PfadnavigationHomeGesundheitSommerhitze„Zwei bis drei Kilo weniger sprechen für deutlichen Flüssigkeitsmangel“Stand: 06:50 UhrLesedauer: 6 MinutenPro Stunde kann der Körper nur eine begrenzte Menge an Flüssigkeit sinnvoll verwendenQuelle: Getty Images/MariyariyaDie erste Hitzewelle des Jahres rollt an. Und damit drohen körperliche Belastungen bis zum Herzinfarkt. Was die Hitze für den Körper wirklich so gefährlich macht und wie Sie sich schützen.Es wird heiß in Deutschland: Über mehrere Tage hinweg sollen die Temperaturen deutlich über 30 Grad klettern, teilweise werden Wüstentage mit 35 Grad und mehr erwartet. Das heißt nicht nur: Zeit für Freibad, Eis und Biergarten. Gleichzeitig bricht auch eine belastende und mitunter gefährliche Zeit für Ältere, Kinder, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen an. Was ist das Problem? „Insgesamt gehört Hitze heute neben den Luftschadstoffen bereits zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland und weltweit“, betont die Epidemiologin Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München. Die Gefäße erweitern sich, was den Blutdruck senkt und dafür sorgt, dass das Herz schneller und stärker pumpen muss. Bei Vorerkrankten steige das Risiko für Herzinfarkt, Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz, so Schneider. Durch Schwitzen drohe auch Dehydration – also Flüssigkeitsmangel –, was wiederum einen Kreislaufkollaps oder Thrombosen begünstigen könne. Durch das Schwitzen gehen zudem wertvolle Mineralstoffe verloren, die der Körper für seine Stoffwechselprozesse benötigt.Lesen Sie auchJens-Oliver Pokorny, von Juli an Chefarzt des Zentrums für klinische Notfall- und Akutmedizin an der Asklepios Klinik in Hamburg-Wandsbek, warnt: „Man darf nicht vergessen, dass unser Körper die Flüssigkeit benötigt, um lebenswichtige Funktionen aufrechtzuerhalten. Im Falle eines Flüssigkeitsmangels klagen die Patienten häufig über Kopfschmerzen, Schwindel, Kreislaufprobleme, Müdigkeit und allgemeines Unwohlsein.“ Lesen Sie auchSein dringender Rat: „Bei zunehmenden Beschwerden – insbesondere bei Bewusstseinsstörungen, Atemnot oder Verwirrtheit – sollte ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden.“Wer muss besonders aufpassen? Besonders gefährdet seien neben Herzpatienten auch Menschen mit Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes sowie neurologischen Erkrankungen wie Demenz, betont Schneider. Und: „Ältere Menschen sind insgesamt am anfälligsten, da ihre Anpassungsfähigkeit an Hitze und ihr Durstempfinden oft eingeschränkt sind.“ Der Geriatrie-Forscher Kilian Rapp vom Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart fügt hinzu: Das Aufsuchen kühlerer Räumlichkeiten oder mehr zu trinken sei bei extremer Hitze naheliegende Reaktionen. „Personen, die ans Bett gebunden oder dement sind, sind zu so elementaren Maßnahmen nicht mehr in der Lage.“Lesen Sie auchNeben Alter und Gesundheitszustand spielt auch eine Rolle, wie Menschen wohnen. „Wenn Personen in höheren Wohnetagen oder allein leben, erhöht sich das Risiko“, erklärt Rapp. Ebenso ist Hitze für Schwangere eine enorme Belastung, etwa weil sich die Durchblutung der Gebärmutter verändert und dies den Schwangerschaftsverlauf beeinflussen kann, wie Petra Arck vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklärt. Nicht zuletzt gehören auch Kinder zu den Risikogruppen – „weil sich ihr Körper noch entwickelt, sie mehr Zeit im Freien verbringen und sie im Verhältnis mehr körperlich aktiv sind und eine höhere Atemfrequenz haben als Erwachsene“, erklärt Marie Standl vom Helmholtz Zentrum München.Wie tödlich ist Hitze? Hitze wird oft als „stiller Killer“ bezeichnet – auch, weil sie selten direkt als Todesursache in die Statistiken eingeht. Stattdessen modellieren Institutionen wie das Robert-Koch-Institut (RKI) oder das Umweltbundesamt die sogenannte Übersterblichkeit: Das heißt, sie erfassen, wie viele Menschen im konkreten Zeitraum einer Hitzeperiode gestorben sind und inwieweit dies die Todeszahlen in einem ähnlichen Zeitraum ohne Hitze übersteigt. Lesen Sie auchSo schätzt das RKI, dass im Jahr 2025 rund 2500 Menschen hitzebedingt gestorben sind. In noch deutlich heißeren Sommern wie 2022 und 2023 lag diese Zahl schon um ein Vielfaches höher. Die Übersterblichkeit in der Bevölkerung bei Hitzewellen ist fast ausschließlich auf Ältere und gebrechliche Menschen zurückzuführen.Was ist die Todesursache bei Hitze? Veronika Huber vom Institut des Spanischen Nationalen Forschungsrats in Sevilla weist darauf hin, dass nur ein kleiner Teil dieser Toten auf nachgewiesene Hitzschläge zurückgeführt wird. Die häufigsten, in Statistiken festgehaltenen hitzebedingten Todesursachen seien Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen.Doch die Todesfälle sind nur die Spitze des Eisbergs: Etliche Leiden verschlechtern sich bei Hitze oder ihr Risiko steigt. Dazu gehören etwa ein höheres Risiko für Schlaganfälle und Migräne sowie eine Verschlechterung der Symptome bei Multipler Sklerose, Epilepsie und Demenz, wie die Neurologin Ameli Breuer von der Berliner Charité erklärt. Wie sehr belastet Hitze alle anderen?Ganz spurlos gehen die Auswirkungen an den wenigsten Menschen vorbei. Sebastian Karl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim betont: „Wahrscheinlich hat jeder schon mal am eigenen Leib erlebt, wie sich Hitze auf die psychische Gesundheit auswirken kann: Wir können uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer oder sogar aggressiv.“ Man könne Hitze als zusätzlichen Stressfaktor begreifen, mit dem unser Gehirn umgehen müsse. Auch steige das Risiko für psychische Erkrankungen.Als besonders belastend gelten tropische Nächte – also Nächte, bei denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Auch dies kann die psychische Verfassung oder auch die Leistungsfähigkeit am folgenden Tag beeinträchtigen.Lesen Sie auchHans Knoblauch von der Psychiatrie am Universitätsklinikum Ulm ergänzt: „Bei Hitze reagieren Menschen potenziell schneller gereizt, was sich unter anderem in einer Zunahme von häuslicher Gewalt, Fouls beim Sport und aggressiverem Fahrverhalten im Verkehr niederschlagen kann.“ Das könnte auch bei der laufenden Fußball-WM eine Rolle spielen: Die erwartete Hitzebelastung an den Spielorten des Turniers gilt Forschern zufolge als außergewöhnlich hoch. Steht Deutschland ein Hitzesommer bevor?Hitzewellen werden durch den Klimawandel zwar generell häufiger und intensiver, doch konkrete Hitzewellen lassen sich erst kurzfristig vorhersagen. Aber: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht mit leichter Tendenz von einem Sommer aus, der wärmer sein wird als der Durchschnitt der Sommer im Zeitraum von 1991 bis 2020.Amelie Hoff aus dem Klimavorhersage-Team des DWD sagt: „Unsere aktuelle saisonale Klimavorhersage zeigt eine Wahrscheinlichkeit von rund 62 Prozent für mehr heiße Tage, also Tage mit einer Maximumtemperatur über 30 Grad, im Vergleich zum Durchschnitt von 1991 bis 2020.“ Dies bezieht sich auf den Zeitraum Juni bis August. Das ist wenig überraschend. Durch den Klimawandel hat sich Deutschland bereits um rund 2,5 Grad erwärmt – deutlich stärker als der globale Durchschnitt. Wie kann man sich schützen?Auf leichte Kost umsteigen mit viel Gemüse, Fisch und Obst. Und nicht zu viel auf einmal trinken. Pro Stunde kann der Körper nur 500 bis maximal 1000 Milliliter Flüssigkeit aufnehmen und sinnvoll verwerten. Am besten über den Tag verteilt jede Stunde ein Glas Wasser trinken – auch wenn Sie noch keinen Durst haben. Lesen Sie auch„Bei hohen Umgebungstemperaturen kann der Körper selbst in Ruhe pro Stunde etwa 500 bis 700 Milliliter Flüssigkeit über Schweiß verlieren – oft unbemerkt“, erklärt Hanns-Christian Gunga von der Berliner Charité. Als Check helfe es, sich zu wiegen. „Ein Gewichtsverlust von zwei bis drei Kilogramm an einem heißen Tag spricht für deutlichen Flüssigkeitsmangel.“Nicht in die pralle Sonne zu gehen, luftige Kleidung und möglichst eine Kopfbedeckung zu tragen, können helfen. Ungewohnte körperliche Anstrengungen sollten vermieden, Sport und Gartenarbeit sollten in die frühen Morgenstunden verlegt werden.Schützen kann, die Wohnung möglichst kühl zu halten, etwa durch Verdunklung mit Rollläden oder Markisen außen. Nächtliches Lüften kühlt die Wohnung und bringt Frischluft.Zudem ist nicht nur jeder Einzelne gefragt, sondern auch die Politik muss die Bevölkerung schützen: Kommunen sind aufgerufen, Hitzeaktionspläne – etwa mit Blick auf Stadtgestaltung und Schutzangebote – vorzulegen. Dabei gibt es laut Experten noch großen Nachholbedarf.dpa/dia