro, weniger als zur Zeit des Dieselskandals vor etwas mehr als zehn Jahren. Das Management, das seine Beiträge am Donnerstag aus einem Filmstudio in München sendet, gibt zu, dass die Entwicklung nicht zufriedenstellend ist. Vorstandschef Oliver Blume macht deutlich, dass das Umfeld für weiter steigenden Druck sorgt: „Geopolitische Krisen belasten Märkte und Lieferketten“, sagt er. „Neue Zölle und Handelsbarrieren erschweren das Geschäft. Regulierung wächst und erhöht die Kosten. Märkte verändern sich schneller – oder brechen teilweise komplett weg.“Gleichzeitig will er deutlich machen, dass VW schon viel erreicht hat. Allein in dem organisatorischen Überbau des Konzerns, der Volkswagen AG – einschließlich der Geschäftsteile in Sachsen und des Werks in Osnabrück –, werde bis Jahresende die Belegschaft um 19.000 Stellen reduziert. In Summe seien schon 28.000 Austritte von Beschäftigten bis zum Jahr 2030 vereinbart, und der Abbau gehe weiter. 35.000 Stellen sollen in der Volkswagen AG wegfallen, inklusive der Tochtergesellschaften Audi, Porsche und Cariad sollen es 50.000 sein. Und derzeit verhandeln Management und Betriebsräte über weitere Einschnitte. An Standorten wie Emden, Hannover, Zwickau oder Neckarsulm fürchten Mitarbeiter um die Zukunft ganzer Standorte, auch wenn die IG Metall sagt, dass Werksschließungen mit ihr nicht zu machen sind. Mehr Klarheit wird Anfang Juli erwartet, wenn sich die Aufsichtsräte zu einer wichtigen Sitzung treffen. Man wolle dort „richtungsweisende“ Beschlüsse fassen, heißt es im Umfeld der Kontrolleure. Genaueres wird auf der Hauptversammlung am Donnerstag nicht bekannt.Die Anleger sehen aber weiter viele Risiken, auch weil sich das Tempo der Umbrüche immer weiter erhöht. Erst am Dienstagabend hatte BMW, ein Hersteller, der recht gut durch die Krise zu kommen schien, seine Prognose für das laufende Jahr gesenkt und Einsparungen angekündigt. An der Börse wurde das als Warnsignal aufgenommen, und auf der VW-Hauptversammlung wird die Frage aufgeworfen, ob der Wolfsburger Autohersteller wirklich schnell genug umsteuert.Schwieriges Pflaster: Volkswagen-Modelle in ChinaAFP„Der VW-Konzern ist eine Großbaustelle“, sagt etwa Janne Werning von der Fondsgesellschaft Union Investment in seinem Beitrag, in dem er das ganz unterschiedliche Abschneiden der verschiedenen Konzernmarken thematisiert. Die Volumenmarke Škoda verdiene gutes Geld, die einstigen Ertragsperlen Audi und Porsche seien dagegen ein „Sanierungsfall“, sagt er. Die VW-Welt stehe sprichwörtlich Kopf, und von der geplanten engeren Zusammenarbeit der Marken sei bislang viel zu wenig zu sehen. Dabei sei genau das ein Mittel, um schneller zu werden. Es brauche mehr Vereinfachung, mehr Fokus und mehr Synergien, so Werning: „Der VW-Konzern darf nicht an seiner eigenen Komplexität zugrunde gehen.“Auch die geplante Rüstungsproduktion am krisengeplagten Standort Osnabrück erregt die Gemüter. Dort soll eine Kooperation mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael Arbeitsplätze sichern, aber offenbar muss in der Sache noch viel geklärt werden, auch mit dem VW-Großaktionär Qatar, dessen Verhältnis zu Israel angespannt ist. Auf der virtuellen Hauptversammlung thematisiert eine Aktivistin des Umweltverbands Robin Wood auch das historische Missverhältnis, das aus ihrer Sicht droht, wenn der VW-Konzern mit seinen Ursprüngen im Dritten Reich nun wieder groß ins Militärgeschäft einsteigt.Noch größeren Raum als solche Grundsatzfragen für die Zukunft nimmt aber die Vergangenheit ein, konkret die Haftungsvergleiche mit den früheren Managern wie Martin Winterkorn und deren Versicherern zum Dieselskandal. Nachdem der Bundesgerichtshof den Beschluss einer früheren Hauptversammlung zu dem Thema aus formalen Gründen gekippt hatte, muss nun abermals abgestimmt werden. Die notwendigen Mehrheiten auf dem Aktionärstreffen sind dem Management gewiss: Fast alle Stimmrechte liegen in der Hand der Familien Porsche und Piëch, des Landes Niedersachsen und des Großaktionärs Qatar.
„VW darf nicht an der eigenen Komplexität zugrunde gehen“
Auf der Hauptversammlung machen Aktionäre ihrem Ärger über die Krise des Autokonzerns Luft. Es geht um Interessenkonflikte, verschachtelte Strukturen – und den Einstieg ins Rüstungsgeschäft.












