In meinem Offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz, erschienen am 27. Mai 2026 in der Berliner Zeitung, habe ich sechs konkrete Fehlentscheidungen der deutschen Außenpolitik seit der Wiedervereinigung dargelegt – sechs konkrete Entscheidungen, die von namentlich genannten deutschen Politikern zu bekannten Daten getroffen wurden und Europa an den Rand eines allgemeinen Krieges gebracht haben. Die Berliner Zeitung hat eine Antwort eines Autors unter dem Pseudonym „Tonio Nielsen“ veröffentlicht, der von der Redaktion als „ein Mitarbeiter der Regierung eines europäischen Landes“ identifiziert wurde. Herr Nielsen wirft mir „historische Verzerrungen“, „selektive Geschichtsdarstellung“ und „moralisches und analytisches Versagen“ vor. Er schlussfolgert, dass mein Vorschlag einer „gesteuerten Kapitulation“ gleichkomme.
Seine Antwort verdient eine ernsthafte Auseinandersetzung. Ich möchte daher die sechs Punkte einzeln betrachten. In jedem Fall werde ich darlegen, was ich gesagt habe, was Herr Nielsen erwidert und warum seine Erwiderung nicht stichhaltig ist.
1. Die Zusicherungen von 1990 und die NATO-Osterweiterung
Was ich gesagt habe:
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag vom September 1990, der die deutsche Wiedervereinigung sicherte, wurde vor dem Hintergrund feierlicher, wiederholter und dokumentierter mündlicher Zusicherungen von Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl, James Baker und anderen an Michail Gorbatschow ausgehandelt – Zusicherungen, dass die NATO nicht nach Osten expandieren würde. Die vom National Security Archive der George Washington University zusammengestellten, freigegebenen Dokumente sind eindeutig (siehe hier). Diese Zusicherungen waren die Bedingung für die deutsche Wiedervereinigung zu westlichen Bedingungen. Sie wurden dann gebrochen.






