Seine drei Herzen schlagen irgendwo in seinem Körper aus Styropor und Altpapier, unter seiner schillernden Haut aus Müll. Er ist ein Ausnahmekrake, lebt fern vom Meer und legt keinen Wert auf seine Tarnkunst. Stattdessen hat er es sich seit Kurzem an Land, direkt beim Schwabinger Tor, auf dem Deckel (s)eines blauen Klaviers bequem gemacht. Er möchte nicht nur gesehen werden. Er möchte auch, dass die Leute hingehen, sich zu ihm setzen und Klavier spielen – für ihn, ja, aber in erster Linie für sich selbst, und für die anderen. Das wünschen sich auch Antonia und Peter Mertens, die das „Müllkraken-Piano“ gebaut haben, und jetzt erst einmal abwarten: „Schauen wir mal, wie es angenommen wird.“Das Müllkraken-Piano ist eines von elf gespendeten Klavieren, die elf Menschen oder Gruppen für das Projekt „Spiel mich!“ künstlerisch gestaltet haben. Klaviere, die dann jeweils an einem Ort in München aufgestellt wurden. Die Grundidee ist simpel und schön: Die Menschen sollen sich eingeladen fühlen, zu den Klavieren zu gehen. Um sie zu spielen. Aber auch, um über den „Treffpunkt Klavier“ in die Begegnung miteinander zu kommen.Ulrike Bührlen von den Münchner Urbanauten erklärt: „Die Musik ist doch oft ein gutes Vehikel, ein guter Brückenbildner, um einfach miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Die Denkfabrik, die mit künstlerisch-kulturellen Aktionen den öffentlichen Raum der Stadt bespielt, verantwortet das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Verein Isarlust. Schließlich, so Bührlen, brauche es vielmehr solcher Orte im öffentlichen Raum – Orte, an denen man nicht nur aneinander vorbeihetze, sondern eine tiefergehende Begegnung erlebe.Es ist Montagmittag, Mittagspause im Hinterhof. Noch ein Tag, dann wird das Klavier abgeholt, um es in der Woche drauf in der Stadt aufzustellen. Antonia Mertens, als Biologiestudentin sonst in der Uni, und Vater Peter Mertens, als Grafikdesigner sonst in der Agentur, arbeiten an den letzten Feinheiten des „Müllkraken-Pianos“. Ein Monat mit straffem Zeitplan und vielen Stunden Arbeit ist dann beendet.Saugnäpfe aus Kronkorken, eine bunte Plastik-Haut, ein Auge aus Radreflektoren; der Müllkraken auf seinem Piano. Florian PeljakDie beiden haben, könnte man sagen, schon Übung im Klaviergestalten. „Vor zehn Jahren“, erklärt Peter Mertens, „haben wir schon zweimal mitgemacht bei dem Projekt“, das es in München seit 2014 gibt. Tochter Antonia? Damals noch klein. Das Projekt? Schon damals „einfach richtig cool“. Es sei ganz klar gewesen, dieses Jahr endlich mal wieder mitzumachen. Heute studiert sie in München, wohnt er mit seiner Frau in Truchtlaching im Chiemgau. Deshalb „ist das schon auch noch mal so ein Vater-Tochter-Ding“, gibt er zu und lächelt.Wie kommt man nun auf die Idee, einen achtarmigen Meeresbewohner aus Müll zu basteln? „Es war eine Kombi-Idee“, erklärt Antonia Mertens, „ich hatte die Idee mit dem Oktopus. Und die Müllidee kam von meinem Dad.“ Sie möchte Meeresbiologin werden, und meint, etwas Aufmerksamkeit schade diesem Thema nicht. Er sammelt Müll aus der Natur, seit er vor ein paar Jahren einen Artikel über eine Walkuh gelesen hat, die vor Sardinien verendet ist – mit einem Magen voller Müll.Es liegt für die beiden also fast auf der Hand, ein „Müllkraken-Piano“ zu basteln. Bemerkenswert und ermutigend an Antonia und Peter Mertens Arbeit ist ihr Umgang mit einem ernsten Thema: Sie sammeln Müll, weggeworfen in den See oder Wald, und fügen ihn neu zusammen, zu bunter Kunst. „Der Gedanke, dass man aus etwas Zerstörerischem, Hässlichen wirklich etwas Schönes macht oder etwas Positives, so eine Umkehr“, das motiviere ihn, sagt er.Der letzte Arbeitsschritt beim „Müllkraken-Piano“: der Appell und die Einladung, das „Spiel mich!“ aus Zigarettenstummeln. Florian PeljakDie Zigaretten haben sie also nicht geraucht. Auch alles andere, die bunte Haut des Kraken aus Capri-Sonnen-Verpackung, KitKat-Plastik, Chipstüte, Prinzenrolle und Co, seine großen Augen, Pinsel, Feuerzeug und die Jack-Daniels-Cola-Dose, die er in seinen Tentakeln hält, alles haben sie – binnen eines Monats – zusammengesammelt. Die Saugnäpfe aller acht Arme? Aus Kronkorken.Die Mittagspause neigt sich dem Ende. Es fehlt noch ein Arbeitsschritt, bevor es für Peter Mertens wieder zurück in die Agentur geht – und für Antonia Mertens in die Uni. Und dieser Schritt ist wichtig: den Appell und zugleich Namen des Projekts über die Tasten zu kleben, und zwar – wie kann es anders sein – aus Lettern feinster handverlesener Zigarettenstummel: „Spiel mich!“. Also, spielen wir es!Eine „Klavier-Kutsche“ mit Geweih beim Siegestor. UrbanautenInzwischen sind das „Müllkraken-Piano“ und die anderen zehn Klaviere aus den Ateliers, Wohnzimmern, Hintergärten und Aulas oder Schulhöfen abgeholt. Frisch gestimmt stehen sie zum Projektbeginn am 16. Juni an öffentlichen Orten der Stadt: am Odeonsplatz (16. bis 24. Juni) / Lenbachplatz (25. Juni bis 5. Juli), Bordeauxplatz, Moosacher St.-Martins-Platz, Curt-Metzger-Platz, Baumkirchner Straße / Grüner Markt, Giesinger Bahnhofsplatz, Hans-Mielich-Platz, Thalkirchner Platz, Oertlplatz. Das „Müllkraken-Piano“ steht beim Schwabinger Tor. Wer Lust hat auf noch mehr Maritimes: Es gibt ein buntes „Korallenklavier“, gestaltet von einer Grundschulklasse, zu finden und zu spielen am Pasinger Marienplatz.Für diese Klavier-Kunst stand ganz unverkennbar Piet Mondrian Pate. UrbanautenWas passiert mit den Klavieren, wenn das Projekt am 5. Juli endet? Dann, erklärt Bührlen, werden die Klaviere abgeholt und an Einrichtungen verschenkt, „die dann noch hoffentlich lange Spaß daran haben“. Bis dahin gilt: Die Klaviere stehen in der Stadt und wollen gespielt werden. Ob man sich nun seine Chopin-Noten schnappt oder „Alle meine Entchen“, oder statt vorbeizugehen, Halt macht für ein paar Akkorde oder Gespräche mit anderen Interessierten – ganz egal. Spielen, lauschen, begegnen, das ist der Sinn dieser musikalischen Idee mit sozialem Beiklang.Spontanes Klavier-Konzert auf der Wittelsbacherbrücke. UrbanautenIn den Vorjahren, erklärt Ulrike Bührlen von den Urbanauten, „haben da oft sehr viele, sehr schöne spontane Konzerte stattgefunden“. Die Erbauer des „Müllkraken-Pianos“ Antonia und Peter Mertens werden auch mal vorbeischauen. Weniger zum Spielen als zum Lauschen? Sie kann selbst ein wenig Klavier spielen, er nicht, „aber mit einem Bierchen, einer spielt und ich sing’“, sagt er und lacht, das könne er sich vorstellen. Das Lohnenswerte und Schöne für die beiden, das wissen sie aus den Vorjahren: danebenzustehen und zu sehen, wie die Leute darauf spielen und hingehen. „Das hat schon etwas Erbauendes.“„Spiel mich!“, vom 16. Juni bis 5. Juli, an 13 Standorten in München, nähere Infos unter www.isarlust.org