Frau Marceau, es ist jetzt 17 Jahre her, dass Sie die Hauptrolle in der Mutter-Tochter-Komödie „LOL“ spielten, die zu einem Ihrer größten Kinoerfolge wurde. Wie sehnlich haben Sie darauf gewartet, noch einmal in diese Rolle zu schlüpfen?Ehrlich gesagt haben die Regisseurin Lisa Azuelos und ich in all den Jahren nie darüber gesprochen, deswegen habe ich keinen Gedanken daran verschwendet. 17 Jahre sind eine lange Zeit, wenn es um Filme geht. Entsprechend ist das jetzt auch keine dieser Fortsetzungen, die nur entstehen, weil jemand schnell Geld machen will. Lisa hatte vielmehr eine Idee für eine Geschichte, die sie gerne erzählen wollte und für die es sich anbot, sich noch einmal dieser Familie zu widmen. Aber man muss den ersten Teil gar nicht kennen, um nun Freude an „LOL 2.0“ zu haben.Es geht diesmal darum, dass aus Jugendlichen irgendwann Erwachsene werden und wie das alle Beteiligten verändert. Haben Sie sich als Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder darin wiedererkannt?Ich weiß nicht, ob ich im echten Leben so witzig bin wie die von mir gespielte Anne. Aber davon abgesehen kam mir natürlich manches bekannt vor. Sie befindet sich in diesem seltsamen Zwischenstadium, in dem die Kinder zwar eigentlich ihr eigenes Leben führen, aber dann doch noch einen Fuß in der Tür zu Hause haben. Plötzlich hat sie eine ganz neue Freiheit, aber was genau sie damit anstellen will, weiß sie noch gar nicht. Auch weil sie selbst zwar älter ist, aber sich noch nicht wirklich alt fühlt. Vergleichbares erleben wahrscheinlich die meisten Eltern früher oder später.Waren Sie ebenfalls eine Mutter, die eng vertraut war mit dem Freundeskreis ihrer Kinder?Ja, und das habe ich immer genossen. Bis zu einem gewissen Grad ergibt sich das einfach, wenn die Kinder umtriebige, soziale Wesen sind und lange Freundschaften pflegen. Einige Freundinnen und Freunde meiner Kinder kenne ich schon seit dem Vorschulalter. Das sind junge Menschen, die vor meinen Augen und gemeinsam mit meinen beiden Kindern groß geworden sind. Wie könnte ich da kein Interesse für sie entwickeln? Außerdem will ich, ganz egoistisch betrachtet, auch wissen, wer die Menschen sind, mit denen meine Kinder sich umgeben. Da ticken Eltern heute vermutlich ein wenig anders als früher in meiner Kindheit und Jugend. Damals war das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern weniger freundschaftlich und von mehr Distanz geprägt. Die Kommunikation war eine andere, und man war nicht so sehr an den Beziehungen der jeweils anderen Generation interessiert.„LOL 2.0“ ist Ihr erster Film seit vier Jahren. Vermissen Sie die Arbeit, wenn Sie nicht drehen?Kein bisschen. Einen Film zu drehen, kostet viel Zeit und Energie, deswegen finde ich Pausen dazwischen wichtig. Ich will der Schauspielerei schließlich nicht überdrüssig werden. Außerdem bin ich jemand, der nur Rollen spielen kann, zu denen ich einen echten Bezug habe und die ich nah an mich heranlassen kann. Deswegen bin ich wählerisch und auch ein wenig vorsichtig. Arbeiten um der Arbeit Willen ist nicht so meines. Ganz zu schweigen davon, dass ich mir in den vergangenen Jahren auch bewusst Zeit nehmen wollte, um zu schreiben.2023 veröffentlichten Sie „La Souterraine“, einen Band mit Geschichten und Gedichten, aber Sie haben auch eigene Drehbücher geschrieben und inszeniert. Haben Sie diesbezüglich weitere Pläne?Aktuell nicht. Das Regieführen entwickelte sich bei mir nie zu einer echten Leidenschaft. Was auch damit zu tun haben dürfte, dass ich nicht so richtig gut bin im Verfassen von Drehbüchern. Und ohne ein phantastisches Skript kann man auch in der Inszenierung nicht mehr allzu viel retten.Ihre Karriere vor der Kamera begannen Sie als Jugendliche, in diesem Jahr werden Sie 60 Jahre alt. Wenn Sie zurückblicken auf die vergangenen Jahrzehnte: Wie eng sind in Ihrer Erinnerung all die Filme und Ihre persönlichen Lebensstationen miteinander verknüpft?Ich weiß nicht, ob ich beides wirklich voneinander trennen kann. Mein Leben ist mein Leben, da fehlt mir ein wenig der Draufblick auf das große Ganze. Aber ich schaue eigentlich nie zurück. Nostalgie geht mir vollkommen ab, vor allem, was meine Arbeit betrifft. Ich habe stets mein Bestes versucht, damit ist die Sache für mich erledigt. Meine Energie richte ich lieber nach vorne. Nicht zu weit in die Zukunft, das ist mir zu ungewiss, dann blockiere ich. Aber das Hier und Jetzt und das, was unmittelbar auf mich zukommt, verdienen meine volle Aufmerksamkeit.Das klingt, als würden Sie nicht unbedingt mit dem Älterwerden hadern?Es ist doch so: Ob ich damit nun hadere oder nicht, ändern kann ich ohnehin nichts! Irgendwann habe ich realisiert, dass die Sache mit dem Alter nichts anderes ist als die mit dem Wetter. Man kann noch so sehr darüber schimpfen und hat trotzdem nicht den geringsten Einfluss darauf. Also habe ich irgendwann beschlossen, damit nicht meine Zeit zu verschwenden. Das heißt nicht, dass ich freudestrahlend meinem Lebensende entgegensehe. Aber ich mache das Beste daraus, dass die Zeit unaufhaltsam vergeht.Selbst dass Ihre Kinder groß wurden und das Haus verlassen haben, hat Sie nie melancholisch gestimmt?Kein bisschen. Wahrscheinlich weil ich mich mein Leben lang immer über Veränderung und Abwechslung gefreut habe und gar nicht schnell genug erwachsen werden konnte. Schon als Kind habe ich davon geträumt, groß zu sein, Zigaretten zu rauchen und Auto zu fahren. Ich wollte reisen und frei sein. Menschen, die sich an die Kindheit klammern, sei es die eigene oder die anderer, sind mir suspekt. Vollgeschissene Windeln stehen einem als alter Mensch früh genug wieder ins Haus, da bin ich doch froh, dass das Kapitel bei meinen Kindern längst abgeschlossen ist.Ein Kapitel, das nie abgeschlossen zu sein scheint, ist das von „La Boum – Die Fete“. Ihr erster Film aus dem Jahr 1980 ist Kult, ein moderner Klassiker, der in Deutschland noch heute im Sommer für ausverkaufte Freiluftkinos sorgt. Können Sie diesen Erfolg nachvollziehen?Er überrascht mich bis heute, auch wenn ich mich inzwischen daran gewöhnt habe. Ich habe schon so viele Generationen erlebt, die mit diesem Film aufgewachsen sind, und ich werde bis heute von jungen Mädchen angesprochen, die wissen, dass ich darin Vic gespielt habe. „La Boum“ ist ein kleines, kaum erklärbares Wunder, von der Geschichte über das Ensemble bis zur Musik.Glauben Sie, dass Sie auch ohne den Film irgendwann Schauspielerin geworden wären?Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Das war nichts, was ich auf dem Schirm hatte. Auch weil ich als Kind kaum je im Kino war und gar nicht wusste, dass es diesen Beruf gibt. Hätte mir nicht eine Freundin von dem Casting damals erzählt, hätte mein Leben eine ganz andere Wendung genommen.Haben Ihre Erfahrungen als junge Schauspielerin damals die Art und Weise geprägt, wie Sie selbst heute mit Kindern und Jugendlichen beim Drehen umgehen?Ich hatte damals Glück. Wir waren am Set eine Reihe von Kids, die alle zum ersten Mal drehten und im gleichen Boot saßen. Die erwachsenen Schauspieler, wie Claude Brasseur und Brigitte Fossey, waren ausgesprochen nett und professionell, da konnte ich mir viel abgucken. Und unser Regisseur Claude Pinoteau war wirklich gut und hat mir viele grundlegende Dinge über diesen Beruf beigebracht. Das Wichtigste, das ich damals verstanden habe und heute gerade in der Arbeit mit Kindern immer wieder beherzige: Man muss sich wohlfühlen, um sein Bestes geben zu können. Gerade junge Leute, mit denen ich drehe, nehme ich erst einmal in den Arm, um sie zu beruhigen und dafür zu sorgen, dass sie in meiner Nähe entspannt und ganz sie selbst sein können.Um am Ende noch einmal den Bogen zurück zu „LOL 2.0“ zu schlagen: Was bedeutet Ihnen eigentlich Ihre Heimatstadt Paris, die sich im Film wieder einmal von ihrer besten Seite zeigt?Ich bin in Paris geboren, bin aber letztlich nicht das, was man als waschechte Pariserin bezeichnen würde. Da sind die Menschen hier nämlich recht eigen. Meine Eltern stammten nicht von hier, und den Großteil meiner Kindheit und Jugend habe ich eher im Speckgürtel der Stadt verbracht. Aber inzwischen lebe ich die meiste Zeit in Paris und könnte mir nichts anderes vorstellen. Für mich ist es die perfekte Stadt. Widersprüchlich und nervig, aber auch charmant und wunderschön. Von der vielen Kultur ganz zu schweigen. Anders als in London und Berlin verändert sich das Stadtbild kaum, sieht man einmal davon ab, was unsere frühere Bürgermeisterin Anne Hidalgo vorangetrieben hat, etwa in Sachen Fahrradfreundlichkeit. Unabhängig davon finde ich, dass Paris die perfekte Größe hat. Man befindet sich spürbar in einer Großstadt, aber es ist klein genug, um zu Fuß unterwegs zu sein und auch provinzielle Ecken zu finden. Einfach wunderbar.
Sophie Marceau in LOL 2.0: Wie wird man älter, ohne sich alt zu fühlen?
17 Jahre nach dem ersten Teil kehrt Sophie Marceau in „LOL 2.0“ auf die Kinoleinwand zurück. Wie im echten Leben sind ihre Kinder im Film inzwischen erwachsen geworden. Was fängt man mit der neuen Freiheit an?










