Gebt mir ein V für …, sagen wir „Verschwörungstheorie“. Da sind wir schnell dabei. Eine WM im Land der Verschwörungstheoretiker. Wer – psst, schon gehört? – von Kindern als Speisen einer Elite in der Unterwelt flüsternd erzählt, den Klimawandel bei „Land unter“ als Lüge verbreitet und – neulich unter Zeugen gehört – von der Erde als Scheibe spricht, der wird doch wohl mal die Richtlinienkompetenz der Chefcoachs infrage stellen dürfen. Glauben Sie denn nach all dem Torhütertheater auch, der Nagelsmann stelle sein Team auf? Dann aber aufgepasst.Auch Trainer hängen an Fäden der großen Strippenzieher. Wer da nicht alles mitzieht. Die Liste reicht (angeblich) von der Ehefrau über den Verbands- bis zum Staatschef (beides belegt). Benito Mussolini, im Hauptberuf Diktator, spielte sich vor der WM 1938 als Coach auf. Sein ebenso brutaler Gesinnungsgenosse Videla soll in Argentinien 1978 den Einsatz eines gewissen Maradona verhindert haben. In Deutschland hatte der nominelle Kaiser Franz vier Jahre zuvor seine Regentschaft noch in Stollenschuhen begonnen und dem „Mann mit der Mütze“ auf dieselbe gegeben, als er ihm wesentliche Entscheidungen abnahm. Gute Teams stellen sich ohnehin von selbst auf.Mehrere VerschwörungstheorienDas ist mal keine Verschwörungstheorie. Aber jetzt kommt sie. Korrigiere, es sind sechs oder so: Sommer 1998, WM in Frankreich, Finale. Einer kommt erst gut 40 Minuten vor Spielbeginn ins Stadion. Ronaldo, der Weltstar Brasiliens. Angeblich direkt aus dem Krankenhaus. Er steht zunächst nicht in der Aufstellung, spielt dann aber doch von der ersten Minute an mit: ein Torschuss, ein erfolgreiches Dribbling, acht Ballverluste. Ronaldo, ein Schatten seiner selbst. Wie das?Eine Untersuchungskommission der brasilianischen Regierung scheitert, aha, mit einem Aufklärungsversuch. Zurück bleibt eine hübsche Auswahl an Erklärungen: Sie reichen von Bestechung durch Frankreich über eine Vergiftung Ronaldos (verdorbene Froschschenkel?), eine falsche Kniebehandlung des eigenen Doktors, Stress mit den hohen Erwartungen und vor allem mit der Freundin bis hin zum Druck eines Übermächtigen: Nike.Kampf der GigantenWenn das mal keine Verbindung zur Gegenwart schafft. Haben die Big Player nicht längst die Spielsteuerung übernommen? Beweise? Am Mittwoch berichten Agenturen von Trikotproblemen der Deutschen. Für Weltklasse, für Havertz und den aufstrebenden Pavlović, nicht mal für den „Ich komme rein und mach das Tor“-Undav reicht es vorerst. Wenn dahinter nicht die Rache von Adidas steckt. Mehr als 70 Jahre Ausrüster des Deutschen Fußball-Bundes, Entwickler der Schraubstollen, die dem „Wunder von Bern“ auf dem glitschigen Rasen die Basis boten, Ausrüster aller folgenden deutschen Europa- und Weltmeister. Mehr als Randstreifen.Aber 2027 verdrängt Nike die Deutschen vom Leib der Deutschen. Soll denn den Amis ein WM-Erfolg in den Schoß fallen? Eine schöne Verschwörung zum Kampf zweier Giganten. Wenn da nicht der Hinweis des Sportartikelherstellers gekommen wäre: Der DFB trägt demnach die Verantwortung für ein vollständiges Alphabet bei der Beflockung von 150 Euro teuren Trikots. Fürs Team gabs genug. Aber spontane Fans mussten sich etwas gedulden, bis sie wieder Havertz, Pavlović und Undav spielen durften. Story geplatzt.Denkste. Wem – sonst so gut sortiert – ganz plötzlich der rechte Buchstabe fehlt, der will doch zurück in die Zeiten der Müllers und Maiers, nicht wahr? Ach, schön, dass es wieder ein V gibt. Es könnte ja mal für ein bisschen mehr Vertrauen stehen.