Gut zehntausend Besucher fasst das römische Amphitheater, rund siebentausend müssen jeden Abend kommen, damit sich die aufwendigen Opernproduktionen rechnen. Aber das älteste Open-Air-Festival der Welt liegt voll im Trend.Marco Frei, Verona18.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWillkommen im Variété: Am Bühnenbild für Verdis «La Traviata» in der Arena di Verona kann man sich nicht so schnell sattsehen.Arena di VeronaDer Tornado hat nur zwei Minuten gewütet – doch intensiv genug, um das Bühnenbild zu Giuseppe Verdis «La Traviata» kollabieren zu lassen. Der Nachbau der bekanntesten Mühle von Paris, des «Moulin-Rouge», lag sogar vollständig in Trümmern. Rund um dieses legendäre Variété-Theater hatte der Regisseur Paul Curran seine neue Sicht auf Verdis meistgespielte Oper in der Arena von Verona entwickelt. Nun aber scheint es für einen bangen Moment, als könnte das spektakulärste und traditionsreichste Freiluft-Opernfestival der Welt, das seit 113 Jahren im römischen Amphitheater Opernwerke vor jeweils rund 10 000 Menschen am Abend zur Aufführung bringt, nicht wie geplant anlaufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Tornado zwei Tage vor der Premiere war ein Schock, aber: «Wir hatten Glück im Unglück», sagt Cecilia Gasdia. Im Gespräch gibt sich die Intendantin des Festivals betont gelassen. Das ist ohnehin so etwas wie ihr Markenzeichen. Vielleicht aus Erfahrung: Als junge Chorsängerin wirkte sie in den 1970er Jahren an einer Produktion von Arrigo Boitos «Faust»-Oper «Mefistofele» in der Arena mit, als plötzlich eine Windhose zu wüten begann. «Die Szenenbilder wurden über die ganze Stadt verteilt, sie lagen in den umliegenden Strassen, auf den Dächern und sogar auf der Piazza delle Erbe.»Seit acht Jahren wirkt Gasdia nun als Intendantin des Teatro Filarmonico und der Arena di Verona – und hat auch in dieser Position seit 2018 einiges erlebt. Mit ihrem Amtsantritt erbte sie einen gewaltigen Schuldenberg, den sie erfolgreich abbauen konnte – trotz Pandemie, Inflation und stetig steigenden Produktionskosten. Mit Cecilia Bartoli teilt Gasdia nicht nur den Vornamen, sondern auch die Opernkarriere. Bevor sie Intendantin wurde, trat sie mit führenden Dirigenten wie Riccardo Muti, Carlos Kleiber oder Zubin Mehta auf.Viel Paris-Flair aus dem 19. Jahrhundert in der neuen «Traviata» in Verona 2026.Arena di VeronaKammerspiel im RiesenrundWas macht für die gebürtige Veroneserin die besondere Wirkung der Arena aus? «Das ist Spektakel und Magie», antwortet Gasdia enthusiastisch – und bringt damit die Sache auf den Punkt. Denn hier wird die ganz grosse Show geboten, mit viel Pomp und Bombast, Glitzer und Glamour, kolossalen Massenszenen und ausladenden Choreografien. Das kommt an, zuverlässig – nun schon seit mehr als einem Jahrhundert. Damit freilich ein Abend sämtliche Kosten einspielt, müssen jeweils wenigstens 7000 Personen kommen. Nur 40 Prozent des Publikums stammen aus Italien. Es kommen überwiegend Gäste aus dem Ausland, wobei der deutschsprachige Raum seit langem die grösste Gruppe bildet.Die vier massenwirksamen Spitzentitel im Arena-Repertoire sind die Verdi-Opern «Aida» und «Nabucco», ausserdem Giacomo Puccinis «Turandot» und «Carmen» von Georges Bizet. «La Traviata», sonst ein Verdi-Zugstück an fast allen Opernhäusern, gehört nicht dazu, dafür ist es viel zu intim und fast wie ein Kammerspiel angelegt. Die fragil-luzide Orchestrierung führt in das Innenleben der tragischen Violetta Valéry und ihres Geliebten Alfredo Germont. Alle Szenen spielen in geschlossenen Räumen, und die Dynamik bewegt sich, von den Chor- und Gesellschaftsszenen abgesehen, eher im Verhaltenen.Die Einsamkeit der Kameliendame inmitten des Spektakels: Gilda Fiume als Violetta Valéry.Arena di VeronaBei der Uraufführung des Dreiakters 1853 in Venedig kam das zunächst nicht gut an. Erst im Laufe der Zeit, zumal mit der bahnbrechenden Darstellung der Violetta durch Maria Callas, avancierte diese Oper zum Publikumsmagneten. Kann also dieses intime Seelendrama als opulentes Freiluftspektakel funktionieren? Die Frage stellt sich in diesem Jahr gleich zweimal, denn auch bei den Bregenzer Festspielen hat diese Oper Mitte Juli als Freiluftspektakel auf der Bühne im Bodensee Premiere, und dies erstmals in der 80-jährigen Geschichte des Festivals.In der Arena von Verona gab es zwar schon «Traviata»-Aufführungen, sie waren aber – ähnlich wie Puccinis inhaltlich verwandte «Bohème» – kein Publikumsrenner. Dazu ist sie hier erst 2019 geworden, als Franco Zeffirelli die Oper kurz vor seinem Tod inszenierte. Er gilt bis heute als der Arena-Regisseur schlechthin, hat mit seinen aufwendigen Ausstattungen und historischen Bühnenbildern die spezifische Regieästhetik an diesem Ort geprägt: unvergessen seine pompöse «Aida»-Vision samt Pyramiden und Elefanten, die ab Ende Juli noch einmal in Verona zu sehen ist. Zufall oder nicht: Auch die neue «Traviata» von Curran setzt auf optische Überwältigung.Die opulenten Ensembleszenen der «Traviata» kollidieren in Verona nicht mit dem leidenschaftlichen Seelendrama der Handlung.Arena di Verona«Oh!» und «Ah!»Im ersten Akt lässt sich sogar ein riesiger Elefant als Verbeugung vor Zeffirelli deuten. Der finale Sterbeakt der Kurtisane Violetta spielt dagegen in einer Pariser Mansardenwohnung, wie man sie mit Puccinis «La Bohème» verbindet. Sonst aber dreht sich alles um das «Moulin-Rouge», und das nicht ohne Grund: Vor 25 Jahren hatte der gleichnamige Film von Baz Luhrmann mit Nicole Kidman Premiere. Für den Kinohit, eine zentrale Inspiration für weitere Musicalfilme aus jüngerer Zeit, hatte der Schotte Paul Curran mit Luhrmann zusammengearbeitet.Das «Moulin-Rouge»-Ambiente ist fraglos massentauglich und passt zum allgemeinen, man könnte auch sagen: touristischen Paris-Bild. Mit dem «Traviata»-Stoff hat es jedoch strenggenommen nichts zu tun. Das Variété wurde erst im Oktober 1889 eröffnet, also lange nach dem Tod der Kurtisane und Kameliendame Violetta. Doch dem Publikum ist das einerlei, es erfreut sich hörbar an den opulenten Springbrunnen mit funkelnden Glaskristallen als Wasser, die die Bühnenaufbauten von Juan Guillermo Nova zieren. Und wenn sich aus Kanonen ein Konfettiregen über der Bühne ergiesst, geht ein «Oh!» und «Ah!» durch die Reihen.Nicht minder aufwendig sind die Kostüme von Stefano Ciammitti: Schon für die Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele, die Ende Februar in der Arena stattfand, hatte er die Ausstattung entworfen. Das alles zieht das Publikum an. Überdies sind mit Gilda Fiume als Violetta, Galeano Salas als Alfredo und Amartuvshin Enkhbat als dessen Vater Giorgio Germont attraktive Stimmen zu erleben. Der eigentliche Protagonist ist jedoch das Arena-Hausorchester des Teatro Filarmonico mit Michele Spotti am Pult.Was da an glasklarer Transparenz und lupenreiner Intonation zu hören ist, hat nichts mit einer bloss auf Effekt gebürsteten Untermalung des optischen Spektakels zu tun, wie man es nur zu oft bei Open-Air-Produktionen erlebt. Spotti, der an der Oper Zürich in der kommenden Saison mit Donizettis «Liebestrank» debütieren wird, setzt auf Risiko, indem er die besondere Piano-Dramaturgie der Partitur ausreizt. Er liebt diese Musik, hat schon Ende Mai mit der «Traviata» sein Met-Debüt in New York gefeiert. Die mutige Piano-Dramaturgie geht auch in Verona auf, weil es die Akustik der Arena zulässt. Sie ist einzigartig, geradezu perfekt für Operngesang, obwohl dieses Genre bei der Errichtung des Amphitheaters vor 2000 Jahren noch nicht existierte.Am Ende ist es nur noch ein Kammerspiel: Sterbeszene der Violetta aus Verdis «La Traviata» in Verona, 2026.Arena di VeronaAusblickeOb sich «La Traviata» ähnlich differenziert auch auf der offenen Seebühne in Bregenz realisieren lässt, müssen die Wiener Symphoniker unter Leitung der Dirigenten Kirill Karabits und Pietro Rizzo zeigen. Die Inszenierung dort ist ein weiteres der vielen Projekte von Damiano Michieletto, dessen sehenswerter Film «Vivaldi und ich» zurzeit in den Kinos läuft. Michieletto ist ein Geschichtenerzähler und Phantast im allerbesten Sinn.In Verona ist «La Traviata» noch bis zum 12. September zu erleben. Gasdias laufender Vertrag endet im März 2028, aber sie hat noch viele Ideen. Sie liebäugelt nicht zuletzt mit einer umsichtigen Erweiterung des Arena-Repertoires um Titel, die hier schon länger nicht mehr zu sehen waren. Von Verdi etwa der «Otello», der infolge der Blackfacing-Debatten zu einem Problemstück für viele Häuser geworden ist, und «La forza del destino»; von Puccini «La fanciulla del West» oder «Il trittico»; auch Donizettis «Liebestrank» und Boitos «Mefistofele», ihr stürmisches Schlüsselerlebnis von einst. In Verona muss eine Intendanz immer den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit, Publikumserwartung und künstlerischem Anspruch hinbekommen. Gasdia beherrscht ihn virtuos.Bis zu 10 000 Besucher fasst die Arena di Verona pro Abend. Rechts die Bühnenaufbauten für «La Traviata», 2026.Arena di VeronaPassend zum Artikel
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