Aber es lief nicht wie geplant. Sechs Wochen vor der Vereidigung der neuen Kabinettsmitglieder rückten Aktivisten von Animal Rebellion auf Felßners Bauernhof im mittelfränkischen Günthersbühl an, um gegen seine Berufung zu protestieren. Der Präsident des bayerischen Bauerverbands als Bundesminister, in ihren Augen war das undenkbar.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Um darauf aufmerksam zu machen und an Felßners Verurteilung wegen Gewässer- und Bodenverunreinigung aus dem Jahr 2018 zu erinnern, kletterten sie auf das Dach seines Rinderstalls, brannten Pyrotechnik ab, breiteten ein Banner aus – „Kein Tierausbeuter als Agrarminister“ – und verbreiteten Bilder ihrer Aktion im Internet. Einen Tag später erklärte der designierte Minister seinen Rückzug. Und während Rainer also am Mittwoch in Peking weilt, hat Felßner einen Termin am Gericht.Um fünf Minuten nach neun Uhr betreten seine Frau Doris und er den Saal im Nürnberger Justizpalast, wohin der Prozess aus Platzgründen vom Amtsgericht Hersbruck verlegt worden ist. Richter André Gläßl belehrt sie über ihre Pflichten als Zeugen, nicht lügen, nichts hinzufügen, nichts weglassen. Felßner legt den Arm um seine Frau, streichelt ihre Schulter, sie knetet einen gelben Umschlag mit ihren Fingern. Ihr Blick lässt erahnen, dass sie sich auf diesen Tag nicht gefreut hat.Sie habe, erinnert sich Doris Felßner, an jenem Tag im März 2025 mit einem Mitarbeiter im Stall gearbeitet, als auf dem Hof Stimmen zu hören gewesen seien – die Tierärztin, so vermuteten sie, nachdem Kontrolleure des Veterinäramts kurz zuvor „gering- bis mittelgradige“ Mängel im Rinderstall festgestellt hatten, unter anderem in der „tierärztlichen Versorgung“ einiger Jungtiere. Doch draußen hätten zehn bis 15 Fremde gestanden, „manche mit großen Kameras, manche vermummt“.13 Personen sollen am 24. März 2025 auf dem Hof der Felßners demonstriert haben, sieben von ihnen, die nicht auf dem Dach gewesen sein sollen, stehen in Nürnberg vor Gericht, weil sie Geldstrafen von 60 bis 90 Tagessätzen nicht akzeptiert haben. Die Staatsanwältin wirft ihnen gemeinschaftlichen Hausfriedensbruch vor, zweien überdies Verstöße gegen das bayerische Versammlungsgesetz, weil sie sich bei dem Protest vermummt haben.Zwei Angeklagte (2. r. u. 2. l.) sitzen vor Prozessbeginn im Sitzungssaal. Foto: Daniel Vogl/dpaAuch sie spricht in ihrem Plädoyer von einer „friedlichen Protestaktion“, dennoch fordert sie Geldstrafen von 70 bis 100 Tagessätzen – etwas mehr als in den ursprünglichen Strafbefehlen. Der Richter folgt ihren Forderungen im Grundsatz, fünf Aktivisten spricht er des Hausfriedensbruchs schuldig, verurteilt sie aber nur zu einer Strafe von 40 bis 60 Tagessätzen. Einen Beschuldigten spricht er frei, weil dieser nachweisen konnte, dass er als Pressefotograf vor Ort war – und nicht als Demonstrant. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.Auch die anderen Angeklagten, so betonen sie am Mittwoch erneut, halten sich für unschuldig. Einen gemeinschaftlichen Plan habe es nicht gegeben, argumentieren sie in ihren Schlussvorträgen. Dass es sich bei dem Hof um ein eingefriedetes Grundstück handelte, hätten sie ohne Zaun gar nicht erkennen können. Und Doris Felßners Aufforderung zum Verlassen des Grundstücks hätten sie nicht vernommen.Die 58-Jährige und der Mitarbeiter widersprechen vor der Urteilsverkündung im Zeugenstand: Dass sie, Felßner, die Fremden aufgefordert habe, den Hof zu verlassen, da sie sonst die Polizei rufe, hätten diese sehr wohl gehört – es sei ihnen aber egal gewesen.Meine Familie ist überfallen worden.Günther FelßnerÜberhaupt unterscheidet sich ihre Wahrnehmung von jener der Protestler. Während der Demo sei „nichts weiter passiert“, hatte vergangene Woche einer von ihnen gesagt. Felßner sagt, sie habe Angst gehabt. Erst kurz zuvor sei nächtens in den Stall eingebrochen worden, nun Rauch hereingezogen, die Rinder seien weggerannt, Schritte auf dem Dach zu hören gewesen. „So in Panik“ sei sie gewesen, dass sie der Polizei am Telefon kaum klar habe schildern können, was los sei. Drei Tage nach der Aktion sei sie zum Arzt gegangen, der ihr „was zur Beruhigung verschrieben“ habe. „Ich konnte nachts nicht mehr schlafen“, sagt sie.Ob das Thema für sie „nun durch“ sei, mehr als ein Jahr später, will Richter Gläßl wissen. „Eigentlich nicht“, sagt Felßner. Bis heute denke sie „jeden Tag dran. Ich habe ein ungutes Gefühl, alleine dort zu sein. Wenn jemand auf dem Gelände ist, werde ich sofort nervös.“Dass sie derlei nicht bewirken, sondern einzig Günther Felßner als Minister verhindern wollten, haben die Aktivisten in der Vergangenheit immer wieder betont. Eine Entschuldigung an Doris Felßner kommt ihnen am Mittwoch trotzdem nicht über die Lippen.„Für uns ist die Welt seitdem nicht mehr die gleiche“, sagt Günther Felßner, Präsident des Bayerischen Bauernverbands. Foto: Sven Hoppe/dpa„Die war total fertig“, sagt der Mitarbeiter, der mit ihr im Stall stand, als die Aktivisten kamen. Er selbst habe „keine Angst“ gehabt, „ich bin fit genug“, sagt der Mann, der mit grauem Poloshirt und breitem Kreuz auf dem Zeugenstuhl sitzt. Angesichts des hereinziehenden Rauchs habe er sich aber gesorgt, dass das Stroh im Stall Feuer fängt – eine Gefahr, die nach Einschätzung eines Polizisten nicht wirklich bestand. Gleichwohl sagt auch er: Wenn jemand auf den Hof komme, habe er noch „ein ungutes Gefühl, weil man ist so skeptisch“.Und dann ist Felßner an der Reihe. „Meine Familie ist überfallen worden“, sagt er, auf den Zuschauerplätzen bricht Gelächter aus, aber davon lässt er sich nicht verunsichern. „Für uns ist die Welt seitdem nicht mehr die gleiche“, fährt er fort. Das verstehe vielleicht nicht jeder, aber „ein Bauernhof ist für uns Privat- und Arbeitsraum. Wir verbringen mehr Zeit im Stall als in unserem Haus“, sagt er. „Das war eine Ausnahmesituation für meine Familie.“ Und: „Das war ein terroristischer Akt.“Bei einem Verteidiger löst diese Wortwahl Irritation aus. Terrorismus – ob er seine Worte wirklich so drastisch wählen wolle? Auch angesichts dieses strafrechtlich vergleichsweise milden Vorwurfs: Hausfriedensbruch. Ja, sagt Felßner, er habe „abgewogen, bevor ich das Wort in den Mund nehme“. Aber sich über Gesetze hinweg-, um seine Meinung durchzusetzen und persönliche Ziele zu erreichen, das sei für ihn „die Definition von Terrorismus. Das hier sind Terroristen“, behauptet er, und der Anwalt regt bei der Staatsanwältin an, „wegen eines Äußerungsdelikts“ ein Ermittlungsverfahren gegen den Bauernpräsidenten einzuleiten.Ob seine Einlassungen für Felßner Folgen haben, bleibt abzuwarten, zunächst bedürfte es einer Anzeige durch die Aktivisten. Deren Aktion selbst indes hatte Folgen für Felßner. Er selbst sei psychischen Druck gewohnt, sagt er, „das muss man ertragen, wenn man sich im politischen Bereich bewegt“. Wenn „die Terroristen“, wiederholt er seine Formulierung, aber nicht mehr nur auf ihn losgingen, sondern auf seine Familie, „dann ist für mich Schluss“.Der Schutz seiner Familie, das war jene Erklärung, die Felßner bereits unmittelbar nach seinem Rückzug angeführt hatte – ihm allerdings nicht jeder uneingeschränkt abgenommen hatte. Schließlich machte nicht nur Animal Rebellion Druck auf ihn. Hunderttausende hatten sich Petitionen gegen seine Ernennung angeschlossen, die Kontrolleure wenige Tage vor dem Protest die Mängel auf seinem Hof festgestellt, die Tierrechtsorganisation Peta ihm die Veröffentlichung von Aufnahmen aus seinem Stall angekündigt. Und selbst in der Berliner Landesgruppe der CSU regte sich Unmut, weil eines der raren Ministerämter der Partei gewissermaßen extern und von einem Kommunalpolitiker besetzt werden sollte, der kein eigenes Bundestagsmandat errungen hatte. Dass ihn all dies zu seiner Entscheidung bewogen hatte, bestritt Felßner stets.
Protestaktion bei Günther Felßner: Aktivisten wegen Hausfriedensbruchs verurteilt
2025 protestieren Aktivisten auf dem Hof des designierten Bundeslandwirtschaftsministers. Verurteilt werden einige von ihnen wegen Hausfriedensbruchs. Felßner sieht in der Aktion viel mehr.











