Die Börsen haben nur kurzzeitig und nicht überall mit Kursverlusten auf die Zinssitzung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) reagiert. Der Aktienmarkt in New York gab am Mittwoch im späten Handel nach, auch der Wechselkurs des Dollar zum Euro reagierte. Schon im asiatischen Handel dominierte dann aber wieder die Erleichterung über die Entspannung im Irankonflikt. Der deutsche Aktienindex Dax überschritt am Donnerstag bald nach Handelsbeginn sogar die Marke von 25.000 Punkten.Die Fed hatte am Mittwoch die Leitzinsen unverändert in einem Band zwischen 3,5 und 3,75 Prozent gelassen. Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh kam somit früheren Forderungen von Präsident Donald Trump nach einer Zinssenkung nicht nach. Warsh klang zudem in der Pressekonferenz nach der Zinssitzung „falkenhafter“, also stärker einer straffen Geldpolitik zugeneigt, als das viele Beobachter offenbar erwartet hatten.Wie der Anleihemarkt reagiertDie Renditen amerikanischer Staatsanleihen mit zwei Jahren Laufzeit stiegen spürbar auf 4,2 Prozent. Das signalisierte steigende Leitzinserwartungen an den Märkten. Die Renditen zehnjähriger Anleihen legten leicht zu auf 4,49 Prozent. Das zeigte eine vorsichtige Neubewertung des geldpolitischen Pfades. „Dass ultralange Renditen zugleich fielen, ist analytisch besonders wichtig: Ein glaubwürdigerer Inflationsbekämpfer senkt langfristige Inflationsrisikoprämien“, hob der Ökonom Edgar Walk vom Frankfurter Bankhaus Metzler hervor.Die Märkte seien „auf dem falschen Fuß erwischt worden“, meinte Carsten Brzeski, Ökonom der Bank ING. „Sie haben sich zu sehr von der fälschlichen Idee leiten lassen, dass Kevin Warsh einfach nur Befehlsempfänger von Donald Trump sei.“ Hätten sie sich mal seinen Lebenslauf angeschaut, hätten auch die Investoren an den Märkten sehen können, dass Warsh eigentlich ein geldpolitischer Falke sei.Die Reaktionen von Analysten fielen am Donnerstag sehr unterschiedlich aus. Die Interpretationen reichten von „Zinssenkung immer noch möglich“ (Hamburg Commercial Bank) über „Zinssenkungen werden im Basisszenario vermieden“ (Goldman Sachs Asset Management) bis hin zu „Makroökonomisch spricht vieles für eine weitere Straffung“ (Bankhaus Metzler).Ölpreis ist längst wieder gesunkenBemerkenswert war an der Entscheidung: Die Fed reagiert mit ihren falkenhaften Tönen ebenso wie die Europäische Zentralbank mit ihrer Zinserhöhung in der vergangenen Woche auf den Anstieg der Inflation. Dieser war primär eine Folge des höheren Ölpreises durch den Irankrieg. Durch das Rahmenabkommen in Nahost und den Plan für eine Öffnung der Straße von Hormus ist der Ölpreis aber mittlerweile wieder deutlich gesunken. Statt mehr als 100 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) für die Nordseesorte Brent beläuft er sich nur noch auf rund 79 Dollar.Die Investmentbank Goldman Sachs jedenfalls nimmt das so ernst, dass sie ihre Ölprognose kräftig nach unten korrigiert. Statt 90 Dollar erwartet sie im vierten Quartal nur noch einen Ölpreis von 80 Dollar. Die Prognose für den Durchschnitt im nächsten Jahr senkte sie von 80 auf 75 Dollar.Trotz des niedrigeren Ölpreises aber dürfte noch allerhand Preisdruck in der Pipeline sein; viele Unternehmen planen, als Folge der höheren Energiepreise ihre Verkaufspreise anzuheben. „Selbst wenn die Ölpreise rasch fallen sollten, dürfte die Inflation zumindest bis zum Ende dieses Jahres deutlich höher sein als vorm Krieg“, sagte Commerzbank-Ökonom Marco Wagner.Die Finanzmärkte aber haben ihre Erwartungen für Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) im Zuge der Entspannung im Nahen Osten gesenkt. Noch vor Kurzem war nicht nur eine weitere EZB-Zinserhöhung „eingepreist“ gewesen, wie die Analysten sagen, sondern auch noch eine dritte. Für diese wird jetzt die Wahrscheinlichkeit nur noch mit 50 zu 50 bewertet.Das Ende der „Forward Guidance“Mit Aufmerksamkeit wurde auch verfolgt, dass Warsh bereit ist, mit einigen Traditionen der Fed zu brechen. Vor allem gehöre dazu die Bereitschaft, den Finanzmärkten Ankündigungen bezüglich der zukünftigen Geldpolitik zu geben, hebt Karsten Junius hervor, Ökonom der Bank J. Safra Sarasin: „Diese sogenannte Forward Guidance wird es mit ihm nicht mehr geben.“ Entsprechend zurückhaltend sei Warsh auf der Pressekonferenz gewesen, die ökonomische Erklärung der Zinsentscheidung sei sehr reduziert gewesen. „Auch die dot plots, also die punktmäßigen Prognosen der Mitglieder des Offenmarktausschusses für die künftige Zinsentwicklung, wird er wohl abschaffen wollen“, sagte Junius. Entsprechend habe Warsh selbst diesmal keine eigene Prognose beigesteuert.Im Euroraum ist die Ausgangslage dabei etwas anders. In der EZB hatte die „Forward Guidance“ in der Niedrigphase unter Präsident Mario Draghi eine wichtige Rolle gespielt. Als die Zinspolitik aufgrund niedriger Zinssätze an ihre Grenzen geriet, waren die Ankündigungen ein beliebtes geldpolitisches Instrument gewesen. Sie können es aber erschweren, die Geldpolitik schnell zu wenden. Das war die Erfahrung in der Inflationswelle 2022. In jüngster Zeit hatte die Notenbank stets argumentiert, aufgrund der geopolitischen Unsicherheit nur „datenabhängig“ und „von Sitzung zu Sitzung“ zu entscheiden – und keinem festgelegten „Zinspfad“ zu folgen.„Dot plots“, also die schon erwähnten Prognosen einzelner Zentralbankratsmitglieder für die künftige Entwicklung der Zinsen wie in der Fed, gibt es in der EZB gar nicht. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte die Möglichkeit, so etwas einzuführen, vor einiger Zeit in die Strategiediskussion eingebracht. Offenkundig hatte ihr Vorhaben aber nicht die notwendige Unterstützung gefunden.Risiko stärkerer Finanzmarkt-SchwankungenEZB-Beobachter Marco Wagner von der Commerzbank jedenfalls meint, wenn Warsh jetzt „Forward Guidance“ und „dot plots“ abschaffe, mache er damit nichts vollkommen Ungewöhnliches: „Warsh nimmt sich die EZB zum Vorbild.“Hingegen warnt Junius von der Bank J. Safra Sarasin davor, dass mehr Überraschungen durch die Notenbank zu mehr Schwankungen an den Märkten führen könnten: „Transparenz erhöht das Vertrauen in die Geldpolitik und reduziert damit die Unsicherheit und letztlich die Volatilität an den Finanzmärkten.“ Gleichwohl habe sich zumindest die langfristige „Forward Guidance“ als nicht hilfreich erwiesen, meint Junius: „Diese wird es bei allen Zentralbanken so nicht mehr geben.“