Thomas Müller wartet noch in einem Nebenraum. Aber die fast jugendlich wirkende Frau, die sie beim Deutschen Fußball-Bund offenbar als Einheizerin engagiert haben für diesen sehr besonderen Abend, macht ihre Sache derweil beachtlich. Tigert mit dem Handmikrofon über die Bühne im German House of Soccer, weiß offenbar, wie sie hier in New York die Leute mitnimmt. „Knicks in Five!“, ruft sie ohne erkennbaren Anlass – der Schlachtruf des frisch gekürten NBA-Meisters ist in der Stadt seit Tagen ein sicheres Stichwort für kollektiven Kontrollverlust. Auch wenn die mehrere Hundert Gäste heute nicht wegen des Basketballs hier sind.Viele haben ein Müller-Trikot übergezogen. Den ersten Gästen tut schon der Arm weh, weil sie seit Ewigkeiten das Handy in die Luft recken. Bloß nicht den Auftritt ihres Idols verpassen!Thomas Müller im Interview:„Ich bin eine Laune der Natur, die sehr lang andauert“Thomas Müller spricht über sein neues Leben in Vancouver, eine mögliche Rückkehr zum FC Bayern – und warum es keinen ehemaligen Fußballprofi gibt, der sagt: „Am Schreibtisch ist es jetzt aber viel geiler.“„Wo kommst du her?“, fragt die Einheizerin einen Jungen in der ersten Reihe auf Englisch. „China!“ – Und du? – „Peru.“ – „Und weißt du, wer ich bin?“ – „Nein.“ – „Ich bin die Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen, bis vor Kurzem war ich aber noch die deutsche Außenministerin.“Das war so nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Dass Annalena Baerbock, 45, sachlich korrekt als „Her Excellency“ angekündigt, im DFB-Vorprogramm für Thomas Müller einen für eine Excellency geradezu rampensaumäßigen Auftritt hinlegt. Aber es geht heute halt um diese Sache, die Baerbock, wie sie sagt, seit ihrem Umzug in die USA am meisten fehlt … „nein, nicht das Brot, wie viele meinen“: Es geht um Fußball! „Or as we say in German: die schönste Nebensache der Welt.“Zwar biegt Baerbock dann noch in eine Richtung ab, die sich nicht jedem im Saal sofort als Kritik an der Preispolitik der Fifa erschließt. Nämlich als sie die Leute auffordert, nicht nur Botschafter für universelle Werte zu sein, sondern auch „für die tollste deutsche Erfindung überhaupt, die 30-Euro-Eintrittskarte bei der Europameisterschaft in Deutschland“. Doch dann, endlich: Bühne frei für …„Und weißt du, wer ich bin?“ Annalena Baerbock, Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen, bestreitet auf der Bühne das Vorprogramm. Claudio CatuognoDa muss Steffen Simon, der Kommunikationschef des DFB, allerdings kurz die Bremse reinhauen. Es gilt ein Protokoll zu befolgen. Also noch schnell ein paar Fragen an den ehemaligen Footballer Markus Kuhn. Und an Roland Bischof, der den Preis, den Müller gleich entgegennehmen wird, 2011 erfunden und mit seinem Verein seither an Persönlichkeiten wie Rudi Gutendorf, Tina Theune und Jürgen Klopp verliehen hat, die den deutschen Fußball im Ausland auf besondere Weise vertreten haben. Die Leute werden jetzt wirklich unruhig, aber nun ist es zum Glück Steffen Simon, der zielsicher auf „den Höhepunkt des Abends“ hinführt … „die Laudatio des DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf“.„Wie viele Präsidenten habt ihr in Deutschland?“, ruft einer der vielen Müllers im Publikum.Gar nicht so einfach, im Herzen New Yorks eine angemessen deutsche Preisverleihung zu organisieren, bei der es feierlich zugehen und auch Dinge wie soziales Engagement erwähnt werden sollen. Und bei der es noch eine zweite Preisträgerin gibt, Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger, die aber leider nicht kommen konnte. Während das bemerkenswert internationale Publikum wirklich nur aus einem Grund hier ist (beziehungsweise sich draußen in der 11th Avenue, Ecke 28th Street die Nasen an der Scheibe platt drückt): um einen Blick auf ihr Soccer-Idol aus Germany zu erhaschen.Im Zweifel ein Blick durch die Scheibe: Deutsche Müller-Fans in New York. Claudio CatuognoNeuendorf jedenfalls sagt jetzt erst mal viele nette Dinge über Ann-Katrin Berger, ehe er sich thematisch nun wirklich dem Stargast zuwendet: „The One and Only Thomas Müller.“ – „Yeeeeeeeeeah“, hallt es durch den Saal. „Er kommt noch nicht, lassen Sie mich zunächst auch über ihn ein paar Worte sagen.“ – „Buuuuuh“, hallt es durch den Saal. Irgendwann, nachdem auch noch „the traditional Schafkopfturnier“ Erwähnung fand, dessen Einnahmen Müller jedes Jahr an eine Stiftung spendet, ist er dann tatsächlich da, der „Deutsche Fußballbotschafter 2026“.Ja, es hat ein bisschen gedauert. Doch nun wird die deutsche Dependance dieser Fußball-Weltmeisterschaft atmosphärisch endgültig zum Stadion. „Muller! Muller! Muller!“, rufen die Müllers aus aller Welt, was Muller, äh, Müller sogleich auf Müller-Weise zu berichtigen weiß: „Es heißt Müller. Wir haben in Deutschland diese verrückten Punkte auf den Buchstaben.“Und dann ist Thomas Müller auf der Bühne wie immer eine Bank. „Ich liebe Deutschland, und ich liebe die ganze Welt“, berichtet er. Und er wirkt geradezu dankbar, als er von dem Privileg erzählt, jetzt in Vancouver bei den Whitecaps spielen zu dürfen nach 25 Jahren beim FC Bayern. Sein Englisch wird immer besser, sein Weltbild weitet sich. Dass die deutsche Elf gar keine so schlechten Chancen hat, bei der WM weit zu kommen, sagt er auch noch. Dann muss er aber auch schon weiter, er ist ja in diesen Tagen ein viel beschäftigter TV-Experte.Die Müllers aus China und Peru hasten dann bald wieder raus auf die Straße und hinein in eine bestimmt fantastische New Yorker Nacht, schließlich hatte Müller ihnen zum Abschied noch diese Prophezeiung hinterlassen: „It’s getting lustig later.“ Bis hierhin war’s das allerdings auch schon.