Lukaschenko entschuldigt sich bei Selenski und markiert Distanz zu Putins Krieg – aus Moskaus Umklammerung findet er aber nicht so leicht herausWeissrusslands Staatschef hat sich in seiner 32-jährigen Herrschaft als politischer Balancekünstler erwiesen. Nun sucht er eine zaghafte Annäherung an den Westen, ohne den Kreml zu verärgern. Dafür braucht er auch die Ukraine.18.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKein Staatschef wird in Moskau häufiger empfangen als Alexander Lukaschenko (links, im Gespräch mit Wladimir Putin). Trotzdem möchte er nicht in völliger Abhängigkeit von Russland stehen.Alexander Nemenov / EPADiktatoren entschuldigen sich selten; sie wollen als unfehlbar gelten. Doch nun hat sich der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko überraschend reumütig gegenüber seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodimir Selenski gezeigt. Wenn er diesen mit seinen Worten beleidigt habe, so entschuldige er sich dafür. «Vielleicht hätte ich mich nicht so schroff äussern sollen», sagte Lukaschenko in einem am Montag veröffentlichten Interview mit dem saudiarabischen Fernsehsender al-Arabiya.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lukaschenkos versöhnliche Geste ist bemerkenswert angesichts der Feindseligkeit, die seit Jahren zwischen den Nachbarn Weissrussland und der Ukraine herrscht. Formal stehen die beiden nicht im Krieg miteinander, aber die Führung in Kiew betrachtet das Regime in Minsk mit gutem Grund als verlängerten Arm Russlands. Anfang 2022 diente Weissrussland als Aufmarschgebiet für die russischen Truppen, die schliesslich von Norden her in die Ukraine einfielen und Richtung Kiew marschierten.Lukaschenko ist ein treuer Verbündeter Moskaus; kein anderer Staatschef trifft sich so oft mit dem Kremlherrscher Putin wie er. Allerdings hat er sich stets geweigert, mit eigenen Truppen in die Kämpfe einzugreifen. Sein ungewöhnliches Interview wirft deshalb die Frage auf, was er mit seiner Entschuldigung bezweckt.Gehässigkeiten zwischen Kiew und MinskVordergründig geht es um einen Streit, der im April und Mai zunehmend ausgeartet war. Selenski warnte damals wiederholt vor dem Szenario, dass Weissrussland in den Krieg eintreten könnte. Im weissrussischen Grenzgebiet würden Strassen ausgebaut und Artilleriestellungen errichtet. Lukaschenko solle nur ja keinen Fehler begehen, erklärte Selenski ominös, und sich das Schicksal des venezolanischen Machthabers Maduro vor Augen halten. Auch der Chef der ukrainischen Drohnentruppen, Robert Browdi, hob den Warnfinger: Seine Einheiten hätten bereits 500 wichtige Ziele im Nachbarland identifiziert. «Mein kostenloser Ratschlag: Komm der Ukraine nicht in den Weg.»Darauf explodierte Lukaschenko, warf Selenski dummes Geschwätz vor und beleidigte die ukrainischen Soldaten an der Grenze als blosses Kanonenfutter. In den zwei Wochen seither hat der weissrussische Staatschef offenbar tüchtig Kreide gefressen. Die Tonlage gegenüber der Journalistin von al-Arabiya war eine völlig andere. Nicht nur entschuldigte sich Lukaschenko; er beteuerte auch auf fast unterwürfige Weise, dass die Ukraine absolut nichts zu befürchten habe. Weissrussland wäre in einem Krieg sehr verletzlich, falls die Ukraine so zuschlagen würde wie gegen Russland, erklärte er. «Wir begreifen völlig, dass unsere lebenswichtige Infrastruktur ins Visier käme.»Wie ist diese Wende zu erklären? Zweifellos geht es um mehr als einige erhitzte Gemüter. Lukaschenko mag in seinem Auftreten provinziell-grobschlächtig wirken, aber er hat ein feines Gespür für die politische Windrichtung. Der in diesem Frühling erfolgte Quantensprung in der ukrainischen Drohnentechnologie kann ihm nicht entgangen sein: Die unbemannten Fluggeräte schlagen nun plötzlich auch auf Distanzen von 80 bis 150 Kilometern mit grosser Präzision zu, und dies in grosser Zahl. Die Ukrainer haben so die einst sicherere Verbindungsstrasse von Russland zur Krim in ein Hochrisikogebiet verwandelt.Ähnliches müsste Lukaschenko in einem offenen Konflikt befürchten. Ganz Weissrussland ist in Reichweite der ukrainischen Kamikazedrohnen – Raffinerien, Fabriken oder Regierungsgebäude könnten über Nacht in Flammen aufgehen. Opfer sind bereits jetzt zu beklagen. In einem tragischen Einzelfall wurde am Mittwoch in Russland ein Bus mit weissrussischen Sportlern mutmasslich von einer ukrainischen Drohne getroffen; eine Begleiterin kam dabei ums Leben.Lukaschenkos Annäherungsversuch gegenüber Kiew spiegelt wohl die Einschätzung wider, dass Russland anders als noch vor einem Jahr militärisch die Oberhand zu verlieren droht. Dazu passt ein Seitenhieb im selben Interview an die Adresse des Kremls: Für diesen Krieg gebe es keine militärische Lösung, nun sei es Zeit für Kompromisse, sagte er.Kühlerer Wind aus KiewDie Führung in Minsk reagiert aber nicht nur auf militärische Entwicklungen, sondern auch auf eine politische Veränderung in Kiew. Seit diesem Jahr verfolgt Selenski einen spürbar härteren Kurs gegenüber dem Nachbarn. Zu Beginn des Krieges hatte er über Weissrusslands Rolle als Helfershelfer des Kremls noch hinweggesehen – im Bemühen, die Lage an der Nordfront zu beruhigen. Diese taktischen Rücksichten sind vorbei.In den vergangenen Monaten hat die Ukraine Sanktionen gegen das Lukaschenko-Regime und weissrussische Firmen verhängt. Sie haben zwar kaum Auswirkungen, aber sie zeigen den Willen, den westlichen Diskussionen über Sanktionslockerungen für Minsk entgegenzusteuern. Selenski hat zudem im Mai erstmals die weissrussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja in Kiew empfangen. Auch diesen Schritt hatte er aus Rücksicht auf Lukaschenko jahrelang unterlassen. Die Rhetorik gegenüber Weissrussland ist ebenfalls harscher geworden.Zwei Gründe, neben dem generell gewachsenen ukrainischen Selbstbewusstsein, könnten hinter der Kursänderung stehen. Zum einen will die Ukraine nicht länger hinnehmen, dass Weissrussland den russischen Aggressoren verdeckte Hilfe leistet. Russische Kampfdrohnen streifen nach ukrainischen Angaben bei ihren Angriffen regelmässig den weissrussischen Luftraum. Sie sollen dabei für ihre Navigation weissrussische Kommunikationsanlagen nutzen.Zum anderen hat Kiew eine andere Sicht auf die strategische Gesamtlage als etwa die USA. Die Ukrainer sehen das Nachbarland als Vasallenstaat des Kremls und damit als unverminderte Bedrohung. Das grosse Militärmanöver, bei dem Russland und Weissrussland vor einem Monat gemeinsam den Einsatz taktischer Atomwaffen übten, bestärkt die Regierung Selenski in dieser Sichtweise, ebenso die im Dezember erfolgte Stationierung von russischen Oreschnik-Mittelstreckenraketen auf weissrussischem Boden.Alexander Lukaschenko im Mai während einer russisch-weissrussischen Übung der Atomstreitkräfte.President of Belarus / HandoutAmerikanisch-weissrussisches TauwetterWashington dagegen sieht die Chance, Lukaschenko prowestlicher zu stimmen. Dieser lässt sich auf den diplomatischen Seiltanz ein, allerdings sehr vorsichtig und ohne einen Bruch mit Moskau zu riskieren. Im Tausch gegen amerikanische Sanktionserleichterungen hat er 450 politische Gefangene freigelassen. Ihm liegt zudem eine Einladung Trumps zu einem USA-Besuch vor, die er bisher weder angenommen noch abgelehnt hat. In seinem Interview betonte er, dass über die Konditionen noch verhandelt werde.Der Ukraine kann ein amerikanisch-weissrussisches Tauwetter nicht gleichgültig sein. Sie lobbyiert international für möglichst grosse Härte gegenüber dem Tandem Putin/Lukaschenko. Vor diesem Hintergrund ergibt Lukaschenkos Entschuldigung erst recht Sinn: Sie kann ihm helfen, das Verhältnis zur Ukraine zu entspannen und damit auch auf dem Weg zu besseren Beziehungen mit dem Westen voranzukommen.Passend zum Artikel
Lukaschenko entschuldigt sich bei Selenski – welches Kalkül steckt dahinter?
Weissrusslands Staatschef hat sich in seiner 32-jährigen Herrschaft als politischer Balancekünstler erwiesen. Nun sucht er eine zaghafte Annäherung an den Westen, ohne den Kreml zu verärgern. Dafür braucht er auch die Ukraine.







