Influencer der Einsamkeit: Sie zelebrieren das Alleinsein – vor einem MillionenpublikumEin Freitagabend ohne Freunde? Influencer zeigen auf Social Media ihren Alltag ohne soziale Kontakte. In einer Welt, in der immer mehr Menschen über Einsamkeit klagen, stossen sie auf viel Zuspruch.18.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWie gestaltet man trotz fehlenden Freunden seinen Alltag? Influencer zeigen auf Social Media, wie das aussieht.LFL via ImagoWer durch die Feeds der Influencer in den sozialen Netzwerken scrollt, hat manchen Grund zum Neidischwerden. Auf Tiktok, Instagram oder Youtube wird einem das perfekte Leben präsentiert. Nachtessen in einem edlen Restaurant mit herrlicher Aussicht hier, Reisen an die schönsten Orte der Welt dort, und wie man Kinder, Haushalt, sozialen Austausch und Liebesleben ohne Probleme unter einen Hut bringt, da.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit einiger Zeit gibt es jedoch auch Influencer, die mit etwas erfolgreich sind, auf das auf den ersten Blick niemand neidisch sein kann: ein Leben ohne Freunde. Sie zeigen in ihren Videos Ausschnitte aus ihrem Alltag ohne oder mit sehr wenig sozialen Interaktionen. Sie zelebrieren das Alleinsein und die Einsamkeit. Damit treffen sie bei Leuten, die sich damit identifizieren können, offenbar einen Nerv.Denn Einsamkeit ist weltweit zunehmend verbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) publizierte letztes Jahr einen Bericht, laut dem weltweit jeder sechste Mensch von Einsamkeit betroffen ist. In der Schweiz fühlen sich laut Daten des Bundesamts für Statistik (BfS) von 2022 zwei Fünftel der Bevölkerung manchmal oder oft einsam. In Deutschland fühlt sich laut einer Erhebung von 2022 jede sechste Person häufig einsam. Jüngere Personen sind dabei eher betroffen als ältere.Schonungslose EinsamkeitZu den Einsamkeitsinfluencern gehört die 24-jährige Lana Isa, die auf ihrem Kanal auf Instagram knapp 200 000 Abonnenten hat. Sie lebt in Kanada im Grossraum Toronto und arbeitet in der IT-Branche, fast immer im Home-Office.Ihre Videos tragen Titel wie «POV: Du hast keine Freunde und lebst alleine, also verbringst du so deinen Freitagabend» oder «POV: Du bist eine Single-Frau, die alleine lebt und keine Freunde hat, also gehst du um 10 Uhr 04 einkaufen.» «POV» steht dabei für «point of view», also einen bestimmten Blickwinkel.In ihren Videos nimmt Isa die Zuschauer zu sich nach Hause und zeigt, wie sie den Tag verbringt. Sie steht auf, liest, geht einkaufen, isst Pizza und schaut Serien. Unterlegt mit dezenter, ruhiger Musik, die Raum für die vielen Töne wie das Klimpern der Schlüssel, das Knistern der Verpackung und das Auf- und Zugehen von Türen lässt. Alles sieht gemütlich und kuschelig aus. Beim Zuschauen breitet sich eine wohlige, behagliche Stimmung aus.In einer anderen Art von Videos verlässt Isa die eigenen vier Wände und geht alleine in ein Restaurant. «POV: Du hast keine Freunde und lebst alleine, also führst du dich selbst auf ein Abendessen am Samstagabend aus», heisst das dann. Am Tisch stellt sie ihre Kamera sich gegenüber auf und filmt sich beim Essen, wobei sie das Essen und ihre Umgebung kommentiert. Oder sie geht alleine ins Kino, in eine Bücherei oder erkundet die Stadt.Während Isa in vielen Videos zufrieden wirkt, zeigt sie sich in einigen Momenten auch verletzlich. In einem Video nimmt sie die Zuschauer mit ins Spital, das sie wegen starker Zahnschmerzen besuchen muss. Alleine, ausgestattet mit Malbuch und kuscheliger Decke, um die Wartezeit im Notfall zu überbrücken. Oder sie geht auf eine Cocktailparty und filmt sich dabei. Es ist Isa anzusehen, dass es sie grosse Überwindung kostet, hier mit so vielen Leuten zu interagieren. Auch an ihrem (einsamen) Geburtstag lässt Isa die Zuschauer teilhaben, Tränen inklusive.Viel Zuspruch in den KommentarenMit ihren Videos zeigt Isa, dass auch ein einsames Leben lebenswert ist. Und man damit auch zufrieden sein kann. Ihre Videos stossen auf viel Zuspruch. Viele Nutzerinnen und Nutzer können sich mit Isas Alltag identifizieren. In den Kommentaren bedanken sie sich, dafür, dass Isa ihr Leben normalisiere. «Ich fühle mich gesehen», schreibt eine Nutzerin unter ein Video.Aber nicht nur introvertierten oder einsamen Menschen scheinen die Videos zu gefallen. Bei den Kommentaren unter den Videos finden sich auch viele Nutzerinnen und Nutzer, die in der Einsamkeit etwas Friedliches, Erstrebenswertes sehen. Keine (sozialen) Erwartungen, die man erfüllen muss. Die Freiheit, zu tun und zu lassen, was man gerade will. Einfach mal die Seele baumeln lassen.Isa selbst sagt dem Magazin «The Cut»: «Ich habe nie versucht, das Leben ohne Freunde zu romantisieren.» Sie habe lediglich versucht, das Beste aus ihrer gegenwärtigen Lebensphase zu machen. Ihr einsames Leben begann in den Covid-Jahren. Frisch aus dem Studium, begann sie zu arbeiten und zog dafür in einen anderen Landesteil. Nach und nach verlor sie den Kontakt zu ihren Freunden.Der Tiefpunkt sei im Sommer 2024 gewesen, als sie ausserhalb von Videoanrufen mit ihren Arbeitskollegen kaum soziale Interaktionen hatte. «Das war wahrscheinlich die einsamste Zeit meines Lebens», sagte Isa dem Magazin. Die einzigen Nachrichten erhielt sie von ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrem Telefonanbieter, der sie über die jüngste Rechnung informierte.Isa begann daraufhin, ihren Alltag aufzunehmen und auf Social Media zu teilen. Und wegen der vielen Reaktionen machte sie weiter.Social Media: Gift oder Medizin?Isa ist nicht die einzige Influencerin, die ihr Alleinsein in den sozialen Netzwerken zeigt. Erfolgreich ist auch Paulina Cee aus New York, die auf ihrem Kanal knapp 300 000 Abonnenten hat. Ihre Inhalte gleichen denen von Isa, einfach mit einer Katze als Zugabe. Oder Noe Murillo aus Los Angeles, der mehr als eine Million Abonnenten hat. Sein Hauptmerkmal ist, dass er alleine auf Dates geht und dabei immer ordentlich zuschlägt.Der Erfolg der Influencer ist nicht ohne Ironie. Laut der WHO sind gerade Social Media ein Faktor, der zu Einsamkeit führt. Die Kommunikation über Gesichtsausdrücke, Körpersprache, Stimmen und Schweigen gehe verloren, es werde immer mehr über Handys und soziale Netzwerke kommuniziert.Die Influencer zeigen ihre Einsamkeit und durchbrechen damit ihr Alleinsein. Und umgekehrt finden einsame Menschen bei ihnen Trost. Auf den Social-Media-Kanälen haben sie alle den Austausch, den sie im physischen Leben vielleicht vermissen.Passend zum Artikel
Influencer der Einsamkeit: Sie zelebrieren das Alleinsein – vor einem Millionenpublikum
Ein Freitagabend ohne Freunde? Influencer zeigen auf Social Media ihren Alltag ohne soziale Kontakte. In einer Welt, in der immer mehr Menschen über Einsamkeit klagen, stossen sie auf viel Zuspruch.















