PfadnavigationHomeKulturJoe-Lewis-Sammlung wird versteigertNackte Tatsachen für den Kunstmarkt – und eine FinanzspritzeVon Heidi BürklinStand: 14:52 UhrLesedauer: 4 MinutenEinst skandalös: Modiglianis „Nu assis au collier“ (Detail)Quelle: Sothebyy'sDer Londoner Kunsthandel giert nach Erfolg. Der von Trump begnadigte Tottenham-Milliardär Joe Lewis soll ihn liefern. Seine Trophäensammlung könnte eine Rekordsumme einspielen – mit Picasso, Modigliani, Klimt.Diese Energiespritze kommt dem Londoner Kunstmarkt sehr gelegen. Am 24. Juni 2026 bietet Sotheby’s in London 25 Lose aus der Lewis Collection an. Sie hat die perfekten Zutaten: eine Einzelsammlung mit hochpreisigen, vielfach musealen Werken, die seit Jahrzehnten nicht mehr im Handel waren. Der Schätzpreis von rund 150 bis 200 Millionen Pfund könnte daraus die wertvollste Sammlung aus einer Provenienz machen, die je in Europa versteigert wurde.Dahinter steht der 89-jährige Joe Lewis, ein gebürtiger East-Londoner, dessen Vermögen das Magazin „Forbes“ auf rund sieben Milliarden Dollar schätzt. Er machte sein Geld unter anderem mit Devisenhandel, ist Haupteigner des Fußballklubs Tottenham Hotspur, wurde wegen Insiderhandels in den USA verurteilt und von Präsident Trump begnadigt. In den 1990er-Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für die figurativen Maler der „School of London“. Vier Gemälde von Francis Bacon, Lucian Freud und Leon Kossoff aus der Sammlung testeten im März bereits den Markt. Mit 35,8 Millionen Pfund, inklusive Aufgeld, wurden die Erwartungen deutlich übertroffen. Das ermutigte Lewis und seine Familie offenbar, nun weitere Meisterwerke anzubieten.Drei höchst unterschiedliche Aktgemälde machen besonders auf sich aufmerksam. 1909 erprobte der 19-jährige Egon Schiele in Wien den bei Klimt bewunderten dekorativen Jugendstil an einem schlafenden, von Jupiters Goldregen überschütteten Mädchen. „Danaë“, von Lewis aus Privatbesitz erworben, war bereits 2017 bei einer Auktion von Sotheby’s in New York mit einem Mondpreis von 30 bis 40 Millionen Dollar taxiert worden, wurde damals aber zurückgezogen. Seither war das Bild unter anderem als Leihgabe in der Neuen Galerie in New York zu sehen; jetzt wird es mit irdischeren 12 bis 18 Millionen Pfund eingeschätzt.1917/18 malte Amedeo Modigliani in Paris „Nu assis au collier“. Seine freizügigen Akte galten seinerzeit als Skandal; auch bei diesem Bild ist die suggestiv im Schoß ruhende Hand Teil der kalkulierten Provokation. Lewis erwarb das Gemälde 1995 bei Christie’s in New York für 12,4 Millionen Dollar. Bei Sotheby’s wird die Taxe nur auf Anfrage genannt; von rund 45 Millionen Pfund ist die Rede.Lesen Sie auchDie dritte dieser drei Grazien saß Lucian Freud 1995/96 Modell. Ein monumentales Format von 228 mal 120 Zentimetern fasst den in einem Ledersessel überquellenden Körper von Sue Tilley vor einem Teppich mit Löwenmotiv. Mehrmals posierte die Angestellte eines Londoner Arbeitsamts für den Maler. Dieser Akt beeindruckte Joe Lewis durch seine massive Fleischlichkeit und farbliche Brillanz so sehr, dass er ihn noch frisch aus dem Atelier, über die Acquavella Galleries erwarb. Jetzt erhofft man sich einen Zuschlag bei 25 bis 35 Millionen Pfund.Schwarz gekleidete Männer kontern die weiblichen Akte. Modigliani malte 1918/19 einen weißbärtigen, nüchtern dunkel gewandeten Notar in Nizza als „Homme à la pipe“. Jetzt wird das Bild auf 12 bis 18 Millionen Pfund taxiert. Gustave Caillebotte wiederum porträtierte seinen Freund Paul Hugot 1878 in voller Größe als eleganten, stocktragenden Kavalier. 1994 bei Sotheby’s erworben, ist das Gemälde auf 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund geschätzt.Auch Pablo Picasso darf in dieser internationalen Parade nicht fehlen. Der britische Sammler konnte jedenfalls 1996 einem „weinenden“ Porträt Dora Maars von 1938 nicht widerstehen (Taxe 12 bis 18 Millionen Pfund). Max Beckmanns farbkräftiges, aus dem Lot gekipptes „Stillleben mit Grammofon und Schwertlilien“ von 1924 (drei bis vier Millionen Pfund) fand ebenfalls Lewis’ Gefallen. Dasselbe gilt für Edgar Degas’ Skulptur „Petite danseuse de quatorze ans“. Um 1879/81 in Wachs konzipiert und ab 1922 in Bronze gegossen, ist diese Ikone des Balletts nun auf 18 bis 25 Millionen Pfund geschätzt.Lesen Sie auchMit der Wahl des Standorts für die Versteigerung seiner Schätze legt Joe Lewis ein Bekenntnis zu dem nach dem Brexit etwas ins Hintertreffen geratenen britischen Kunsthandel ab. Dieser behauptet sich hinter den USA nach aktuellen Marktdaten sogar wieder als zweitgrößter Kunstmarkt der Welt. In London, so wohl die Kalkulation, kann diese Sammlung stärker brillieren als im hochkarätigeren, aber überfüllten New Yorker Angebot. Auch bemerkenswert: Von Garantien ist bei der Auktion keine Rede – selbstbewusst lässt die Familie Lewis die Qualität ihrer Kunst für sich sprechen.