EU-Energiekommissar Dan Jørgensen hat die EU-Staaten nach der Einigung der USA und Iran auf ein Rahmenabkommen zur Vorsicht aufgerufen. „Die Energiekrise ist noch nicht vorbei“, sagte Jørgensen im Gespräch mit der F.A.Z. und vier anderen europäischen Medien. Selbst wenn die Einigung dazu führe, dass die Straße von Hormus dauerhaft für den Schiffsverkehr geöffnet werde, werde es beim Öl Monate und bei Gas Jahre dauern, bis das Lieferniveau vor dem Beginn des Irankriegs am 28. Februar erreicht werde.„Die Ölversorgung wird deutlich vor Jahresende wieder normal laufen“, sagte Jørgensen. „Bis die Gas-Infrastruktur in Qatar wiederhergestellt ist, werden aber mindestens zwei Jahre vergehen.“ Die Auswirkungen des Konflikts auf die Versorgung mit Düngern seien noch gar nicht abzusehen.Die Lage sei ernst gewesen, und sie sei es immer noch. „Ohne Einigung wäre den europäischen Fluglinien Ende des Sommers das Kerosin ausgegangen“, sagte Jørgensen. Es hätte dann noch staatliche Reserven gegeben. Die Verteilung wäre aber kompliziert gewesen.Irankrieg hat die EU 645 Millionen Euro am Tag gekostetJørgensen rief die EU-Mitgliedstaaten auf, die richtigen Schlüsse aus dem Irankrieg zu ziehen. Er sei nach der Energiekrise 2022 ein abermaliger Warnschuss gewesen. Der Irankrieg habe die EU jeden Tag 645 Millionen Euro gekostet. „Wir müssen die Abkehr von fossilen Quellen vorantreiben“, forderte Jørgensen. Dazu soll ein neues Elektrifizierungsziel beitragen. „Wir werden dazu Mitte Juli erste Vorschläge vorlegen“, kündigte der Kommissar an.Wie hoch dieses Ziel sein soll, ist nach Angaben von Jørgensen noch nicht entschieden. Es werde aber ein ehrgeiziges Ziel sein. Ebenso wenig ist klar, ob es nationale Ziele und/oder Ziele für einzelne Sektoren geben wird. Konkrete Vorschläge dazu werde die EU-Kommission nach dem Sommer vorlegen. So wie bisher könne es aber nicht weitergehen. Strom macht momentan 23 Prozent des Energiemix der EU aus. China und Japan hingegen seien auf dem Weg zu 30 Prozent, betont Jørgensen.Irankrise hat Elektrifizierung einen Schub verschafft„Im vergangenen Jahrzehnt sind wir bei der Elektrifizierung überhaupt nicht vorangekommen“, warnte Jørgensen. Das müsse sich bei der Mobilität ebenso ändern wie beim Wohnen und in der Industrie. Die nötige Technik dafür sei vorhanden.Bis Qatar wieder Gas liefern kann, werde es mindestens zwei Jahre dauern, warnt EU-Kommissar Dan Jørgensen.dpaDie Irankrise und die damit verbundenen höheren Energiepreise hätten der Elektrifizierung einen regelrechten Schub verschafft. „Die Nachfrage nach Elektroautos ist nach oben geschossen“, sagte Jørgensen. Erstmals sei in Ländern wie Deutschland die Nachfrage nach Elektroautos höher gewesen als nach Verbrennern.Nach Branchenangaben seien im ersten Quartal 2026 in der EU mehr als 500.000 Elektroautos zugelassen worden. Das senke den Ölverbrauch um zwei Millionen Barrel im Jahr, sagte Jørgensen weiter. Der Gesamtabsatz von Wärmepumpen für Privathaushalte in Frankreich, Deutschland und Polen sei im gleichen Zeitraum auf über 400.000 gestiegen. Das sei ein Anstieg von 25 Prozent verglichen mit dem ersten Quartal 2025.Die Menschen in Europa sind bereit für den Umstieg auf Strom„Die Menschen in Europa sind bereit“, sagte der Energiekommissar. „Sie erkennen die Zeichen der Zeit: Sie entscheiden sich für Strom.“ Es gebe aber immer noch zu viele Hürden für den Umstieg auf Strom. Die müsse die EU Sektor für Sektor und Land für Land adressieren.„Der Grüne Deal ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung“, betonte der Däne mit Blick auf die Energiepreise. Ob es um den nach wie vor wichtigen Kampf gegen den Klimawandel gehe oder die Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland und dem Nahen Osten, „die Medizin ist immer dieselbe“. Die EU müsse die heimischen erneuerbaren Energiequellen weiter ausbauen, fordert Jørgensen. Hätte die EU nicht vor Jahren damit begonnen, wären die Kosten des Krieges noch höher gewesen.Eine Herausforderung werde das Voranschreiten der Künstlichen Intelligenz (KI) sein. Um zu verhindern, dass der Ausbau der energieintensiven KI das Energiesystem überfordere, brauche die EU strikte Standards und Labels für den Energieverbrauch. Ziel müsse es sein, die Rechenzentren möglichst gut einzubinden. So könne man die Abwärme zum Heizen benutzen.