Der bodenständige Rene Haas: CEO des Chipdesigners ARM, Ingenieur, Stratege und dank Superbonus wohl bald MilliardärEr ist der grosse Unbekannte im KI-Zirkus: Seit Rene Haas ARM führt, erlebt der britische Konzern einen Boom. Aber im Gegensatz zu den exzentrischen Tech-Gurus kennt ihn kaum jemand.18.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenRene Haas bei einer Rede zum Thema KI am 3. Februar 2025 in Tokio.Tomohiro Ohsumi / GettyRene Haas, der Chef des britischen Chipdesigners ARM, könnte dank einem Bonus bald Milliardär werden. Der an der US-Tech-Börse Nasdaq kotierte Konzern hat ihm ein Aktienpaket im Wert von 100 Millionen Dollar in Aussicht gestellt, wenn ARM bis 2029 einen Marktwert von 1 Billion Dollar erreicht. Knackt das Unternehmen bis 2031 die 2-Billionen-Grenze, steigt der Bonus auf 800 Millionen Dollar. Gegenwärtig beträgt der Marktwert von ARM über 400 Milliarden Dollar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Haas, dessen Vermögen auf etwa 100 Millionen Dollar geschätzt wird, hat gute Chancen, die für europäische Verhältnisse gewaltige Summe einzustreichen. Denn seit ARM 2023 an die Börse ging, hat sich der Wert des Unternehmens dank dem KI-Boom verachtfacht.Pragmatischer Ingenieur statt abgehobener Tech-GuruAuch wenn Haas weniger im Scheinwerferlicht steht als andere Tech-Exponenten, gilt er als eine der wichtigsten Figuren im Silicon Valley und in der KI-Welt.«Time» zählte ihn letztes Jahr zu den hundert wichtigsten Persönlichkeiten der Welt. 70 Prozent der Weltbevölkerung benutzten Prozessoren, die auf der ARM-Architektur basierten, schrieb das Magazin, sei es in Smartphones, Computern, Elektrofahrzeugen, Fernsehern oder Thermostaten. Aber weil ARM seine Designs hauptsächlich als Lizenzen an andere Technologiefirmen wie Apple oder Samsung verkauft, ist der Name der Firma kaum bekannt.Haas wurde 1962 in der Nähe von New York geboren. Sein jüdischer Vater war in den 1930er Jahren aus Deutschland nach Portugal geflohen und von dort mit seiner portugiesischen Frau in die USA ausgewandert, wo er als Forscher für Xerox tätig war.1980 bis 1984 studierte Haas Elektrotechnik und arbeitete nach seinem Abschluss in verschiedenen technischen Abteilungen der Halbleiterindustrie. Unter anderem war er Produktingenieur bei Texas Instruments sowie in Entwicklungsabteilungen bei Xerox und dem Elektronikkonzern NEC tätig, wo er sich praktische Kenntnisse in Hardware-Design aneignete.Dieser Hintergrund ist wahrscheinlich wichtig für seinen späteren Erfolg. Haas wohnt zwar mit seiner Familie im Silicon Valley, unterscheidet sich jedoch fundamental vom typischen Tech-Guru. Er kommt nicht von der Informatik und interessiert sich auch wenig für theoretisch abgehobene Menschheitsvisionen. Das Protzen mit Superjachten und Privatflugzeugen ist ihm fremd. Fern jeder Exzentrik und Egozentrik gilt er als bodenständiger, kommunikativer Pragmatiker, dem man die langjährige Praxis als Ingenieur und seine Tätigkeit im Vertrieb anmerkt. Er hatte – vor allem in früheren Jahren – den Ruf eines aufmerksamen, kritikfähigen Zuhörers und meisterhaften Strategen, wenn es darum ging, komplexe technologische Entwicklungen in Marktchancen zu übersetzen.Geprägt durch Jensen HuangErst ab 2000 bildete er sich an Spitzenuniversitäten wie der Stanford Graduate School of Business weiter und wechselte von der technologischen Seite ins Management. Bis 2004 leitete er den weltweiten Vertrieb bei Tensilica, einem Entwickler konfigurierbarer Prozessoren, anschliessend hatte er dieselbe Position beim Halbleiterunternehmen Scintera Networks inne.Im Nachhinein beschrieb er die Jahre bei diesen kleineren Startups im Silicon Valley als frustrierend. Trotz 80-Stunden-Wochen sei man oft kaum vorwärtsgekommen. Er habe dabei gelernt, dass auch eine noch so geniale Technologie ohne passenden Markt wertlos sei.Der entscheidende Karriereschritt passierte dann 2006, als er General Manager im Bereich Computing Products beim Grafikprozessor-Konzern Nvidia wurde, wo er direkt dem Gründer Jensen Huang unterstellt war. Dort prägte er während sieben Jahren den Übergang zu modernen Notebook- und Desktop-Plattformen.Nach eigenen Aussagen haben Haas die Jahre bei Huang tief geprägt. Vor allem der Tempo-Kult hat ihn mitgerissen. Heute ist Haas selbst berühmt-berüchtigt für seine blitzschnellen Entscheide und Kehrtwenden. Das macht ihn zum idealen Akteur im rasanten KI-Markt, trägt ihm aber auch den Ruf ein, zunehmend kompromisslos und rücksichtslos zu werden.Schwieriger Start bei ARM2013 wechselte Haas zum in Cambridge, Grossbritannien, ansässigen Unternehmen ARM, wo er rasch aufstieg. Sein Augenmerk lag auf der Diversifizierung des Produktportfolios. Unter seiner Führung expandierte die Firma über das Smartphone-Geschäft hinaus in die Märkte für Rechenzentren, die Automobilindustrie und das «Internet der Dinge». Von 2017 bis 2022 war Haas Präsident der IP-Produktgruppe.In diese Zeit fällt eine skurrile Episode. 2020 kündigte die Zentrale dem Chef der Tochtergesellschaft ARM China, Allen Wu. Doch Wu weigerte sich schlichtweg, zu gehen. Das war möglich, weil er immer noch über das physische Firmensiegel («Company Chop») verfügte, das in der chinesischen Geschäftswelt eine wichtigere Bedeutung als die Unterschrift spielt. Wer über diesen Stempel verfügt, mit dem buchstäblich alle Geschäfte besiegelt werden, gilt als rechtmässiger Vertreter der Firma. Damit hatte Wu weiterhin exklusiven Zugriff auf die Geschäftskonten. Mithilfe einer Sicherheitsfirma machte er das Hauptquartier zu einer Art Festung, wo das Siegel in einem Safe lag; den ausländischen Direktoren wurde der Zutritt verwehrt. Zwei Jahre musste Haas investieren, um die absurde Situation aufzulösen und die Kontrolle über das Chinageschäft zurückzugewinnen.2022 kam es zum Knall. Die lange geplante, 40 Milliarden Dollar schwere Übernahme von ARM durch Nvidia scheiterte an der Kartellaufsicht. Softbank, die japanische Muttergesellschaft von ARM, setzte den CEO Simon Segars, der für den Verkauf verantwortlich gewesen war, ab. Praktisch über Nacht wurde Haas als neuer Chef eingesetzt. Zeit für eine Einarbeitung hatte er nicht. Er musste die Firma radikal umgestalten und schnellstmöglich auf einen Börsengang ausrichten.Wegen der finanziellen Schieflage senkte er die Kosten radikal und entliess fast einen Zehntel des Personals. Kritiker warfen ihm vor, den kalten Hire-and-Fire-Stil aus den USA nach Grossbritannien zu bringen.Bereits am 14. September 2023 führte Haas die Firma dann im grössten Börsengang des Jahres an die New Yorker Technologiebörse Nasdaq zurück. Er erklärte später in Interviews ungewohnt emotional, wie er als junger Ingenieur aus dem ländlichen New York ins Silicon Valley gekommen war mit dem vagen Traum, «irgendwann mal bei einem coolen Startup zu arbeiten». Dass er dereinst an der New Yorker Börse die Glocke läuten würde, um einen der wichtigsten Tech-Börsengänge anzuführen, beschrieb er als surrealen Moment tiefster Genugtuung.«Es gibt keine heiligen Kühe»Bereits in den nächsten Monaten begann die konsequente – und höchst erfolgreiche – Neuausrichtung von Arm als Rechenplattform für KI.Er änderte die Betriebskultur radikal und setzte auf Risiko. In einem Interview beschrieb er seine anfängliche Irritation, weil bei ARM, einem typisch britischen, vorsichtigen Unternehmen, bei neuen Projekten zuerst tagelang darüber diskutiert wurde, was alles schiefgehen könnte. Haas kehrte den Prozess um, betrachtete Fehler als unumgängliche Nebenprodukte von Innovation und forderte Mut zur Lücke. Er spricht gerne davon, es gebe keine heiligen Kühe, und man müsse jederzeit bereit sein, auch langfristige Pläne über Bord zu werfen, wenn sich die Situation ändere. Die Kehrseite ist ein profitorientierter Opportunismus: Partnerschaften zählen für ihn so lange, wie sie ihm nützen.Als Beispiel für eine radikale Abkehr von der bisherigen Strategie entwickelte ARM den ersten eigenen Chip, der vor drei Monaten unter dem Namen Arm AGI CPU auf den Markt kam. Einige erachten das als leichtsinnig, weil ARM damit vom Zulieferer zum Konkurrenten seiner wichtigsten Kunden wird. Ein jahrelang aufgebautes Vertrauen wird damit aufs Spiel gesetzt.«Die Welt bewegt sich heute in Lichtgeschwindigkeit», sagte Haas demgegenüber kürzlich in einem Interview. «Wenn du als Unternehmen versuchst, jedes Risiko im Vorfeld zu hundert Prozent abzusichern, bist du bereits irrelevant, wenn dein Produkt endlich auf den Markt kommt. Schnelligkeit schlägt Perfektion.»In seinem Podcast «Tech Unheard», in dem er die verschiedensten Leute interviewt, variiert er immer wieder sein Credo «Make original mistakes». Sinngemäss: Wenn du schon Fehler machst – was unvermeidlich ist, wenn du etwas Neues versuchst – dann wiederhole wenigstens nicht einfach die alten, sondern mache neue, originelle Fehler.Passend zum Artikel
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