Ein Fussballspiel kippt erst im Kopf - dann auf dem PlatzFussballspieler beflügeln einander oder reissen sich gegenseitig in den Abgrund. Das hat die Schweizer Nationalmannschaft schon einmal zu einem Sieg getragen. Was heute nicht in den Köpfen passieren sollte.18.06.2026, 12.20 Uhr7 LeseminutenArsenal London gegen den FC Everton, Saison 2019/20, Endergebnis 3:2: Jordan Pickford, Torwart des Verlierers, geht auf Tauchstation.David Klein / ReutersManchmal reicht schon ein verschossener Elfmeter, um ein Spiel zu kippen. 28. Juni 2021, National-Arena Bukarest, Europameisterschaft-Achtelfinal zwischen der Schweiz und Frankreich, 55. Spielminute. Der Schweizer Verteidiger Ricardo Rodríguez läuft an, um einen Strafstoss zu verwandeln. Ausgerechnet Rodríguez, stöhnt der Moderator. Der habe schon so viele Penaltys in der Nationalmannschaft vergeben. Und auch diesmal schiesst Rodríguez nicht das 2:0 gegen den grossen Favoriten, der Torwart hält.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bis zu diesem Zeitpunkt hat die Schweiz ein beeindruckendes Spiel gezeigt. Jeder läuft für den anderen, alle wissen, was sie zu tun haben. Kylian Mbappé, einer der französischen Stürmerstars, kommt kaum zum Luftholen; sobald er den Ball hat, sieht er sich drei bis vier Gegenspielern gegenüber.Den Franzosen dagegen steht die Arroganz ins Gesicht geschrieben. Mbappé und sein Kollege Karim Benzema scheinen es nicht für nötig zu halten, sich einen Schritt zu viel zu bewegen. Man ist ja schliesslich Weltmeister, geschätzter Mannschafts-Marktwert 1,52 Milliarden Euro. Die Schweizer dagegen bringen gerade einmal 332 Millionen zusammen.Schon fünfzehn Minuten nach dem Anpfiff haben die Franzosen das 1:0 hinnehmen müssen. Die Reaktion: beleidigte Gesichter. Dann verschiesst Rodríguez den Elfmeter – und plötzlich dreht sich das Spiel. Auf einmal drücken die Franzosen, die Schweizer schaffen es kaum noch, vors gegnerische Tor zu kommen.28. Juni 2021, EM-Achtelfinale Schweiz gegen Frankreich: Kylian Mbappé verliert die Lust am Spielen. Ständig stehen ihm zwei Schweizer, in diesem Fall Granit Xhaka (li.) und Manuel Akanji, auf den Füssen.Razvan Pasarica / ImagoDie Psyche kürt den SiegerFünf Jahre später sollte der Schweiz so etwas nicht mehr passieren. Wieder steht ein entscheidendes Spiel an, diesmal bei einer Weltmeisterschaft gegen Bosnien-Herzegowina. Mit einem mehr oder weniger identischen Team. Was nicht optimistisch stimmt: Die Stimmung in der Mannschaft gilt als angeschlagen. Die Nerven sind schon jetzt angegriffen.Bei dem Sportpsychologen Darko Jekauc könnte sich Trainer Murat Yakin erkundigen, was er seinen Spielern in den Trinkpausen einschärfen könnte. Auf welchen Gedankenfaden sie sich auf keinen Fall verirren sollten. Denn der versucht am Karlsruher Institut für Technologie herauszufinden, warum Spiele derart kippen. Was Mannschaften dazu veranlasst, sich gegenseitig in den Abgrund zu ziehen. Und umgekehrt: Wie sie sich zu Höhenflügen stimulieren.Solche Dinge können spielentscheidend werden. Denn wenn es um Sieg und Niederlage geht, so der Experte, sind Technik, Taktik und Athletik nicht die ausschlaggebenden Dinge. «Auf diesem Spitzenniveau unterscheiden sich Mannschaften oft nur geringfügig in diesen Bereichen», sagt er. Gerade in kritischen Phasen entschieden die psychologischen Faktoren.«Fussballmannschaften sind ein extrem komplexes und labiles System», sagt er. Manchmal beherrscht eine Mannschaft fast ein ganzes Spiel den Gegner und versucht Minuten später, nur noch die eigene Haut zu retten. Nicht weil die taktischen Pläne des Trainers nicht aufgehen, sondern weil sich in den Köpfen der Spielerinnen und Spieler etwas verändert. Weil auf einmal Emotionen wie Zweifel oder Angst von einem Team Besitz ergreifen.Erinnert sich noch jemand an das WM-Qualifikationsspiel Deutschland - Schweden 2012? Bis Mitte der zweiten Halbzeit gab es nur eine Mannschaft, die spielte: die Deutschen. In der 55. Minute schossen sie das 4:0, ein Stand, bei dem ein Match eigentlich abgehakt sein sollte. In der 63. Minute kassierten die Deutschen dann ein Gegentor und implodierten. 4:4 stand es am Ende.Paradebeispiel für einen Teamkollaps: 16. Oktober 2012, WM-Qualifikationsspiel. Johan Elmander und die Schweden lassen in der zweiten Hälfte die Deutschen um Toni Kroos alt aussehen.Thomas Eisenhuth / EPAIrgendwann fängt die ganze Mannschaft an zu zitternDie Emotionen können solche Kräfte entfalten, weil sie von einem Spieler auf den anderen überspringen. Bei den meisten Mannschaften, sagt Jekauc, geschehe bei einer Führung früher oder später dasselbe: Sie konzentriert sich nur noch darauf, das Ergebnis über die Zeit zu retten. Dadurch wird oft eine fatale Abwärtsspirale in Gang gesetzt. «Alle versuchen, die Katastrophe zu vermeiden, statt auf Sieg zu spielen – und dann fängt irgendwann die gesamte Mannschaft an zu zittern», sagt er.Es braucht nicht viel, um einem Team in einer solchen Situation endgültig den Halt zu rauben. Es muss nur noch etwas Unvorhergesehenes und Negatives passieren: ein gegnerisches Tor, eine Verkettung eigener Fehler, eine ungerechte Schiedsrichterentscheidung, eine Spielunterbrechung oder eben das Verschiessen eines eigenen Elfmeters.Wir schalten zurück nach Bukarest. Beim Spiel der Schweiz gegen Frankreich fällt zwei Minuten nach dem Elfmeter das 1:1, weitere zwei Minuten später führen die Franzosen. Spitze, Hacke, Doppelpass, auf einmal zeigen die Weltmeister wieder ihr fussballerisches Können. Auf den Rängen wird es immer stiller. In Minute 75 zirkelt der Mittelfeldspieler Paul Pogba das 3:1 in den Winkel.Der Zweifel springt vom einen auf den anderen überVanessa Wergin erforscht an der University of Queensland in Australien, warum selbst hochklassige Mannschaften regelmässig kollabieren. In Interviews mit gestandenen Profis hat sie herausgefunden, dass solche Krisen oft einem ähnlichen Drehbuch folgen. Am Anfang eines Leistungseinbruchs, sagt sie, stünden meist einige wenige Teammitglieder, die mit sich selbst haderten: Wie konnte das passieren? Das Grübeln spiegelt sich in ihrem Verhalten und ihrer Mimik wider. Die Schultern hängen herunter, sie trauen sich nicht mehr, mutige Pässe oder ein Dribbling zu riskieren.Der Mensch ist ein empathisches Wesen, deshalb macht das etwas mit den Mitspielern. «Sie sehen, der eigene Mannschaftskamerad läuft nicht mehr richtig, spielt plötzlich unmotiviert», sagt Darko Jekauc. Gleichzeitig merken sie, dass das eigene Spielsystem nicht mehr richtig funktioniert. Weil schon einzelne passive Fussballer die Abstimmung beim Decken und Attackieren des Gegners sabotieren.Und schwups, springt das Gefühl vom einen auf den anderen über: «Wir als Team funktionieren nicht mehr richtig, wir werden verlieren.» Aus den ein, zwei Spielern, die herunterschalten, werden drei, dann vier, bis sich schliesslich die gesamte Mannschaft infiziert.Die Zuschauer wirken als Emotionsverstärker«Das Faszinierende am Fussball ist, dass alle dasselbe fühlen», sagt Darko Jekauc. Schliesslich springt der Funke auch auf das Publikum über. Die Fans der einen Mannschaft werden ruhiger, die der anderen sind plötzlich lauter zu hören. Dadurch wirkt die Tribüne als eine Art Resonanzkörper, als Emotionsverstärker.Per GPS-Tracker hat Vanessa Wergin in einer Studie untersucht, wie sich diese psychischen Veränderungen auf die Laufleistung auswirken: «Die Spielerinnen und Spieler laufen in solchen Situationen des Teameinbruchs sehr viel weniger», sagt sie. Viele ständen nur noch herum, schauten sich an, keiner versuche noch, den Ball zu erobern. Laut ihren Ergebnissen spielt ein Team in solchen Momenten auch hektischer, was wiederum Chaos produziert.All das wirkt sich auf den Spielfluss aus, dasselbe gilt für die emotionale Ablenkung der Fussballer. Weil die sich stärker mit sich selbst beschäftigen, sinkt ihre Konzentrationsfähigkeit. Ihr Aufmerksamkeitsfokus verengt sich, sie schauen primär auf den Ball und weniger auf die Mitspieler. Ohne Übersicht ist es aber schwer, einen genialen Pass zu spielen. Die Kreativität geht verloren.Auch die eingeübten Automatismen stocken. «Wenn ich verkrampft und verkopft bin, dann wird es schwer, in Sekundenbruchteilen Entscheidungen zu treffen», sagt der Sportpsychologe Jekauc. Dann stoppt der Fussballer erst den Ball, statt ihn direkt weiterzuspielen.Jeder drückt sich, die Mannschaft zerfällt in ihre EinzelteileSolche nonverbalen Zeichen registriert unbewusst auch der Gegner. Er legt eine Schippe drauf und schafft es dadurch, noch mehr Fehler zu provozieren. Irgendwann, am Ende dieser Spirale, achtet jeder im kriselnden Team nur noch darauf, selbst keinen Fehler zu produzieren. Niemand will mehr Verantwortung übernehmen, die Mannschaft zerfällt in ihre Einzelteile.Schweiz gegen Frankreich, Minute 76. In Bukarest ist eine neue Wendung zu erleben. Die Schweizer spielen wieder. Hat sie der Torschütze Paul Pogba mit seinem arroganten Tänzchen nach seinem Tor provoziert? Wurde die Mannschaft durch zwei eingewechselte Spieler reanimiert? Die Franzosen haben jedenfalls zu früh gefeiert. 3:2 heisst es nach 81 Minuten, 3:3 nach 90 – «ich flipp aus», schreit der Reporter im Schweizer Rundfunk. Ein Spiel, das gleich zweimal kippt, das ist nicht oft zu erleben. Von einem Kollaps während des Spiels können sich Teams nur selten erholen.Aber Mannschaften können sich eben gegenseitig nicht nur in den Abgrund reissen, sie können sich auch zu Höhenflügen animieren. Ein sehr beeindruckendes Beispiel dafür gab es bei der Europameisterschaft 1992 in Schweden. Die Dänen hatten sich nicht einmal für das Turnier qualifiziert. Sie durften nur deshalb mitmachen, weil die Jugoslawen ausfielen. Am Ende wurde das Team Europameister. Die Dänen spielten sich in einen Flow, wie es der Sportpsychologe nennt. Einen Zustand der «extremen Fokussierung, in dem alles scheinbar ganz automatisch passiert», so Wergin.Überraschungssieger dank Hamburger-Diät und Betriebsklima: die Dänen bei der EM 1992 in Schweden.Michael KunkelFür den Halbfinal stärkten sich die Dänen mit Hamburgern bei McDonald’s, diese Anekdote wird gerne erzählt, um die lockere Stimmung im Team zu beschreiben: «Die Mannschaft konnte fast nicht enttäuschen», erinnert sich Darko Jekauc. «Sie spielte frei von belastenden Erwartungen.» In solchen Situationen traue man sich eben manchmal Dinge, die man normalerweise nicht wage.Ein gewagtes Dribbling, das gelingt, ein Kunstschuss, der den Weg ins Tor findet – reihen sich viele solche kleinen Erfolge aneinander, kann sich eine Mannschaft an den eigenen Fähigkeiten berauschen. Dann werden manchmal auch positive Gefühle wie Selbstvertrauen und Im-Moment-Sein von Spieler zu Spieler übertragen. «Die Kunst», sagt Jekauc, «ist dann, auf dieser Welle zu reiten und nicht nachzudenken.»Der entscheidende Faktor: die eigenen ErwartungenWie belastend hohe Erwartungen umgekehrt sein können, haben die Italiener 2026 in der Qualifikation zur Fussball-WM demonstriert. 1:4 nach Elfmeterschiessen gegen den Underdog Bosnien-Herzegowina und damit ausgeschieden. Dabei hatten die Italiener ab der 15. Spielminute eigentlich geführt. Dann kam eine rote Karte – und mit ihr das Nervenflattern.«Erwartungen bestimmen, wie eine Mannschaft emotional reagiert», sagt Jekauc. Die norwegische Mannschaft FK Bodö/Glimt hat daraus ihre Lehren gezogen. «Das Team hat über Jahre ein Mindset aufgebaut: Es wird nicht über das Ergebnis geredet. Es zählt nur die Leistung», so der Experte. Das hat sich ausgezahlt: In der vergangenen Champions-League-Saison stürmte der Verein aus der 45 000-Einwohner-Kommune als Nobody bis ins Achtelfinale und bezwang dabei Spitzenteams wie Inter Mailand, Manchester City und Atlético Madrid.Es gibt noch weitere Risikofaktoren, die Mannschaften verwundbar machen. Viele junge, unerfahrene Spieler sind ebenfalls ein schlechtes Omen, das Gleiche gilt für eine schlechte Vorbereitung aufs Spiel, Überbelastung oder zu viel Respekt vor dem Gegner. Aber auch – und davon können die Franzosen sicherlich ein Lied singen – für Selbstüberschätzung. Bei dem Spiel gegen die Schweiz, damals in Bukarest, verloren sie am Ende 4:5 nach dem Elfmeterschiessen.Passend zum Artikel